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Bild: fotolia.com/ Gajus

Ganz und gar

Tagesthema 08. Januar 2016

Was wäre denn im Gegensatz zu einem „vernünftigen“ Gottesdienst ein „unvernünftiger“? Wenn die Vernunft außen vor bleibt – in der Studierstube wie im „Vollzug“ in der Kirche? Wenn Predigt und Gebete nichts als leere Worthülsen enthalten – konservativ, richtig und doch falsch? Nicht zuletzt deswegen, weil der Pastor oder die Pastorin Angst haben, ihre Zweifel oder ihre wahre Meinung in Worte zu fassen und die Gemeinde damit zu konfrontieren? Oder wenn ich selbst mal wieder im Gottesdienst beinahe alleine singe und die Konfis sich genervt umdrehen, weil da überhaupt einer singt? Wenn – halt, halt, das ist die völlig falsche Fährte! Diesen Gottesdienst hatte Paulus ganz und gar nicht auf dem Schirm. Unsere Art „agendarischen“ Gottesdienst kann er nicht gemeint haben, den gab es damals noch gar nicht!

Paulus geht es einzig und allein darum, dass alle, die seinen Brief lesen, den Sonntag und den Alltag, Glauben und Tun zusammenhalten. Er erinnert bewusst an die Bergpredigt Jesu, ohne freilich den Text zu erwähnen: „Niemand kann zwei Herren dienen, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Mt 6,24).

Hier spielt die jesuanische und auch die paulinische Musik! Du kannst nicht Waffen exportieren und behaupten, eine friedliebende Nation zu sein! Du kannst nicht im Wohlstand leben, in Sicherheit und Freiheit, ohne dich um Fragen der Gerechtigkeit zu kümmern! Du kannst nicht in aller Seelenruhe Loblieder singen und dich einen feuchten Kehricht um Flüchtlinge kümmern! Darum geht es! Paulus interessieren hier nicht abgesungene Lieder, schmuseweiche Gebetstexte, heutige Predigten mit Antworten auf gestrige Fragen oder dringend renovierungsbedürftige Glaubensbekenntnisse!

Es geht vielmehr darum, mit Haut und Haar Christ(in) zu sein. „Vernünftiger Gottesdienst“ umgreift das gesamte christliche Leben. Er reicht von Montag bis Sonntag, vom Büro, dem Einkauf, der Schule, vom Finanzamt und der Waffenfabrik bis zum wohltuenden Wochenende mit seinen vertrauten Riten.

Die „Leiber“ sollen wir „hingeben“, fordert Paulus – das heißt ganz und gar und rückhaltlos in Jesu Geist handeln. Unsere Begabungen sollen wir voll einbringen, heißt es später in Römer 12, ohne Wenn und Aber, das heißt nicht jetzt mal mit frischer Begeisterung gospelgestählt ran und dann eine Weile pausieren, uns nicht nur die Rosinen aus dem christlichen Kuchen picken, von einem „Berg der Verklärung“ zum nächsten – nein, nein: im stinknormalen Alltag dran bleiben verlässlich, nachhaltig, dauerhaft handeln, hier und heute. Billiger ist Nachfolge nicht zu haben!

Das neue Jahr ist noch ziemlich belastbar mit guten Vorsätzen. Meiner könnte so aussehen: Ich will mich in Zukunft noch weniger „dieser Welt gleichstellen“, nicht meinen eigenen Vorteil suchen, sondern ich will mich redlich bemühen, Glauben und Tun, Sonntag und Alltag zusammenhalten. Und hoffe, es möge in diesem Jahr gelingen, was in den Vorjahren oft genug schief gegangen ist.

Und erneut gilt: „Nicht, dass ich es schon ergriffen hätte, aber ich jage ihm nach, dass ich es ergreifen möge“, wie Paulus selbst sagt (Phil 3). Aber er meint, es zu schaffen, weil er „von Christus ergriffen ist“. Sind wir ergriffen? Na, dann mal los!

Dr. Otmar Schulz, Pastor i.R.

„Niemand kann zwei Herren dienen, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Mt 6,24).

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