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Auf Apfeljagd in Nachbars Garten

Tagesthema 18. Oktober 2015

„Obstpiraten“ und „Mundraub“-Pflücker sammeln, was sonst verkommen würde

Für die leuchtend rote Ingrid-Marie muss Leo hoch oben in der Baumkrone einen ganz langen Arm machen. Damit alles gutgeht, hält sein großer Bruder Johannes (19) unten die Leiter fest. Schon ist es geschehen: Die zwei „Obstpiraten“ in Nordleda bei Cuxhaven lassen den nächsten köstlichen Apfel in ihren Weidenkorb fallen.

„Ein Riesenspaß“ sei die Kletterei, sagt der elfjährige Leo, der noch kräftig pflücken will, um dann seine Ernte gegen Bares im „Piratenhafen“ abzuliefern - einer Mosterei ganz in der Nähe.

Die „Obstpiraten“, das sind Kinder und Jugendliche, die überall dort ernten, wo das Obst sonst nicht gepflückt werden würde. Denn jetzt im Herbst gibt es das oft zu sehen: Übervolle Bäume in privaten Gärten oder auf öffentlichen Wiesen, um die sich niemand kümmert. „Meist Obst von allerbester Qualität - oft auch besonders begehrte alte Sorten“, sagt Frauke Thimm (43). Mit ihrem Mann Mark (45) betreibt sie in Nordleda die Mosterei „Himmel & Erden“. Die Thimms sind auch auf die Idee mit den „Obstpiraten“ gekommen.

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Die „Obstpiraten“, das sind Kinder und Jugendliche, die überall dort ernten, wo das Obst sonst nicht gepflückt werden würde. Bild: epd-Bild/ Dieter Sell

Ihre Obstpresse steht in diesen Tagen kaum still. Saftige Ingrid-Marie, aromatische Schöne von Boskoop, würzige Holsteiner Cox und süßsäuerliche Prinz Albrecht von Preußen, so heißen die alten Sorten, die zu frischem Saft verarbeitet werden. Später entstehen daraus auch Konfitüren, Sirup, Gelees und Likör. Im Winter kommen Chutneys dazu, beispielsweise aus Birnen und Heidelbeeren, verfeinert mit Schalotten und einem Hauch Chili.

„Die Birnen sind aus unserem Garten und die Heidelbeeren von einem benachbarten Hof“, sagt Frauke Thimm. Mit den alten Obstsorten, die häufig bestens an den jeweiligen Standort angepasst seien, entstehe ein jeweils einmaliges Geschmackserlebnis, schwärmt sie. Denn je nach angelieferten Obstsorten bekomme der Saft eine individuelle Note.

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Nachwuchs-„Obstpiratin“ Lilith (5). Bild: epd-Bild/ Dieter Sell

Die dabei verarbeitete Ernte aus verwaisten Bauerngärten, Streuobstwiesen oder vom vergessenen Baum in Nachbars Garten ist eigentlich nichts Neues. Schließlich wurde früher fast jeder Baum abgeerntet. Doch das ist längst vorbei.

Heute sorgen Initiativen wie die „Obstpiraten“ oder das Internet-Portal „Mundraub“ dafür, dass weniger verkommt. Und in Nordleda lohnt sich die Sache auch für die Kinder, denn für jedes Kilo Obst gibt es 15 Cent. „Wer eine Stunde fleißig pflückt, kann so schon 25 Euro einstreichen“, rechnet Mark Thimm vor.

Davon profitiert auch die Mosterei, denn was die „Obstpiraten“ anliefern, bedeutet eine wertvolle Ergänzung zur eigenen Ernte. „Vollkommen unbehandelt, ungespritzt und damit in ihrer Beschaffenheit sogar meist hochwertiger als Früchte mit einem Bio-Siegel“, erläutert Frauke Thimm, die gerade frisch gepressten Saft in Schläuche abfüllt. Zuvor wurden die Äpfel gewaschen, über eine Spindel in einen Häcksler befördert, kleingeschnitten, gepresst und mehrfach gefiltert. Am Ende wird der Saft auf etwa 80 Grad Celsius erhitzt, damit er länger hält.

Dieter Sell (epd)

Mehr über die Obstpiraten erfahren

mundraub.org

Was übrig bleibt - den Trester - bekommen die Kühe. „Hier kommt nix um“, sagt Michael Rüther (54), der in der Mosterei hilft. Auch der Initiator des Internet-Portals www.mundraub.org, Kai Gildhorn, dachte vor einigen Jahren darüber nach, wie Früchte vor dem Verderben bewahrt werden könnten. Im September 2009 sah er auf einer Paddeltour auf der Unstrut in Sachsen-Anhalt Obst, das im Überfluss von den Bäumen fiel.

„Da liegt eine Obstqualität brach, die man heutzutage in keinem Supermarkt dieser Welt mehr kaufen kann“, ist Mark Thimm überzeugt. Die Besitzer und Eigentümer unzähliger Bauerngärten wären seines Erachtens froh, wenn jemand das Obst ernten und sinnvoll nutzen würde.

Also alles klar zum Ernten. Doch wenn die „Obstpiraten“ in die Bäume steigen, müssen ein paar Regeln beachtet werden, die genauso bei „Mundraub“ gelten. Zuvor etwa muss der „Pirat“ die Pflück- und Sammelgenehmigung des jeweiligen Eigentümers einholen. „Als oberster Grundsatz gilt aber, waghalsige Pflückaktionen zu vermeiden“, sagt Frauke Thimm.

Leo ist da schon Profi und weiß, worauf es ankommt: „Auf morsche Äste achten, auf der Leiter nicht hin- und herwackeln und aufpassen, dass man nicht in eine Wespe greift“, rät er all denen, die sich demnächst selbst auf Erntetour begeben wollen. Und dann sind alle Pflücker natürlich verpflichtet, pfleglich mit Bäumen und Sträuchern umzugehen.

Gratis-Pflückorte gibt es genug in Deutschland. Die digitale Karte auf mundraub.org gibt Auskunft, wo der nächste Baum steht. Dort hat Initiator Gildhorn bundesweit mittlerweile fast 20.000 Fundstellen für Äpfel, Quitten, Pflaumen, Beeren oder Nüsse gesammelt. Mehr als 30.000 Menschen haben sich als Nutzer des Portals angemeldet. Umweltingenieur Gildhorn freut sich über die Resonanz und hat sich seinen eigenen Reim auf den Erfolg gemacht: „Obst in der Natur zu pflücken, das ist ein wahres Glückserlebnis.“

Dieter Sell (epd)

mundraub.org

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