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Die andere Seite der Medaille

Tagesthema 24. Juni 2016

Landesbischof warnt nach Brexit-Entscheidung vor Schuldzuweisung

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat nach der Brexit-Entscheidung Großbritanniens vor Schuldzuweisungen und harschen Worten in Richtung der Briten gewarnt. "Bei aller Trauer und Bestürzung müssen wir den demokratischen Willen der Bevölkerung zur Kenntnis nehmen", sagte der Ratsvorsitzende der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). 

Nach dem Votum für einen Austritt aus der Europäischen Union sei es wichtig, auf allen Ebenen weiterhin Brücken nach Großbritannien zu schlagen und Begegnungen zu pflegen. "Wir müssen den Dialog darüber weiterführen, was ein Miteinander in Europa bedeutet", unterstrich der Bischof.

Meister reist in der übernächsten Woche ins britische York, wo er vor der Synode der anglikanischen Kirche ein Grußwort sprechen wird. Die ohnehin geplante Reise bekomme für ihn jetzt noch einen anderen Stellenwert, sagte er. Es gebe eine enge Partnerschaft zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und den Anglikanern, die auch für ein gemeinsames Wertefundament stehe. "Das ist ein grenzüberschreitender Brückenschlag, der jetzt noch wichtiger ist als zuvor."

Die EU sei ein Garant für eine große Friedensgemeinschaft, sagte der Bischof. "Dies ist mit einem Austritt der Briten auch nicht gefährdet." Die von den Brexit-Befürworter beschworene Freiheit für nationale Entscheidungen bei einem Austritt aus der EU sehe er aber kritisch. "Es besteht die Gefahr, dass es auf der anderen Seite dieser Medaille einen erbärmlichen Nationalismus gibt." Er betrachte mit Sorge, wie sich auch in anderen europäischen Staaten Nationalismus und rechte Strömungen breit machten.

epd

Bitter für Europa

Das Votum der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union hat auch in Niedersachsen Bestürzung ausgelöst. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sprach von einer unvernünftigen Entscheidung. "Das ist bitter für Europa, bitter für Großbritannien und bitter für Niedersachsen", sagte er am Freitag in Hannover. Landtagspräsident Bernd Busemann warnte: "Das große Projekt Europa insgesamt ist in Gefahr."

Weil warb dafür, jetzt noch stärker für die europäische Idee einzutreten. "Das Votum der Briten ist ein Auftrag an die Politik in ganz Europa", sagte er. "Europa muss wieder enger zusammen rücken." Es gelte die Vorteile eines geeinten Europas engagiert hervorzuheben. "Europa ist eine Erfolgsgeschichte - diese Gemeinschaft so unterschiedlicher Staaten sorgt seit Jahrzehnten für Frieden, Freiheit und Wohlstand."

Busemann rief dazu auf, auszuloten, welche Alltagsfragen künftig eher national geregelt werden könnten. "Die großen Herausforderungen etwa auf den Gebieten der Sicherheitspolitik, der Terrorbekämpfung, Digitalisierung und Energieversorgung müssen dafür konsequenter als bisher gemeinsam angegangen werden."

epd