Bild: epd-Bild/ Jens Schulze

Von der „Botschaft“ zur EZ

Tagesthema 13. Juni 2016

70 Jahre wechselvolle Geschichte der „papiernen Kanzel“

Zweimal hat ein weißes Blatt Papier eine wichtige Rolle in der Geschichte der Evangelischen Zeitung gespielt. Beim ersten Mal hielt es Peter Kollmar, der damalige Pressesprecher der Landeskirche Hannovers (und spätere Bischofsstellvertreter in Braunschweig) vor der hannoverschen Synode in die Höhe. Dies sei die einzige Zeitung, die nie kritisiert werde, erklärte Kollmar den Synodalen, als einmal mehr die Berichterstattung über kirchliches Arbeiten kritisiert wurde.

Das zweite Mal überraschte die Evangelische Zeitung selbst ihre Leser. Die Ausgabe 3 im Jahr 2003 erschien mit einer leeren Titelseite. Im Kommentar  erklärte Chefredakteur Michael Eberstein: „Stell Dir vor, es ist Wochenende und keine Evangelische Zeitung steckt im Briefkasten . . . Einen Eindruck davon, wie dies sein könnte, soll diese weiße Seite 1 vermitteln. Der Hintergrund ist leider ernst. Es geht um den Fortbestand unserer und Ihrer Evangelischen Zeitung.“

Diese beiden weißen Blätter stehen für die immer wiederkehrenden Probleme der Evangelischen Zeitung: Kritik an kirchlichem Handeln war ebenso wenig akzeptiert wie die finanzielle Unterstützung. An beiden Punkten entzündete sich immer wieder ein Konflikt zwischen Kirchenleitung und Verlag. Das scheint der Vergangenheit anzugehören. Denn längst reagieren kritisierte Kirchenvertreter gelassener, und von Bischöfen wird nicht mehr verlangt, die Redaktion ins Gebet zu nehmen. Zum anderen hat die hannoversche Landeskirche als Besitzerin des Verlags ihre (finanzielle) Verantwortung für die Zeitung abgegeben. Seit Beginn 2015 ist die Evangelische Zeitung im Besitz des Presseverbands der Nordkirche.

Der Verkauf war nicht zuletzt die Konsequenz aus einer im Jahr 2010 begonnenen Kooperation der evangelischen Zeitungen in Niedersachsen und der damaligen Nordelbischen Kirche. Diese Zusammenarbeit war sowohl journalistisch gewollt, als auch finanziell notwendig. Denn obwohl die Redaktion personell schon mehr als halbiert worden war, reichten die im Jahr 2006 um fast zwei Drittel gekürzten landeskirchlichgen Zuschüsse für die EZ nicht mehr aus, um allein zu überleben.

Diese Kooperation ist gleichwohl nicht nur nötig, sondern auch gut: Sie weitet den Horizont. Und seitdem die Nordkirche um die Kirche in Mecklenburg und Pommern erweitert wurde, in der eine eigenständige „Kirchenzeitung“ erschien, die nicht ohne Stolz auf ebenfalls 70 Jahre (zum größten Teil in der DDR!) zurückblicken kann, wuchs auch die Zusammenarbeit. Sie umfasst nun drei Zeitungstitel und deckt ein Verbreitungsgebiet zwischen der niederländischen und polnischen Grenze, zwischen Kassel / Holzminden und dänischer Grenze ab.

Aber lassen Sie uns noch einmal in die Vergangenheit zurückschauen. Nicht nur Kirchenleitungen hatten gelegentlich ihre Probleme mit der Evangelischen Zeitung. Auch die Leser, das soll nicht verschwiegen werden. Schon der Nachkriegs-Name der Zeitung stieß bei ihnen auf Kritik. Man hätte lieber ein Wiederaufleben des „Hannoverschen Sonntagsblatts“ gesehen. Doch das war politisch nicht durchzusetzen, ebenso wenig wie die Vergabe der Lizenz an den alten Lutherhaus-Verlag. Dessen Besitzer Heinrich Feesche hatte sich in der Nazizeit politisch kompromittiert. Die Lizenz erhielt also Oberlandeskirchenrat Adolf Cillien persönlich, und die Zeitung erschien im Eigenverlag.

Später gab es regional in manchem Sprengel ein „Sonntagsblatt“. Sie wurden im Laufe der Zeit mit der „Botschaft“ zusammengelegt. „Sonntagsblatt“ blieb im Untertitel erhalten, heute findet sich der Traditionstitel immer noch als Titel des zweiten Buchs der Evangelischen Zeitung, also für den regionalen Teil. Zur „Botschaft“ stießen später auch die Kirchenzeitungen der anderen, niedersächsischen Kirchen, so dass ein neuer Name nötig wurde: In dem von sechs Landeskirchen neu gegründeten Evangelischen Presseverband Niedersachsen-Bremen erschien ab 1975 die Evangelische Zeitung.

Adolf Cillien  hatte beim Wiedererscheinen der Zeitung 1946 zunächst auch die redaktionelle Verantwortung. Ihm folgte Pastor Victor Bode vom Landesverein Innere Mission, der schon zweiter Gesellschafter des „Botschaft“-Verlags war. Damit er 1949 „Schriftleiter“ werden konnte, bedurfte es einer Genehmigung des Ministerpräsidenten und der britischen Behörden. Ab 1951 trat Pastor Heinz-Günther Klatt als erster „Chefredakteur“ sein Amt an. Hans-Reinhard Rapp, der 1958 Klatts Nachfolger wurde, blieb bis 1975 in dieser Funktion.

