Bild: epd-Bild/ Thomas Osterfeld

Geschnürt, geknotet, geklebt

Tagesthema 13. September 2016

Ausstellung zeigt von Kindern gefertigte Fußbälle aus aller Welt

Auf einem staubigen Dorfplatz in Kenia reichen Mädchen und Jungen einander ein bunt-glänzendes Bündel aus Plastikfolien. Mit jeder Menge weißer Klebemasse verpassen sie ihm eine kugelige Form. Kurz darauf jagen die Kinder lärmend und lachend ihrem selbst gefertigten Fußball hinterher. Die Szene stammt aus einem Video, das Teil einer Ausstellung über handgefertigte Fußbälle aus Afrika, Lateinamerika und dem Nahen Osten ist. Straßenkinder haben die Spielgeräte überwiegend aus Müll zusammengebastelt. Die Schau "Geschnürt Geknotet Geklebt - Handgemachte Fußbälle aus aller Welt" wird von noch bis zum 9. Oktober im Museum Industriekultur in Osnabrück gezeigt.

"Wir wollen damit vor allem auf die Situation der weltweit rund 100 Millionen Straßenkinder aufmerksam machen", sagt Hans-Martin Haist. Der Sozialpädagoge ist Leiter der Stiftung "Eigensinn" in Freudenstadt im Schwarzwald. In seiner Werkstatt arbeitet er mit straffällig gewordenen oder kriminalitätsgefährdeten Kindern zwischen sieben und 18 Jahren. Das Fußballspiel ist dabei ein wichtiges Mittel.

Vor mehr als zehn Jahren hatte Haist die Idee, für ein Turnier handgefertigte Bälle bei Hilfsorganisationen in Entwicklungsländern zu ordern. "Ich wollte meinen Jungen zeigen, dass es nicht wichtig ist, ein Markentrikot und teure Schuhe zu tragen, sondern dass es einfach nur einen Ball braucht - sei er auch aus Stoffresten und Abfall." Haist beließ es nicht bei diesem ersten Sockenball, sondern fragte bei immer mehr Sozialarbeitern, Streetworkern und Kirchenmitarbeitern nach. Mittlerweile umfasst seine Sammlung mehr als 300 Bälle aus mehr als 50 Ländern der Erde.

"Heute wird, was kaputt ist, einfach aussortiert und weggeworfen."

Sie wurde bislang unter anderem in Bern, Erfurt, Stuttgart, Köln und Hamburg gezeigt. Eine Auswahl von 53 Bällen ist nun erstmals in Niedersachsen zu sehen. Sie hängen von der Decke oder liegen in Vitrinen, einige sind an lebensgroße Drahtfiguren gebunden. Auf Videos und Fotos ist zu sehen, wie sie entstanden sind.

Jungen und Mädchen haben Stoffreste oder Plastikmüll mit Kordeln verschnürt, Seetangfasern miteinander verschlungen oder Bananenblätter verknüpft. Beliebt sind auch mit Lumpen gestopfte und zusammengenähte Socken oder verbeulte Blechdosen. Partner der Schau im Museum Industriekultur sind das Kinderhilfswerk terre des hommes und der Fußball-Drittligist VfL Osnabrück.

Dessen Präsident Hermann Queckenstedt liegt offenbar der jüngste 110-Millionen-Transfer des Franzosen Paul Pogba zum englischen Verein Manchester United noch schwer im Magen: "Da ist eine Grenze überschritten", findet er. "Das ist ein scharfer Kontrast zu der ursprünglichen und unverstellten Freude am Spiel, die sich in diesen einfachen, aber mit viel Kreativität hergestellten Bällen widerspiegelt."

Auch Museumsdirektor Rolf Spilker sagt, die Schau zeige die Schieflage in der Welt. Er erinnere sich noch daran, welchen Wert ein Lederfußball für ihn als Kind hatte. "Wenn eine Naht gerissen war, haben wir ihn zur Reparatur zum Schuster gebracht", erzählt er. "Heute wird, was kaputt ist, einfach aussortiert und weggeworfen." Deshalb biete die Ausstellung vor allem einen emotionalen Zugang zu einer anderen Lebenswelt. "Sie steht im krassen Gegensatz zu den Gegebenheiten unserer von Kommerz und Überfluss geprägten Gesellschaft."

Martina Schwager (epd)

Die Spielgeräte sind Teil einer Sammlung mit mehr als 300 Bällen aus mehr als 50 Ländern weltweit. Bild: epd-Bild / Thomas Osterfeld

Die Olympischen Spiele und die Paralympics in Brasilien sind ohne Bälle nicht denkbar - industriell gefertigte Hightech-Spielgeräte. Ein Osnabrücker Museum präsentiert das Kontrastprogramm: Fußbälle aus Müll und Lumpen, hergestellt von Kindern aus aller Welt.