Dem Himmel ganz nah

Tagesthema 04. Juni 2016

Wenn Viktor auf seinem Balkon steht, liegt ihm die ganze Stadt zu Füßen: Bäume, Häuser, Bahngleise, Parkplätze, Leuchtreklame, zwei Seen, der Stadtwall und die Autobahn. Eigentlich ist er zu selten hier, den Balkon benutzt er so gut wie nie. Als Valentina noch lebte, hängte sie hier die Wäsche auf. Nachmittags tranken sie Tee zusammen.

Die roten Wäscheklammern sind blasser geworden. Vor zwei Jahren saß er hier mit Valentina zum letzten Mal. Dann starb sie. Seitdem wohnt Viktor allein in der Drei-Zimmer-Wohnung des Hochhauses. Die Stimmen und Geräusche der anderen Familien im Haus kann er hören. Manchmal klopfen Kinder an die Heizungsrohre, dass es durch alle Etagen hallt.

Besuch bekommt Viktor eigentlich nie. Es sieht ja sowieso nicht mehr so schön in seiner Wohnung aus. Da lässt er sich lieber von seinen Kindern abholen und verbringt bei ihnen alle zwei Wochen einen Nachmittag.

Seit 1993 lebt Viktor in seiner Wohnung. Valentina und er kamen nach Deutschland, um mit ihren Kindern zusammen zu sein. Sie kamen her, um hier alt zu werden. Seit einiger Zeit denkt er wieder an früher. An die Zeit in Kasachstan. An die Zeit, als Valentina und er frisch verheiratet waren. An die Zeit, als die Kinder noch klein waren. An die viele Zeit draußen bei der Arbeit.

Es waren keine unbeschwerten Jahre. Und doch waren es Jahre, in denen er zu Hause war. Sein Zuhause waren Valentina und die Kinder. Seit Valentinas Tod fühlt Viktor sich fremd – bei seinen Kindern, in seiner Wohnung, hier in Deutschland.

Wenn Viktor auf seinem Balkon im zwölften Stock steht, fühlt er sich dem Himmel ein Stückchen näher. Manchmal beginnt er dann zu träumen. Wie es im Himmel wohl sein wird? Eigentlich ist es ihm ganz egal, wie es dort aussieht.

Aber wie es sich anfühlt, das weiß er: Es wird sich nach seinem Zuhause anfühlen. Nach einem Zuhause, das er nicht mehr hergeben muss. Ein Zuhause, in dem alle beieinander sind. Ein Zuhause, in dem Leben ist. Ein Zuhause, in dem er geliebt wird.

Und während er vom Himmel träumt, merkt Viktor plötzlich, dass sich der Sommer zu ihm geschlichen hat: Es riecht nach Flieder und gegrilltem Fisch, nach Äpfeln und Johannisbeeren, nach Sonne und Straßenverkehr. Es riecht wie damals in Kasachstan. Es riecht nach Zuhause.

Dr. Damaris Grimmsmann

Die Andacht ist in der Evangelischen Zeitung veröffentlicht

Der Text

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

(Aus Epheser 2,17-22)

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