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Wacher Blick auf`s Miteinander

Tagesthema 25. Juli 2016

Gewalttaten von Einzelnen nicht vollständig zu verhindern

Der Amoklauf von München hat auch in Niedersachsen Bestürzung und Fassungslosigkeit ausgelöst. Der evangelische Landesbischof Ralf Meister aus Hannover rief  zum gesellschaftlichen Zusammenhalt auf: "Wir werden einen wachen Blick auf unser Miteinander brauchen." Innenminister Boris Pistorius (SPD) betonte, Gewalttaten wie diese ließen sich nicht vollständig verhindern. Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) sagte, das länderübergreifende Entsetzen über die Tat lasse sich nur vor dem Hintergrund der Anschläge von Paris oder Nizza verstehen.

Bei dem Amoklauf eines 18-Jährigen im Olympia-Einkaufszentrum wurden nach Polizeiangaben insgesamt zehn Menschen getötet und 27 verletzt. Unter den Opfern waren vor allem Jugendliche, einige mit türkischen und kosovarischen Wurzeln. Der Schütze beging Suizid. Laut Polizei handelte es um einen Schüler, der die deutsche und die iranische Staatsangehörigkeit besaß. Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund fanden die Ermittler nicht. Die Tat sei vielmehr von dem Attentat des Norwegers Anders Breivik vor genau fünf Jahren beeinflusst.

Innenminister Pistorius räumte auf NDR Info-Radio ein: "Wenn ein Einzelttäter, ohne es jemanden vorher mitzuteilen, losgeht und sich vornimmt, Menschen zu töten, aus welcher Motivation auch immer, dann kann man sich dagegen nicht schützen". Er erinnerte dabei an die Amokläufe in Erfurt 2002 und Winnenden 2009. Pistorius lobte zugleich die Sicherheitskräfte in München. Sie hätten "so gut reagiert, wie sie nur reagieren konnten". 

Umweltminister Wenzel warnte in einer "Bürgerpredigt" in der evangelischen Marktkirche in Hannover vor Rassismus und Rechtspopulismus. Es sei beängstigend, wie heute vielfach "Angst vor dem Fremden propagiert, Trennendes nach vorn gestellt und nationale Selbstbehauptung als Allheilmittel gepriesen wird", sagte er. Wenzel rief zugleich zum Frieden zwischen den Religionen auf und forderte Christen und Muslime zur Zusammenarbeit auf. Der Gottesdienst begann mit einer Schweigeminute für die Opfer des Amoklaufs und des Terrors.

Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sagte auf NDR Info-Radio, die Polizei in München habe "einen großartigen Job gemacht". Die Notfallpläne hätten gut funktioniert: "Bei bestimmten Lagen weiß jeder, was zu tun ist." Die Behörden seien "hellwach", und die Polizeikräfte für solche Einsätze geschult. Sie hätten die Bevölkerung wirksam geschützt und durch eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit eine Panik verhindert.

epd

ÜBERWINDE DAS BÖSE MIT GUTEM

"Ich bin erschüttert über die schreckliche Tat in München. Ich trauere um die Opfer, ich bete für die Verletzten und all die Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben oder um sein Leben bangen. Gott behüte Menschen, die Leid tragen und schenke den Verletzten Genesung. 

In den letzten Tagen haben viele Menschen das Gefühl, dass unsere Sicherheit immer brüchiger werde. Es gibt keine schnellen und keine einfachen Antworten, um dem Bösen zu begegnen, das durch Gewalt und Terror brutal in unserem Alltag einbricht. Die Ursachen für Amok und Terror sind vielfältig und komplex..."

Landesbischof Ralf Meister

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Typische Merkmale

Der Kriminologe Christian Pfeiffer hält den Amokläufer David S. aus München für einen idealtypischen Amokläufer. "Er erfüllt alle Merkmale, die man in der Forschung als wichtige Faktoren bezeichnet", sagte Pfeiffer der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse" (Montagsausgabe). Der 18-Jährige, der am Abend des 22. Juli 2016 in einem Einkaufszentrum und einem Schnellrestaurant mit einer Pistole neun Menschen und sich selbst getötet hatte, sei psychisch in einer Krise und sozial isoliert gewesen. 

Der Jugendliche mit deutschen und iranischen Wurzeln habe zudem unter Depressionen gelitten und massives Mobbing durch Mitschüler erlebt. Außerdem habe er offenbar ein schwieriges Elternhaus gehabt. Durch gefälschte Nachrichten habe er versucht, andere Jugendliche zu dem Fast-Food-Restaurant zu locken, sagte der frühere Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover.

Pfeiffer machte auch darauf aufmerksam, dass sich David S. "exzessiv berauscht hat an brutalen Computerspielen". Dies sei auch bei den Tätern von Winnenden 2009 und Erfurt 2002 so gewesen und "bei nahezu allen, die in den USA als Amokläufer registriert wurden". Dabei gehe es darum, sich die Tötungshemmungen abzuspielen. 

Der Kriminologe lobte zugleich die Polizei in München. "Sie hat alles richtig gemacht. Sie hat bewiesen, dass sie auch in einer Terroranlage - davon musste man zunächst ausgehen - Herr der Lage wäre." Pfeiffer war von 2000 bis 2003 für die SPD niedersächsischer Justizminister.

epd