Bild: Wiebke Ostermeier

Verrückte Zeiten

Tagesthema 03. September 2016

Ein Brief der Mut macht

Wir leben in unsicheren und unruhigen Zeiten. In vielen Regionen der Erde toben kriegerische Konflikte, Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Viele europäische Staaten machen ihre Grenzen dicht und verschärfen ihre Gesetze. Zeitgleich nehmen die terroristischen Gewalttaten junger Menschen mit islamistischem wie auch mit rechtsradikalem Gedankengut zu. Viele Menschen sind durch diese Entwicklungen so verunsichert, dass sie solchen Politikern Glauben schenken, die einfache Lösungen versprechen.

„Sind wir denn alle verrückt geworden?“ So fasste neulich einer meiner Freunde seinen Eindruck der momentanen Lage zusammen. Sind wir verrückt geworden? Bei einigen sieht es in der Tat so aus, manche sind vermutlich auf dem Wege dorthin. Ein neues Phänomen wäre das allerdings nicht. Irrationale Entwicklungen hat es in der Geschichte der Menschheit schon oft gegeben, und mehrmals waren wir Deutschen maßgeblich daran beteiligt. Wir leben mal wieder in unsicheren und unruhigen, vielleicht sogar „verrückten“ Zeiten.

Manchmal hilft es, in die Vergangenheit zu blicken und zu fragen, wie die Menschen in früheren Zeiten mit solchen Umständen umgegangen sind. Der Predigttext dieses Sonntags erlaubt uns einen solchen Blick. Er markiert den Schluss des Ersten Petrusbriefes und ist – so wie der ganze Brief – eine einzige Ermutigung. 

„Seid nüchtern und wacht! Steht fest im Glauben! Alle eure Sorge werft auf Gott!“ Diese drei Aufforderungen höre ich besonders heraus aus dem „Mutmachbrief“ des Petrus. Und Ermutigung war offensichtlich nötig. Es muss übel gestanden haben um die christlichen Gemeinden, an die der Brief sich wendet. Verfolgung, Anfeindungen, üble Nachrede, Spott und Hohn mussten die Christen in der damaligen Zeit erdulden. Das ist aus vielen Andeutungen des Briefes herauszuhören. Auch wenn die Lebensumstände damals und heute letztlich nicht miteinander zu vergleichen sind, ist den damaligen Christen und uns Heutigen das Gefühl gemeinsam, in einer Krisenzeit, in einer „verrückten“ Zeit zu leben.

Was ich bemerkenswert und erstaunlich am Ersten Petrusbrief finde, ist die doppelte Aufforderung: „Seid nüchtern und glaubt!“ Das, was für viele Zeitgenossen geradezu ein Widerspruch zu sein scheint, wird hier miteinander verknüpft: Vernunft und Glaube, Rationalität und Emotionalität, sachliches Analysieren und unbeirrbares Hoffen. Für den Petrusbrief gehört beides zusammen wie die beiden Seiten einer Medaille. Das eine geht nicht ohne das andere. 

Diese Verknüpfung ist Ausdruck eines besonderen Lebensgefühls, das mit dem Begriff Demut zusammengefasst wird. Demut als Gegenbegriff zu Hochmut. Demut als das Wissen darum, dass ich nicht autark bin, nicht alles kann, nicht alles beherrsche, nicht alles im Griff habe, nicht alles absichern kann. Demut als das Wissen darum, dass ich verletzlich bin, gefährdet, sterblich, angewiesen. Angewiesen auf Liebe und Geborgenheit, auf Güte und Begnadigung. Angewiesen auf Gott.

Wer in diesem Sinne „demütig“ ist, ist ehrlich, sachlich, nüchtern, rational und zugleich hoffnungs-, vertrauens-, sehnsuchts- und erwartungsvoll. „Seid nüchtern und wacht. Steht fest im Glauben. Alle eure Sorge werft auf Gott.“ Ein guter Rat für verrückte Zeiten. 

Pastor Reinhard Fiola

Der Bibeltext

Alle eure Sorge werft auf Gott, denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wacht, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben.

Aus 1. Petrusbrief 5,5c-11

Der Autor

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 Reinhard Fiola

Pastor Reinhard Fiola koordiniert das Projekt „Mitgliederorientierung“ in der hannoverschen Landeskirche.

 

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