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Bild: epd-Bild/ Harald Koch

Demo für wahre Werte

Tagesthema 24. April 2016

Mehrere Zehntausend Menschen demonstrierten in Hannover fantasievoll gegen TTIP

Auf dem Opernplatz in Hannover ging nichts mehr, auch auf dem benachbarten Georgsplatz war kein Durchkommen. Dicht an dicht standen die Menschen, die am Sonnabend mit Sprechchören, Plakaten und Trillerpfeifen gegen die geplanten Freihandelsabkommen TTIP und CETA demonstrierten. Irgendwo im Gedränge trommelte eine Sambagruppe. Ihre laute Musik übertönte die von zahlreichen Lautsprechertürmen bis in die Seitenstraßen übertragenen Kundgebungsreden.

„Wir haben durchgezählt, es sind 90.000 Leute gekommen“, sagte eine Sprecherin des Demonstrationsbündnisses. Das habe die eigenen Erwartungen „mehr als übertroffen“. Die Polizei schätzte die Zahl der Teilnehmer allerdings lediglich auf 35.000. Nach einer Auftaktkundgebung setzte sich der Zug in Bewegung. Als die letzten TTIP-Gegner losliefen, hatte die Spitze der Demonstration nach fünf Kilometern den Opernplatz schon fast wieder erreicht.

An der Fassade des Gewerkschaftshauses brachten Greenpeace-Kletterer ein riesiges Transparent an. „Yes we can stop TTIP!“, stand darauf. Die Umweltschützer wandten sich damit direkt an Barack Obama. Der US-Präsident wurde am Sonntag in der niedersächsischen Landeshauptstadt erwartet, um gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hannover-Messe zu eröffnen und die stockenden TTIP-Verhandlungen wieder in Gang zu bringen.

Auch viele andere Demonstranten trugen Plakate und Papptafeln mit Aufschriften wie „Nein zu TTIP“ oder „Stop TTIP! Yes, we can“. Auf anderen Transparenten hieß es „Lobbys und Konzerne haben TTIP gerne“, „TTIP und CETA braucht kein Mensch“, „Alle Macht geht vom Volke aus“ oder „Von den Warenwerten zu den wahren Werten“. Etwas schüchtern hielt ein älterer Mann ein Pappschild in die Höhe: „Empört euch“, hatte er darauf geschrieben.

Mehr als 130 Initiativen und Organisationen sowie Tausende Einzelpersonen riefen zu der Demonstration auf. Über dem kilometerlangen Zug wehten Fahnen der Gewerkschaften GEW und Ver.di, von Grünen, Linkspartei und Jungsozialisten, vom Paritätischen, von der militanten Walschutzorganisation „Sea Shepherd“ und vom Motorradclub Kuhle Wampe. Auch der Niedersächsische Landesmusikrat marschierte unter dem Spruchband „... auch Musik braucht kein TTIP“ mit.

Das Demonstrationsbündnis kündigte für den Herbst weitere Demonstrationen in mehreren deutschen Städten an. „Nachdem in Berlin im letzten Oktober eine Viertelmillion Menschen gegen TTIP und CETA auf die Straße gegangen sind, tragen wir den Widerstand gegen die demokratiegefährdenden Abkommen nun in die Breite“, sagte eine Sprecherin.

Reimar Paul (epd)

Weitere Informationen, Bilder und Hintergründer rund um die Demonstration und TTIP

Mehrere Zehntausend Menschen demonstrierten am 23. April in Hannover gegen die umstrittenen Freihandelsabkommen TTIP und CETA. Die Veranstalter sprachen von 90.000 Teilnehmern, die Polizei nannte 30.000 Demonstranten. Zwei Kundgebungen auf dem überfüllten Opernplatz und der Demonstrationszug verliefen ohne Zwischenfälle, sagte eine Polizeisprecherin.

Ein Ehepaar war aus Ulm angereist, „um hier Flagge zu zeigen“. „Wir waren zehn Stunden mit dem Zug unterwegs“, erzählte die Frau. Weil die ICE-Strecke zwischen Hannover und Kassel derzeit saniert wird und die Fernzüge umgeleitet werden, waren sie schon am Freitag losgefahren. „Wir sind ja nicht gegen Handel und gegen Globalisierung an sich“, erläuterte ihr Mann das Engagement. „Aber wir wollen eine Globalisierung, die uns allen nützt und nicht nur den Konzernen.“

Besonders angetan waren die Eheleute von der Rede Hubert Weigers. In einem leidenschaftlichen Appell hatte sich der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) direkt an Obama und Merkel gewandt: „Verlasst diesen falschen Weg! Ihr habt geschworen, Euch für das Lebensinteresse Eurer Völker einzusetzen und nicht für Konzerninteressen.“ Die äußerst umstrittenen Schiedsgerichte in den TTIP- und CETA-Verträgen seien „in hoch entwickelten Rechtsstaaten“ wie der Europäischen Union und den USA nicht nötig, sie dienten nicht den Interessen der Bevölkerung. „Wenn wir das akzeptieren, ist dies das Ende unserer Demokratie“, sagte Weiger.

epd