Bild: epd-Bild/ Hubert Jelinek

Vernichtete Identitäten

Tagesthema 08. Dezember 2016

Ausstellung im Harz zeigt Schicksal von Kindern der Hitler-Attentäter

"In dem Gebäude da hinten waren die Mädchen untergebracht", sagt Bernhard Schwartz. "Und das da", der Rentner zeigt mit seinem Wanderstock auf ein von den Fichten fast verschlucktes Holzhaus, "das war die Isolierstation". Schwartz spaziert oft durch das Borntal bei Bad Sachsa und kennt sich mit der Geschichte der kleinen Siedlung am Waldrand gut aus. Hier waren die Kinder von Offizieren und Zivilisten eingesperrt, die am Attentat auf Adolf Hitler im Juli 1944 beteiligt waren. Seit kurzem dokumentiert eine Ausstellung in der Touristinformation das Schicksal der nach Bad Sachsa verschleppten Mädchen und Jungen.

Für die Kinder, deren Väter nach dem Scheitern des Anschlags hingerichtet und deren Mütter in Sippenhaft genommen worden sind, hat die Gestapo-"Sonderkommission 20. Juli" ein Heim in einer geeigneten Gegend gesucht. Bad Sachsa liegt nahe beim Konzentrationslager Mittelbau-Dora, wo die Häftlinge unter der Erde Teile der angeblichen Wunderwaffe V 2 zusammensetzen müssen. Gestapo und SS haben in dem Hochsicherheitsgebiet unbegrenzte Vollmachten. Und in Bad Sachsa gibt es das von der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" geführte Kinderheim.

Ab Mitte August treffen die ersten Kinder in den dafür überstürzt geräumten Häusern ein. Insgesamt werden dort 46 Mädchen und Jungen festgehalten. Gleich nach der Ankunft müssen sie alle Erinnerungsstücke, Fotos von Eltern und Geschwistern oder Briefe abgeben. Sie erhalten neue Familiennamen, die jüngsten auch neue Vornamen. Die Kindergärtnerinnen sind angehalten, ihre familiären Bindungen zu zerstören.

In Briefen, Aktenvermerken und auf Fotos können Besucher der Ausstellung mit dem Titel "Unsere Identität sollte vernichtet werden" den Alltag der Kinder nachverfolgen: "Es war schrecklich, wie geheim wir gehalten wurden, keinen Schritt alleine vor die Tür, ja mit niemanden reden und um Gottes Willen nichts über Namen und Herkunft verlauten lassen", heißt es in einem Tagebucheintrag der in Bad Sachsa internierten Christa von Hofacker.

Im Oktober 1944 werden viele "Sippenhäftlinge" überraschend entlassen. Die Kinder, deren Mütter freikommen, können jetzt zu ihren Familien zurückkehren. Für die übrigen werden die Regeln etwas gelockert, sie erhalten zu Weihnachten kleine Geschenke, Christa bekommt sogar einen Hund.

Der Krieg liegt in den letzten Zügen, als die Wehrmacht Ende Januar 1945 fast alle Gebäude des Kinderheims beschlagnahmt und darin ein Stabsquartier einrichtet. Heimleiterin Elsa Verch erhält den Auftrag, die verbliebenen 14 Kinder ins KZ Buchenwald zu bringen. Gerade als der Lkw Bad Sachsa verlässt, starten Flugzeuge der Alliierten einen Großangriff auf das nahe Nordhausen. Auch Straßen und Bahnverbindungen werden bombardiert, der Lastwagen muss umkehren und bringt die verängstigten Kinder nach Bad Sachsa zurück.

Am 12. April 1945 besetzen Einheiten der US-Armee Bad Sachsa. Sie setzen den Sozialdemokraten Willi Müller als kommissarischen Bürgermeister ein, der in seiner ersten Amtshandlung die Kinder unter seinen persönlichen Schutz stellt. Sie erhalten ihre echten Namen zurück und werden offiziell in der Stadt angemeldet. Doch die meisten können erst im Sommer oder Herbst 1945 zu ihren Müttern zurückkehren. Als letzte werden Hildegard Gehre und Renate Henke, Tochter und Stieftochter des im KZ Flossenburg ermordeten Offiziers Ludwig Gehre, im November zu einem Onkel auf die Nordseeinsel Föhr gebracht.

Reimar Paul (epd)

Für Jahrzehnte bleibt die Geschichte des Heims weitgehend vergessen. "Lange Zeit wollte niemand hier über die Kinder und ihre Schicksale sprechen", räumt der heutige Bürgermeister Axel Hartmann (CDU) ein. Nach seinem Amtsantritt 2014 beschaffte er bei der Bundesregierung Unterstützung für die Ausstellung. 80.000 Euro sind in das Projekt geflossen. Die mehr als 300 Fotos und Dokumente sollen mindestens für zehn Jahre, vielleicht aber auch dauerhaft in der Stadt gezeigt werden.

In die Gebäude des Kinderheims "Bremen" zog nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst ein Kinderkrankenhaus. 1992 wurde es geschlossen, seitdem stehen die Häuser leer, die meisten sind verfallen. "Das ist ein Jammer", sagt Bernhard Schwartz und beschreibt mit seinem Arm einen Bogen über das weitläufige Gelände. Er ist überzeugt: Die Ausstellung hätte dorthin gehört, wo die verschleppten Kinder eingesperrt waren.

Info

Die Ausstellung kann zu den Öffnungszeiten der Tourist-Information besichtigt werden: Zwischen November und Ostern montags bis freitag von 9 bis 17 Uhr, zwischen Ostern und Oktober zusätzlich sonnabends und an Feiertagen von 10 bis 14 Uhr. Der Eintritt ist im ersten Jahr kostenlos.

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