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Irgendwo in Afrika

Tagesthema 15. November 2016

Nachlass-Detektive suchen auf der ganzen Welt nach Erben

Lange Zeit sieht alles nach einer Agentengeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg aus. Ende 1940 schreibt Henry, der Sohn eines Großunternehmers, an seine Familie, die NSDAP habe ihn "in besonderer und geheimer Mission" nach Südafrika geschickt. Dann verlieren sich seine Spuren. Mittlerweile ist der Vater gestorben, ein Millionenerbe soll verteilt werden. Doch wo ist der Sohn? Und hat er Nachfahren? Der Bremer Nachlassermittler Frank Bergmann macht sich Jahrzehnte später auf die Suche nach dem verschollenen Mann. Irgendwo in Afrika.

Gewerbliche Ermittler wie Bergmann kommen ins Spiel, wenn die vom Amtsgericht bestellten Nachlasspfleger auf der Suche nach Erben nicht weiter kommen oder wenn die Recherche zu teuer wäre. "Dann geht es immer um schwierige Fälle", verdeutlicht der ehemalige Umwelttechniker. "Um Leute, die im Ausland leben, um Vorfahren aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, früheren deutschen Kolonien, um Urkunden, die im Ausland beschafft werden müssen." Bundesweit gibt es etwa 120 Firmen, die so arbeiten, einige davon organisiert unter dem Dach des Verbandes Deutscher Erbenermittler.

Mit detektivischem Gespür und Lebenserfahrung macht sich Bergmann in der Regel im Auftrag eines Nachlasspflegers an die Arbeit, um in Archiven nach Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden zu fahnden. Doch im Fall von Henry kommt er lange Zeit nicht voran. Der genaue Aufenthaltsort bleibt im Dunklen, denn die Familie hatte nicht nur Verbindungen nach Südafrika, sondern auch nach Namibia. "In Situationen wie diesen stellt man gedanklich die ganze Welt auf den Kopf", erinnert sich Bergmann.

Dann der entscheidende Geistesblitz: "Auch Agenten haben einen 50. Geburtstag und wollen den standesgemäß feiern." Schon zuvor hatte der Bremer in akribischer und jahrelanger Arbeit einen wandfüllenden Stammbaum erstellt, um Generationen und Familienteile zu dokumentieren.

Nun durchsucht Bergmann über Wochen die Archive von Zeitungen aus den ehemaligen deutschen Kolonialgebieten. Bis er tatsächlich auf eine Glückwunschanzeige stößt, die von Freunden des Jubilars geschaltet worden war. Treffer.

Mit den Daten können der Wohnsitz und alle weiteren Informationen ermittelt werden. Klar wird dabei allerdings, dass Henry gestorben und kinderlos geblieben war. Fachleute sprechen von einem "toten Ende". Doch immerhin: Bergmann schließt die Dokumentation des Erbfalls erfolgreich ab. Dabei zeigt sich auch, dass Henry gar kein Agent war. Er hatte das Schriftstück mit dem offiziellen Briefkopf der NSDAP selbst verfasst, um sich so vom Krieg in Europa absetzen zu können.

Bergmanns "Hanseatische Erbenermittlung" bearbeitet derzeit 50 Fälle. Manche stehen ganz am Anfang, andere kann er demnächst abschließen. Dafür recherchiert er im Internet, stöbert in Archiven von Standesämtern und Kirchen, sichtet Auswandererlisten, Klassenbücher, Heuerbücher und Beichtregister. Auch Telefonbücher. "Ich nehme alles", sagt der 44-Jährige mit einem Lächeln. Manchmal verfolgt der Stammbaum-Detektiv seine Spuren sogar auf Friedhöfen. "Grabsteine verraten Namen und Daten", sagt er. "Wichtig ist aber auch, wer die Grabstelle und wer den Gärtner bezahlt."

Dieter Sell (epd)

Verband Deutscher Erbenermittler

Schwierig wird es, wenn sich Namen in der mündlichen Überlieferung ändern und damit auch Ablagestellen im Personenstandsregister. Doch in der Regel findet Bergmann immer Angehörige, die allerdings oft gar nichts voneinander wissen. Sein Interesse, die Dinge aufzuklären, ist groß. Denn Geld bekommt er nur, wenn er erfolgreich ist und mit den Erben einen Vertrag schließt. Dann erhält er eine Provision, die bis zu 30 Prozent der Erbmasse betragen kann. Scheitert er, fällt das Vermögen nach 30 Jahren an den Staat.

Alle Recherchen müssen dokumentiert, oft Hunderte Kopien von Urkunden herangeschafft werden. "Das kann leicht Tausende Euro kosten, die wir vorfinanzieren", bilanziert Bergmann. Doch manchmal ist es schon schwer, überhaupt einen Kontakt aufzubauen. Wie im Fall eines ehemaligen Fremdenlegionärs, den er einst auf einer Insel vor Madagaskar aufspürte. "Wir mussten telefonieren. Es war aber gar nicht so leicht, eine funktionierende Telefonzelle zu finden." Am Ende klappt alles. Der Mann, ein Schmuggler, bekommt sein Erbe und kauft sich davon ein neues Boot.

Später faxt der Erbenermittler für eine neue Recherche 5.000 Altenheime in Kanada an - diesmal ohne Erfolg. Erfreulicher verläuft die Suche nach einem potenziellen Erben, der zur See gefahren sein soll. Die einen vermuten ihn in Australien, andere in Portugal. Doch Anfragen bei Heuerstellen, in Seemannsheimen und bei Reedereien bleiben zunächst ergebnislos. Bis der verschollene Mann schließlich in Cuxhaven gefunden wird. Bergmann: "So gibt es aufgrund unserer Recherchen nach mehr als 60 Jahren auch noch eine Familienzusammenführung."

Dieter Sell (epd)