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Bild: akf /fotolia.com

Hauptgewinn

Tagesthema 06. Mai 2016

Lottogewinner kommen oft mit ihren Millionen nicht zu recht. Der „Geldsegen“ wird zum Fluch, weil man einfach nicht weiß, wie man mit einer großen Menge Geld vorausschauend und mit Augenmaß umgehen soll. Geredet wird viel zunächst darüber, sich lang gehegte Wünsche zu erfüllen, eine Reise zu machen und eine bestimmte Sache zu kaufen. Mit der größeren Summe ist es nicht so einfach.

Auch die umfassende „Gottesfülle“ kann man zumeist nicht auf einen Schlag verkraften. Es liegen Schritte davor, um sie aufnehmen zu können. Davon schreibt der Apostel, indem er sozusagen eine Wellenbewegung nachzeichnet.

Der Weg zu und mit Gott beginnt unten: Ich beuge meine Knie vor dem Vater. Er schreibt in Form einer Bitte an Gott, einer Fürbitte für die – die zum Teil wohl etwas eingebildeten – Christen in Ephesus. Gott möge ihnen Kraft geben, damit sie innerlich wachsen und Christus in ihren Herzen wohnen kann. Auf Christus vorbereitet zu sein braucht also Kraft – so steigt die Welle.

Und nun sinkt sie: Sodann mögen nämlich die Christen in Liebe verwurzelt und gegründet sein. Soweit der erste Wellenberg in Vorbereitung auf den Gipfel, die Gottesfülle. Die drei Schritte des nun wieder ansteigenden Wellenberges sind auch in ihrer Reihenfolge aufschlussreich.

Wer nun in Christi Liebe gegründet ist, der kann erstens – gemeinsam mit anderen Christen – „die Länge, Breite, Höhe und Tiefe“ begreifen. Gemeint ist – kognitiv – Welterkenntnis. Christen müssen wissen, wie es läuft, beispielsweise in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und der Politik.

Dann bittet der Apostel Gott zweitens darum, dass die Epheser die Liebe Christi erkennen: Emotion. Sie liegt über der Welterkenntnis. Man kennt das: Wenn man richtig in der Emotion drin ist, spielt kognitive Erkenntnis kaum noch eine Rolle. Dies sind nur Vorstufen auf dem aufsteigenden Wellenberg. An dessen Gipfel steht drittens nun etwas Seelisches: Der Apostel bittet Gott, dass er dann die Gemeinde in Ephesus innerlich erfüllt. Die Gottesfülle brauchte diese Vorbereitung.

Mystiker aller Zeiten und Religionen wissen von dieser Gottesfülle. Das erleben „Normalchristen“ beispielsweise in einem stimmigen Gottesdienst oder beim Lesen der Bibel und dem Gespräch darüber. Bei der Gottesfülle geht es nicht – wie beim Lottogewinn – darum, sich eigene Wünsche zu „erfüllen“. Sondern Gott führt den Menschen zu sich – im doppelten Sinne.

Albrecht Westphal

Die Andacht ist in der Evangelischen Zeitung veröffentlicht

Der Text

Der Vater gebe euch Kraft nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.

(Aus Epheserbrief 3,14-21)

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