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Durchdrungen von Gottes Geist

Tagesthema 08. Oktober 2016

20. Sonntag nach Trinitatis

Verbotene sexuelle Beziehungen, leidenschaftliche Begierden, die zu unterlassen sind, Anweisungen in Sache Bruderliebe und Geschäfte: Paulus schreibt im ersten Brief an die Thessalonicher Sätze, die es in sich haben. Die Perikope enthält reihenweise Mahnungen und Ansagen. Sie klingen nach leibfeindlicher Moral. Der Text liest sich so, als wolle Paulus unmissverständlich sagen, wie man sich als Mitglied der Gemeinde Christi zu verhalten habe. Und dann kündigt er auch noch das Strafgericht für die an, die sich nicht an seine Worte halten.

Es hat den Anschein, als sei der Missionar weit entfernt von der „Freiheit vom Gesetz“, weit entfernt von seiner Erkenntnis, dass die Erfüllung des Lebens sich nicht durch das eigene Tun erreichen lässt, sondern durch Gottes Gnade. Ist das wirklich derselbe Paulus wie der, der davor warnt, sich wieder „das Joch der Knechtschaft“ auflegen zu lassen. Spricht nicht gerade Paulus von der Gefahr, aus der gewonnenen Freiheit in eine religiöse Gesetzlichkeit zurückzufallen? Wie passt das eine zum anderen?

Die christliche Gemeinde in Thessaloniki ist noch jung. Paulus hat sie auf seiner zweiten Missionsreise selbst mit gegründet. Längst nicht alles konnte er den neuen Christinnen und Christen mit auf den Weg geben. Nun schreibt er, was ihm wichtig ist. Was aus dem Textausschnitt nicht deutlich wird: Paulus hat zu den Thessalonichern ein sehr gutes Verhältnis. In den ersten Kapiteln des Briefes lobt er sie und sagt, sie seien anderen zum Vorbild geworden, weil sie sich zu dem lebendigen und wahren Gott bekehrt haben.

Paulus verliert kein schlechtes Wort über die Gemeinde. Er will sie stärken, ermuntern. Ihn treibt die Erwartung an, dass Christus schon bald wiederkommen wird, um die Welt zu erlösen.

In jedem Kapitel schreibt er das. Engagiert setzt er sein ganzes Leben für die Sache Christi ein. Christin oder Christ zu sein hat Konsequenzen. Denjenigen, die in der antiken Hafenmetropole wohnen, sagt er: Auch wenn in eurer Stadt Prostitution und Betrug an der Tagesordnung ist – verhaltet euch nicht so, haltet euch an Christus.

Für den Missionar geht es aber nicht um formale Regelungen, sondern um eine innere Haltung, genauer um „Heiligung“. Christen werden ganz und gar durchdrungen von dem neuen Leben in Christus, haben ein Leben in einer anderen, in Gottes Wirklichkeit. Sie (er)leben ein ungeteiltes, heiliges Leben.

Es geht Paulus vor allem also gar nicht darum zu sagen, was Christen nicht sollen, sondern vor allem darum, was Christen sind: durch und durch Verwandelte, fern von Gier und Egoismus. Es geht Paulus nicht um den Buchstaben des Gesetzes sondern um diesen christlichen Ethos: Gottes Geist leitet an zu heiligem Tun. Alle wesentlichen Bereiche menschlicher Existenz gehören dazu: Mannsein, Frausein, das Erleben von ungeteilter gelebter Sexualität. Und ebenso der ehrliche Umgang mit den Mitmenschen, egal ob in Freundschaften oder geschäftlichen Dingen. Leib, Seele und Geist werden eine Einheit.

Ein ungeteiltes, echtes, erfülltes Leben, das ist der Wille Gottes, ein solches heiliges Leben hat Paulus vor Augen. Bei aller Unvollkommenheit, die unser Leben mit sich bringt, lese ich das auch als uraltes und wunderschönes Versprechen: Ein Leben in Heiligkeit.

Pastor Joachim Lau

Der Bibeltext

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Bild: Wiebke Ostermeier/lichtemomente.net

Jeder von euch soll lernen, mit seinem eigenen Körper in heiliger und ehrenhafter Weise umzugehen. Folgt nicht den leidenschaftlichen Begierden, wie es die Heiden tun, die Gott nicht kennen. Setzt euch in geschäftlichen Angelegenheiten nicht über euren Bruder hinweg und bereichert euch nicht an ihm. Denn Gott hat uns nicht zur Unsittlichkeit berufen, sondern zur Heiligkeit.

(Aus 1. Thessalonicherbrief 4,1-8)

Der Autor

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Joachim Lau. Bild: privat

Pastor Joachim Lau ist Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit im Evangelischen MedienServiceZentrum (EMSZ).