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"Die Welt muss nicht so bleiben, wie sie ist"

Tagesthema 02. Dezember 2016

Ulrike Offenberg wird neue Rabbinerin in Hameln

Vor vielen Jahren hat Ulrike Offenberg ihre Doktorarbeit über Juden in der DDR geschrieben. Sie ist selbst in Ost-Berlin geboren. "Wichtig ist für mich als frühere DDR-Bürgerin die Erfahrung, dass sich Dinge ändern können", betont sie. "Die Welt muss nicht so bleiben, wie sie ist. Und sie wird auch nicht so bleiben," sagt die 50-Jährige.  Künftig wird die Mutter dreier Kinder in der Jüdischen Gemeinde Hameln als Rabbinerin arbeiten. Vor zwei Wochen wurde sie in Jerusalem feierlich ordiniert. Am 02. Dezember 2016 wird sie feierlich in der Hamelner liberalen Synagoge in ihr neues Amt eingeführt.

Im liberalen Judentum können auch Frauen Rabbinerinnen oder Kantorinnen sein. Und so folgt in Hameln eine Frau auf die nächste: Ulrike Offenberg löst Rabbinerin Irith Shillor ab, die bisher aus Großbritannien nach Hameln gekommen ist, um Gottesdienste zu leiten.

Veränderung ist ein Lebensthema von Ulrike Offenberg. So hat sie sich auch an der Klagemauer in Jerusalem für Veränderung eingesetzt. Während ihres Rabbinatsstudiums dort hat sie sich der Gruppe "Women of the Wall" ("Frauen an der Mauer") angeschlossen. Die Frauen setzen sich für gleiche religiöse Rechte an der Klagemauer ein. Denn von Frauen aus aller Welt wird dort erwartet, dass sie sich nach orthodoxen Regeln verhalten. Einen Gebetsschal dürfen sie genauso wenig tragen wie aus einer Bibelrolle lesen. Doch genau das hat Ulrike Offenberg zusammen mit anderen getan - oft gegen heftige Proteste von ultraorthodoxen Rabbinern.

Veränderung ist aber nicht nur ein politisches Thema für Ulrike Offenberg. Auch sie selbst hat sich verändert. Einst lebte sie in einer jüdisch-orthodoxen Familie, war mit einem orthodoxen Mann verheiratet, teilte den orthodoxen Alltag mit vielen Regeln und Gebräuchen. Zum liberalen Judentum ist sie nicht etwa durch Argumente oder Diskussionen gekommen, sondern durch eine Synagogen-Gemeinschaft, die ihr gefallen hat. "Ich habe dort Freundlichkeit und Entgegenkommen erfahren", erzählt sie. "Erst dann habe ich angefangen, mich mit dem liberalen Judentum zu befassen."

Israel hat Ulrike Offenberg beeindruckt. Als einzige Deutsche im ganzen Studiengang, überhaupt als einzige Nicht-Israelin, ist sie am renommierten Hebrew Union College in Jerusalem zur Rabbinerin ordiniert worden. Natürlich beherrsche sie die hebräische Sprache nicht so flüssig, wie eine Muttersprachlerin: "Der Unterricht hatte ein hohes Tempo, wir haben jede Stunde ein enormes Pensum absolviert", lacht sie. "Ich habe oft abends zu Hause gesessen und nachgearbeitet."

Es sei auffällig, wie unterschiedlich Juden in der Diaspora wie etwa in Deutschland und Israelis mit den Texten umgingen, mit der hebräischen Bibel und dem Talmud. Denn wenn Israelis die Bibel lesen, sagt Ulrike Offenberg, dann hören sie mit, wie neuzeitliche israelische Dichter die Texte aufgreifen und wie dieselben Worte in modernen Zeitungsartikeln vorkommen. Moderne Israelis stießen sich viel stärker an dem, was im jüdischen Gebetbuch stehe, als etwa deutsche Juden. Der Grund sei einfach: Israelis verstünden jedes Wort.

Daran, dass sich Gemeindemitglieder an Gebetstexten und biblischen Erzählungen auch reiben können, möchte Ulrike Offenberg in Hameln arbeiten. Neben ihren Gottesdiensten hält sie Workshops zu den biblischen Texten. Die Arbeit in Hameln knüpft wieder an ihre biografischen Wurzeln an. Denn wäre die Berliner Mauer nicht gefallen, wären nicht so viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen - für Ulrike Offenberg "ein modernes Wunder".

Die russischsprachigen Juden und ihre Kinder machen heute über 80 Prozent der Juden in Deutschland aus und prägen das Gesicht vieler Gemeinden - auch der Gemeinde in Hameln. Und Ulrike Offenberg greift auf ihr Russisch zurück, das sie in Ost-Berlin in der Schule gelernt hat. Besonders im Seelsorgegespräch helfe das: "Da ist es wichtig, sich ohne Übersetzer zu unterhalten."

Gerald Beyrodt (epd)

Mehr über die Jüdische Gemeinde von Hameln

Isreal als Vorwand

Der Botschafter des Staates Israel in Berlin, Yakov Hadas-Handelsman, hat zunehmende anti-israelische und antisemitische Tendenzen in Niedersachsen beklagt. Die Affäre an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim (HAWK), an der jahrelang ein Seminar mit israelkritischen und auch antisemitischen Tönen veranstaltet wurde, sei kein Einzelfall, betonte der 59-Jährige am Donnerstag in einem Gastbeitrag für die Online-Seite der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (haz.de).

"Was ist nur los in Niedersachsen?", fragt der Diplomat. Er führt eine Reihe von Vorfällen an, die ihn mit Sorge erfüllten. Dazu gehörte auch eine ursprünglich an der Universität Göttingen geplante Wanderausstellung zu Flucht und Vertreibung der Palästinenser. Sie basiere "schlicht auf falscher Geschichtsschreibung".

Mitte November dieses Jahres habe eine Gruppe in der Delmenhorster Fußgängerzone einen Infotisch aufgebaut, "um eine Abstimmung über die Zukunft des jüdischen Staates abzuhalten". Das Ergebnis hätten die Initiatoren gleich vorweggenommen: "Israel ist illegal." Für den Botschafter ist dies ein unerhörter Vorgang. "Einem legitimen und demokratischen Staat wurde das Existenzrecht abgesprochen - und nicht wenige Leute machten mit." Das Fazit des Diplomaten: "Israel wird als Vorwand genutzt, gegen Juden zu sein."

epd

„Was ist los in Niedersachsen?“ zum online haz-Artikel vom 30.11.2016