Bild: Jens Schulze

Erinnerungen auf Zeltwänden

Tagesthema 12. August 2016

Syrischer Künstler zeigt Zeichnungen aus der Flüchtlingsunterkunft

Eine Faust, mit feinen Strichen aus Kohle gezeichnet, reckt einen Esslöffel in die Höhe. Daneben der Satz: "Dafür sind wir nicht nach Deutschland gekommen." So prangt es in großen Buchstaben auf der Zeltwand. Bei der Essensausgabe in der Notunterkunft habe es oft Streit gegeben, erläutert der syrische Künstler Eyad Alkhateeb. Ab dem 12. August 2016 zeigt er in Hannover eine Ausstellung über seine Erlebnisse auf der Flucht aus Syrien und über die ersten Monate in der Flüchtlingsunterkunft in Hannover-Badenstedt.

Das Besondere: Der 33-Jährige hat die Bilder auf die Innenwände eines Zeltes gezeichnet, in dem er selber mehrere Monate lang untergebracht war. Es stand in einem ehemaligen Baumarkt. Jetzt ist das Zelt in der Städtischen Galerie "Kubus" aufgebaut: Bis 21. August ist es in der Ausstellung "Eyad Alkhateeb: An Inside Look" zu sehen.

Wegen der Wärme im Zelt und den Erinnerungen in seinem Kopf habe er oft nicht schlafen können, sagt der gelernte Bildhauer, der seine früheren Werke bereits in zahlreichen Ausstellungen in Syrien und Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten präsentiert hat. Mit den Zeichnungen aus Kohle, Tinte und Filzstift habe er seine Erlebnisse verarbeitet. Sie seien zwischen Mitternacht und den frühen Morgenstunden entstanden, wenn seine vier Zeltnachbarn schon schliefen. "Ich wollte dafür alleine sein."

Schmerzverzerrte Gesichter, eine unzerstörte Straße in Damaskus und viele Hände - die Zeichnungen anzufertigen sei gar nicht so leicht gewesen, betont der Syrer und drückt gegen die beige Dachschräge des mannshohen Zeltes, die sofort zu wackeln beginnt. Seine Nachbarn hätten sich aber gefreut, wenn sie morgens ein neues Bild an den Wänden entdeckt hätten. Auch deren Erfahrungen hat er hier verarbeitet. "Jedes Bild hat eine Geschichte." Die Zeichnungen werden ergänzt durch Zitate von historischen Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Nietzsche und Mahatma Gandhi.

Auf der anderen Seite des Ausstellungsraumes können sich Besucher ein knapp vierminütiges Video über die Stadt Damaskus ansehen. "Die Fotos darin zeigen Damaskus vor und nach der Zerstörung." Dazu liest der Künstler einen Text, eine Art Liebeserklärung an seine Heimatstadt, auf Arabisch vor. Die deutsche Version ist auf Zetteln neben dem Bildschirm zu lesen.

Seit ein paar Monaten wohne er in einer eigenen Wohnung in Hannover, erzählt Alkhateeb. Er würde gerne wieder studieren und eine Doktorarbeit in Kunst und Politik schreiben. Am wichtigsten sei ihm aber, dass seine Frau und seine beiden Kinder endlich nach Deutschland kommen könnten. Auch sie hat er natürlich auf die Zeltwände gezeichnet.

Katharina Hamel (epd)

Besuch der Ausstellung

Die Ausstellung läuft vom 12. bis 21. August. Sie ist dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr und am Wochenende von 11 bis 16 Uhr geöffnet.

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