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Bild: Harald Koch

Verstehen und sich darauf einlassen

Tagesthema 07. Oktober 2015

Durch traditionelle und moderne Kunst lernen Flüchtlinge die deutsche Kultur kennen

Neugierig betrachtet Hossein Saadatmand das bunte Gemälde an der Wand. Ein Mann in rotem Gewand auf einem Esel mit einem Palmzweig in der Hand, davor drei weitere Männer. Eine alte Darstellung des Einzugs Jesu in Jerusalem, gemalt um 1390 von Meister Bertram aus Minden. Der 39-jährige Iraner mit dem gestreiften T-Shirt wundert sich. „Auf dem Bild sind ja gar keine Frauen.“

Saadatmand ist einer von zehn Flüchtlingen, die seit Anfang September im Landesmuseum in Hannover an einem speziellen Kurs teilnehmen, der ihnen die deutsche Sprache und Kultur vermitteln soll. Sie kommen aus Syrien, dem Iran, dem Sudan und von der Elfenbeinküste.

Aktuelles Thema ist das Christentum. Museumspädagogin Soumaya Djemai-Runkel erläutert ihren Schülern, dass die meisten Deutschen Christen sind. „Dieser Altar von Meister Bertram zeigt die Passionsgeschichte.“ Anders als die Flüchtlinge trägt die 30-jährige Kursleiterin ein Kopftuch - sie selbst ist Muslima. Zweimal in der Woche bespricht sie mit den Flüchtlingen ausgewählte Kunstwerke. „Ich nenne meine Arbeit Kulturen-Vermittlung.“ Die Bilder sollen die Geschichte Deutschlands zeigen, aber auch zu interkulturellen Gesprächen anregen.

Djemai-Runkel bittet die Teilnehmer, den Altar zu beschreiben. Weiß einer im Deutschen nicht weiter, hilft sie auf Englisch oder Arabisch. „Die Bilder erklären viele deutsche Feiertage wie Palmsonntag oder Ostern“, sagt die Kursleiterin. Die Christen unter den Teilnehmern nicken, sie kennen diese Feiertage. Djemai-Runkel möchte wissen, wie sie zu Hause diese Feste feiern. Ein Teilnehmer aus Elfenbeinküste erzählt, bei ihnen gebe es an Palmsonntag eine Woche frei.

Auch Roya Khademei aus dem Iran ist Christin. Sie ist 27 Jahre alt und lebt seit acht Monaten in Deutschland. „Ich gehe jeden Tag zur Schule und lerne Deutsch, aber hier ist auch ein bisschen Kultur dabei.“ Von den vielen Bildern im Museum ist sie fasziniert. Die Idee zu dem Projekt hatte ursprünglich Museumsdirektorin Katja Lembke. Das Diakonische Werk wählte die Teilnehmer aus. Soumaya Djemai-Runkel, die gerade über die Vermittlung von Fremdsprachen promoviert, stand schnell als Kursleiterin fest.

Sie hat den interkulturellen Unterrichtsplan entworfen. In den Kurs will die Pädagogin das Besondere einer Kultur zeigen, aber auch das Übergreifende deutlich machen, das allen Kulturen gemeinsam ist. „Die Religionen haben zwar unterschiedliche Feiertage, aber viel und besonders gegessen wird überall.“ Gleichzeitig sei es für eine gelungene Integration wichtig, Unterschiede nicht zu verneinen, sondern zu erklären. „Nur wenn ich etwas verstanden habe, kann ich mich darauf einlassen.“

Manchmal müssen die Teilnehmer auch selbst malen. Bilder von ihrer Heimat etwa, passend zum letzten Oberthema „Landschaften“. Der 40-jährige Badra Diakite erzählt dem Kurs von seinem Dorf an der Elfenbeinküste. „Hier seht ihr einen alten Mann, er ist der Chef. Und das sind unsere Häuser aus Lehm und Kuhfladen.“ Die anderen hören gespannt zu. Ob die Kuhfladen stinken, wollen sie von Diakite wissen. „Nein, aber sie halten die Häuser kühl.“

Genau dieser Austausch sei Ziel des Kurses, sagt Djemai-Runkel. „Die Teilnehmer erfahren auch Wertschätzung für die eigene Kultur.“ Im November wird sie einen zweiten Kurs für weitere zehn Teilnehmer anbieten. Von ihren Schülern lerne sie selbst viel Neues und Schönes. „Es ist extrem interessant zu sehen, wie nah die persischen Christen mir als Muslima sind.“ Sie haben die gleichen Namen für Gott und Maria und sind in einer ähnlichen Kultur aufgewachsen. „Da ist so ein dickes Band, das uns verbindet.“

Leonore Kratz (epd)

Niedersächsisches Landesmuseum Hannover

Kirchen sollen vermitteln

Reformation und Politik - Zelt
Bild: EKD.

Der evangelische Landesbischof Ralf Meister aus Hannover sieht die Kirchen in der aktuellen Flüchtlingskrise in der Pflicht, sich um Verständigung zwischen Zuwanderern und Einheimischen zu bemühen. „In den kommenden Monaten haben wir die Aufgabe, gesellschaftlich vermittelnd zu wirken“, sagte erin Osnabrück vor rund 150 Pastorinnen und Pastoren. „Wir müssen versuchen, die Spannung herauszunehmen.“

Die Skepsis darüber, ob die Integration gelingen könne, sei entstanden, weil die Menschen angesichts stetig steigender Flüchtlingszahlen nicht wüssten, was auf sie zukomme. Es sei auch Aufgabe der Kirche, dafür zu sorgen, „dass die Angst nicht umschlägt in Ablehnung und Entwürdigung“, sagte der Bischof. Die hannoversche Landeskirche werde die Gemeinden vor Ort dabei finanziell und flexibel unterstützen.

Die Osnabrücker Landessuperintendentin Birgit Klostermeier rief die Christen zur Offenheit gegenüber den Zuwanderern auf. Die Gemeinden könnten etwa ihre Räume ausländischen Christen, aber auch Muslimen für religiöse Feiern zur Verfügung stellen. Meister wies darauf hin, dass die Landeskirche in Kürze ein christliches Andachtsbuch in mehreren Sprachen veröffentlichen werde, darunter auch Arabisch. Zudem werde ein Netzwerk von Gemeinden ausländischer Herkunft aufgebaut.

In Osnabrück trafen sich die Pastorinnen und Pastoren aus den Regionen Osnabrück und Diepholz zu ihrem jährlichen Generalkonvent. Sie setzten sich kontrovers mit der These des Theologen Hans-Martin Barth auseinander, wonach immer mehr Menschen keinerlei Verständnis für ein religiöses Weltbild hätten. Die Kirche müsse sich auch diesen Menschen öffnen und insgesamt eine verständlichere Sprache finden, sagte Barth.

Landesbischof Meister räumte ein, dass Kirche oft „in einer Sprache gefangen sei, die die Menschen nicht verstehen“. Da gebe es in der Tat Verbesserungsbedarf. Vor allem in sozialdiakonischen Projekten kämen schon heute Menschen mit der Kirche in Berührung, die nicht an Gott glaubten. Die Kirche passe sich also durchaus schon den aktuellen Bedürfnissen an. Sie müsse aber aufpassen, dass sie ihre zentrale Botschaft nicht verwässere: „Wir brauchen keinen weich gespülten Jesus Christus.“

epd