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 Bild: Dethard Hilbig

Vereinte Verschiedenheit

Tagesthema 16. Mai 2016

Internationaler Pfingstgottesdienst in Hannover
mit Teilnehmern aus vier Erdteilen

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat in einem internationalen Pfingstgottesdienst zu einer weltweiten sozialen und wirtschaftlichen Neuausrichtung aufgerufen. Bisher sei die Geschichte der Menschheit durch unbegrenztes Wachstum, Ansammlung von Macht und Anhäufung von Reichtum in einigen Ländern zulasten anderer geprägt worden, sagte er am Pfingstsonntag im evangelischen Stephansstift in Hannover.

Die Feier in englischer und deutscher Sprache stand unter dem Thema „Reformation und die Eine Welt“. Sie bildete den Abschluss einer knapp einwöchigen Konferenz mit Vertretern aus zehn Partnerkirchen aus Afrika, Asien, Südamerika und Europa.

Inzwischen werde sowohl in der Wissenschaft als auch in Politik und Industrie immer deutlicher, dass westliche Staaten sich nicht länger durch schmale Beiträge zur Entwicklungshilfe freikaufen könnten, betonte Weil. Freiheit gehe immer mit Verantwortung einher und dürfe im christlichen Sinn nicht nur Mittel zur Selbstverwirklichung sein. Denn Freiheit ohne Verantwortung trage nicht zum menschlichen Gedeihen bei.

„Ein befreiender Gegenentwurf zu dem, was wir heute erleben.“

Die jüngsten politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen in der Welt zeigten, dass sie nicht mehr regional eingegrenzt werden könnten. Entscheidungen, die in Europa, Deutschland, Niedersachsen oder Hannover getroffen würden, wirkten sich bis in die entferntesten Gebiete der Welt aus.

Das Verhalten deutscher Konsumenten beeinflusse die Produktionsbedingungen in Afrika, Asien und Südamerika. Umgekehrt bedeuteten Dumpinglöhne in Asien, dass die westliche Wirtschaft im Wettbewerb ihre Preise drücken müsse.

Auch der hannoversche Landesbischof Ralf Meister warnte in seiner Predigt vor neuen nationalen Abschottungen. „Mit Sorge sehe ich eine politische Strömung, die sich auf das christliche Abendland beruft und es dazu nutzen will, Menschen in Not die Aufnahme zu verweigern“, sagte er. Die biblische Erzählung vom Pfingstwunder, in der alle Sprachbarrieren durch den Heiligen Geist überwunden wurden, sei „ein befreiender Gegenentwurf zu dem, was wir heute erleben“. In der Pfingstgeschichte gehe es um das Gemeinsame jenseits von Herkunft und Religion, betonte Meister. „Darin ist das Pfingstfest revolutionär: vereinte Verschiedenheit ohne Feindschaft und ohne Gewalt.“ 

epd

Verlorene Fähigkeiten

Der Kirchenpräsident der Evangelisch-reformierten Kirche, Martin Heimbucher, mahnte, in Kirche und Gesellschaft redeten möglicherweise Regierende und Regierte, die etablierten Parteien und die Wutbürger, die verschiedenen kulturellen und sozialen Milieus aneinander vorbei. „Wir haben in unserer Kirche wie in unserer Gesellschaft vielfach die Fähigkeit verloren, einander verständlich zu machen“, sagte er in einem ökumenischen Gottesdienst an der Klosterstätte Ihlow bei Aurich.

Auch in der Kirche pflegten manche die „Kunst der Abgrenzung und der gegenseitigen Abwertung“, sagte der braunschweigische Landesbischof Christoph Meyns am Pfingstsonntag im Braunschweiger Dom. Oft stehe dahinter die Angst vor dem Verlust von Macht oder Geld, die Angst vor Überforderung oder dem Verlust von Heimat und Identität, oder auch die Angst, dass eigene Schwächen sichtbar werden. Diese Angst dürfe allerdings nicht zum Verlust der Handlungsfähigkeit führen.