Bild: Jens Schulze

Wendepunkte

Tagesthema 23. Juli 2016

Ein Sommerurlaub kann auch ein Einschnitt sein. Man fährt weg, lässt etwas zurück, und manchmal kommt man auch anders wieder. Es wird von Menschen erzählt, die im Abstand über ihr normalen Lebens ins Nachdenken gekommen sind und im Urlaub einen folgenschweren Entschluss gefasst haben. Sie sind zurückgekehrt, haben ihren erfolgreichen Beruf aufgegeben und etwas ganz Neues angefangen.

Solche Erzählungen berichten von Ausnahmen. Aber sie erzählen von Wendepunkten im Leben, die uns beeindrucken und etwas von den Fragen widerspiegeln, die uns manchmal selber beschäftigen, nicht nur im Urlaub. Habe ich alles richtig gemacht oder muss ich etwas Entscheidendes in meinem Leben verändern?

Manche Geschichten, die uns erzählt werden, lesen sich wie eine Kritik an der Leistungsgesellschaft und hinterfragen wie von selbst die Ziele, die uns doch zugleich immer wieder vor Augen geführt werden: Erfolgreich sein, einen vollen Terminkalender haben, gefragt sein, viel arbeiten, viel verdienen. Dann steigt jemand aus oder um, macht sich selbstständig mit einer bescheidenen Geschäftsidee, lässt andere kreativere Seiten seines Ichs zur Geltung kommen, lebt bescheidener und nach eigenen Aussagen auch zufriedener.

Solche Geschichten sprechen uns an, sie machen andere Ziele deutlich, die nachhaltiger klingen. Und manchmal bestätigen sie uns nur deshalb, weil ein vielbeschäftigter, erfolgreicher Mensch uns sagt: Eigentlich bin ich einem falschen Ziel hinterhergerannt, eigentlich war alles nur Mist.

So radikal jedenfalls äußert sich hier Paulus in seinem Brief an die Philipper. Auch er findet für sein früheres Leben keine guten Worte mehr. Was er bis zu seiner Wende zum christlichen Glauben getan und geleistet hat, kann er nun nur noch abschätzig beurteilen. Die Ziele, die ihm früher wichtig waren, die ihn und seine Umgebung prägten, sind für ihn sinnlos geworden. Es wäre allerdings gefährlich, seine persönliche Abwertung seines früheren Lebens zum Maßstab für die Beurteilung jüdischer Glaubenspraxis damals und heute zu nehmen.

Genau genommen lässt er sich in seinem Rückblick ja auch von dem leiten, was er nun gefunden hat. Dabei ist entscheidend, dass er nach seinem eigenen Verständnis weggerückt ist von sich selber und all dem, worin es nur um sein Leben und seine Anstrengung ging. Dieses Neue zeigt sich ihm in „der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn“ (Vers 8).

Jetzt versteht er sich anders und ganz neu, nicht mehr von seiner eigenen Lebensplanung her, sondern von dem, was er als Geschenk seines Lebens begreift. Er hat Jesus Christus erkannt, er hat ihn jetzt verstanden, er weiß jetzt, was Gnade für sein Leben und in seinem Leben bedeutet. Alles, was er getan und geleistet hat, erscheint ihm jetzt tatsächlich als vergebliche, sinnlose Anstrengung, gegenüber der Lebensenergie, die er jetzt spürt. Es ist Jesus Christus und „die Kraft seiner Auferstehung“ (10).

Diese Neuorientierung bewahrt ihn offensichtlich davor, seine Lebensgeschichte schönreden zu müssen. Sie bewahrt ihn auch davor, Misserfolge und Leiden auszublenden. Er vertraut darauf, dass sogar die Teilhabe an ähnlichen Leidenserfahrungen, wie sie Jesus begegnet sind, Teil seiner neuen Lebenserkenntnis sein dürfen. Denn auch sie stehen im Horizont eines großen Ziels, das mit der einen Auferstehung seinen Anfang nahm.

Pastor Dr. Wilfried Behr

Die Andacht wurde veröffentlicht in der Evangelischen Zeitung