Vor zehn Jahren, als die Evangelische Zeitung ihr 60-jähriges Bestehen feierte, war Rapp Gastgeber eines Chefredakteurstreffens. Seine Nachfolger Joachim Biermann (1980 bis 1987) und Joachim Piper (1990 bis 2000) – beide Journalisten, nachdem alle Vorgänger Theologen waren –  tauschten ihre Erfahrungen aus. Sie wiesen bei aller zeitbedingten Unterschiedlichkeit eine Parallele auf: Konflikte mit Kirchenverantwortlichen wegen der Berichterstattung.

Dass die Redaktion unbeschadet aus manchem Konflikt hervorging, ist nicht zuletzt Gerhard Isermann zu verdanken. Als Direktor des Verbands Evangelischer Publizistik stellte er sich immer vor seine Mitarbeiter. Und er griff selbst gern zur Feder – immer sehr kenntnisreich und treffend, bisweilen auch bissig. Aber auch schon Hans Reinhard Rapp hatte der seinerzeitige Landesbischof Lilje nachgesagt, er schreibe „nicht, was wir wollen, sondern was er will.“

Michael Eberstein, Chefredakteur der Evangelischen Zeitung für Niedersachsen

Die Vorgängerin der Evangelischen Zeitung erschien erstmals am 9. Juni 1946

Der Krieg war noch nicht vergessen, die Wunden an Menschen und Land waren noch überall schmerzhaft sichtbar – und dennoch wagte die Kirche einen publizistischen Neuanfang. Am 9. Juni 1946 erschien „Die Botschaft“ zum ersten Mal, zu Pfingsten. Die begehrten Druck- und Presselizenz war erst am 18. April des Jahres von der britischen Besatzungsmacht erteilt worden. Bischof Hanns Lilje warb seinerzeit: „Die Bedeutung einer eigenen kirchlichen Presse (kann) heute weniger denn je übersehen werden.“

Kritik von Lesern musste die Evangelische Zeitung auch bei der Umgestaltung des Layouts Anfang 2010 einstecken. Vielen war das neue Format zu groß, zu unhandlich – obwohl es immer noch deutlich kleiner als die üblichen Tageszeitungen blieb. Nun, dieser Kritikpunkt ist mit der erweiterten Kooperation zum Jahresbeginn 2015 wieder beseitigt worden: Alle drei Zeitungen haben nun das sogenannte „Berliner Format“ – offenbar die richtige Größe für den Frühstücks- oder Kaffeetisch.

Was allerdings nie aufhörte, war die politische Diskussion um die Evangelische Zeitung, ausgelöst durch einen bedrohlichen Auflagenschwund. So hatte „Die Botschaft“ zu ihren besten Zeiten Ende der 1950-er Jahre fast 70 000 Abonennten. Damals fuhr sie Gewinne ein, die an die Landeskirche und die Innere Mission abgeführt wurden. Rücklagen für schlechtere Zeiten konnten so nicht angelegt werden. Heute ist die Auflage der niedersächsischen Evangelischen Zeitung auf nur noch  gut zehn Prozent dieser stolzen Zahl gesunken. Da statistisch jede Zeitung jedoch von 3,6 Personen gelesen wird, erreicht sie jede Woche noch rund 25 000 Leser. Dabei handelt es sich um die sogenannten „Hochverbundenen“, die Menschen also, denen die Kirche ein wichtiger Lebensort ist, an dem sie aktiv mitarbeiten und dessen Wohl und Wehe ihnen sehr am Herzen liegt.

Dazwischen lagen Jahre zum Teil harten Ringens um Konzepte. Die Inhalte der Evangelischen Zeitung wurden immer gelobt, nur die „Darreichungsform“ galt nicht mehr als zeitgemäß. Vielleicht besser ein Magazin? Oder  Internet? Oder in Briefform an alle Mitglieder? Die Lösung ist immer noch nicht gefunden. Gleichwohl hat sich die hannoversche Landeskirche vor zwei Jahren entschieden, ihre Verlagsaktivitäten aufzugeben. Die Verantwortlichen der Nordkirche haben zugegriffen. Doch weiter schwebt das Damokles-Schwert einer Einstellung der Zeitung aus Kostengründen über Verlag und Redaktion.

In der Tat scheint eine Kirchenzeitung ohne kirchliche Zuschüsse nicht (mehr) machbar zu sein. Aber warum auch nicht? Gottesdienste, Seelsorge und diakonisches Handeln kosten unterm Strich immer mehr, als sie einbringen. Und ist eine Zeitung, die das Evangelium verbreitet, von diakonischer Arbeit berichtet und Impulse für kirchliche Arbeit gibt, nicht auch eine „papierne Kanzel“, wie es der letzte Direktor des Verbands evangelischer Publizistik, Pastor Bodo Wiedemann einst formulierte?

Geradezu prophetisch liest sich in diesem Zusammenhang der Kommentar der ersten Ausgabe der „Botschaft“: „Die Kirche Jesu Christi erlebt gerade im dienenden Opfer, im sich Verzehren und Sterben ihrer Verkündiger für ihre Botschaft ihre gesegnetsten Stunden.“ Verlag und Redaktion hoffen dennoch, dass dieser Prozess ihres Verzehrens für die guten Nachrichten – und dafür steht das Wort Evangelium – noch nicht so rasch sein Ende findet.

Michael Eberstein

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