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Der Clown in der Tünche

Tagesthema 25. Juni 2016

Unendlich verwundbar, aber er wird nie endgültig besiegt

Mein erster Eindruck beim Lesen des Textes ist widersprüchlich: Einerseits kommt er mir entgegen, weil ich mich häufig auch vor der Notwendigkeit sehe, mich wegen meines Christseins rechtfertigen zu müssen. Die Menschen, die mir begegnen, machen mir zwar keine Vorwürfe – so wie sie damals Paulus angegriffen haben. Aber ich spüre, auch wenn sie Worte wie Glaube oder Bibel gar nicht in den Mund nehmen, dass ihnen dieser ganze Bereich befremdlich, unerheblich, ja irgendwie abwegig erscheint. Deshalb begrüße ich es, dass hier einer versucht, Verständnis für das Evangelium zu wecken, und das nicht zimperlich, sondern mit Leidenschaft.

Auf der andern Seite liegt der Text überhaupt nicht im Trend; denn genau wie der Wochenspruch betont er den Grundsatz „sola fide“ („Allein aus Glauben“) der Reformation: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben“, heißt es im Epheserbrief 2,8, „und das nicht aus euch; Gottes Gabe ist es.“ Unsere Kirche sehe ich dagegen allzu oft mit anderem beschäftigt: Größere Effektivität in Strukturen und Finanzierung. Und Menschenfreundlichkeit und gegenseitige Wertschätzung im Umgang miteinander. Aber die Frage, was wahr ist und was nicht, scheint ohne Bedeutung.

Der Sprung in die Tünche

Da hat mir der Theologe Karl-Heinz Bieritz überraschend eine Tür geöffnet, die es mir ermöglichte, erste tastende Schritte aus diesem Gefängnis der Ratlosigkeit zu probieren. Bieritz erinnert an eine Szene aus Graham Greens Roman „Unser Mann in Havanna“. Da wird von einem Clown erzählt, der allabendlich im Zirkus eine Leiter besteigt und, oben angekommen, in Ermangelung einer weiteren Sprosse ins Leere tritt und in ein Fass voller Tünche stürzt. „In dieses Fass fällt er jeden Abend um zehn. Wir sollten alle Clowns sein, Milly. Lerne nie aus Erfahrung“, ermahnt der Held des Romans seine 16-jährige Tochter. „Gott lernt auch nicht aus Erfahrung. Wie könnte er sonst vom Menschen das Geringste erhoffen.“

Gott macht es wie der Clown: Er erklärt den Menschen nicht, mit welchen Tricks sie den Sprung ins Glück schaffen können, sondern er fällt für sie in die Tünche. Das ist das Wort vom Kreuz. Wir sollen nicht diskutieren, welche Erfahrung wir daraus ableiten sollen. Alle Erklärungsversuche – Stellvertretung, Sühnopfer, Justizmord, wie auch immer – alle landen am Ende in der Ausweglosigkeit unseres Aus-Erfahrung-lernen-Wollens. Wir werden es nicht fassen. Wir müssen es uns gefallen lassen. „Denn Gott in seiner Ahnungslosigkeit ist erfahrener, als die Menschen sind, und die Naivität Gottes ist stärker als alles, was Menschen an Kraft, Leistung, Effizienz und Stärke aufzubieten haben.“

„Der Clown unterliegt immer wieder, er wird überlistet, gedemütigt und herumgestoßen, er ist unendlich verwundbar, aber er wird nie endgültig besiegt“, formulierte der Theologe Harvey Cox ein Jahrzehnt später in seinem Buch „Das Fest der Narren“. Unendlich verwundbar, aber nie endgültig besiegt: Nichts anderes meint Paulus, wenn er von der starken Schwäche Gottes spricht. „Denn die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“

Das ist das Evangelium, von dem die Welt lebt, egal, ob wir über den Clown in der Tünche lachend den Kopf schütteln oder ob wir uns bemühen, hier und da einen andern nicht auf die gemachten Erfahrungen festzulegen.

Klaus von Mering

Die Andacht ist in der Evangelischen Zeitung veröffentlicht

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