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Bild: epd-Bild/Detlef Heese

Tim sollte leben

Tagesthema 14. Juli 2015

Der Junge, der vor 18 Jahren einen Abtreibungsversuch überlebte, wird erwachsen

Tim sitzt mit gekreuzten Beinen auf dem Fußboden und lässt den Frisbee kreiseln. Dann beugt er sich weit vor. Beinahe berührt seine Nasenspitze die langsam austrudelnde Scheibe. Der junge Mann mit den blonden Bartstoppeln hat das Down-Syndrom. Und er wird nicht müde, dieses Spiel zu spielen, immer wieder beginnt er von vorn. In diesem Sommer kann er seinen 18. Geburtstag feiern.

Tim ist das „Oldenburger Baby“, das am 6. Juli 1997 in einer Oldenburger Klinik zur Welt kam und eigentlich gar nicht leben sollte. Seine Mutter hatte kurz zuvor erfahren, dass ihr Kind behindert sein würde. „Sie entschied sich, es abtreiben zu lassen“, erzählt Tims Pflegemutter Simone Guido (50). Doch Tim hat seine Spätabtreibung in der 25. Schwangerschaftswoche überlebt - und danach noch viele Operationen, Krankheiten und Krisen.

Außer seiner Frisbeescheibe liebt Tim noch Musik, rasante Fahrradfahrten auf dem Tandem und natürlich seine Familie. Groß geworden ist Tim bei den Guidos in Quakenbrück bei Osnabrück. Melissa (15) und Naomi (11) wollen ihren Bruder zum Tanzen animieren. Auch die Mädchen haben das Down-Syndrom, auch sie sind Pflegekinder. Ein deutscher Popsong schallt aus dem Lautsprecher. „Ich mag Megahits“, erzählt Melissa und nimmt Tim bei der Hand. Der grinst und klatscht laut im Takt. Dann hockt er sich vor den Lautsprecher. Naomi kommt, legt ihren Kopf an seine Schulter und lächelt verträumt.

Bei Tims Geburt dachten die Ärzte zuerst, der Junge würde nur Minuten nach dem Schwangerschaftsabbruch sterben. Bei einer Spätabtreibung sterben die Kinder durch Medikamentengaben während der Geburt oder kurz danach - eigentlich. Neun Stunden hat Tim, in ein Handtuch gewickelt, ganz allein um sein Leben gekämpft. Erst dann kümmerten sich Mediziner und Schwestern um ihn. „Aber sie glaubten nicht, dass er das erste Jahr überstehen würde“, sagt seine Pflegemutter. Ein halbes Jahr lag er auf der Intensivstation. Auch danach hing sein Leben oft am seidenen Faden.

Als Tim geboren wurde, hatten Simone und Bernhard Guido sich gerade entschlossen, ein Pflegekind aufzunehmen. Sie hatten zwei Söhne, Pablo und Marco, heute 20 und 23. „Das Pflegekind sollte ein gesundes Mädchen sein“, erinnert sich Simone Guido. Doch sie nahmen Tim. Seine leiblichen Eltern sahen sich nicht in der Lage, ihn zu sich zu holen. Die Mutter ist wenige Jahre später gestorben, der Vater hat den Kontakt zur Pflegefamilie irgendwann abgebrochen. Bereut haben die Guidos ihre Entscheidung nie: „Wir führen ein glückliches Leben, ich kann mir kein besseres vorstellen“, sagt Simone Guido mit fester Stimme.

Durch die Unterversorgung nach der Geburt hat Tim weitere Behinderungen. Seine Füße haben eine starke Fehlstellung. Er ist Autist, kann bis heute kaum sprechen. Er kann nicht schlucken und wird über eine Magensonde ernährt. Viele Operationen waren nötig. Aber Tim hat es immer geschafft. „Er ist eben ein Kämpfer“, sagt seine Pflegemutter. Tim schaut kurz zu ihr hoch. Dann wendet er sich Familienhund Theo zu. Der leckt ihm mit seiner großen Zunge quer übers Gesicht. Tim kneift die Augen zusammen, schüttelt sich und lacht.

Tims Geschichte ist damals durch die Medien gegangen und hat eine Diskussion über Spätabtreibung entfacht. Diese ist möglich, wenn Gesundheit oder Leben der Mutter gefährdet sind, sie zum Beispiel mit Suizid droht. Anders als damals muss heute allerdings eine Bedenkzeit zwischen der Diagnose und dem Abbruch der Schwangerschaft liegen. „Schuld an Tims Schicksal hat niemand“, sagte Simone Guido. Auch die Ärzte seien in einer Ausnahmesituation gewesen.

„Aber der Gesellschaft muss man einen Vorwurf machen“, ergänzt die Pflegemutter: „Sie stand nicht hinter Tims Mutter, hat ihr nicht das Gefühl vermittelt, dass man mit einem behinderten Kind leben kann.“ Das sei heute kaum anders. 2012 wurde ein Bluttest zur Erkennung des Down-Syndroms eingeführt. „Seitdem werden neun von zehn Kinder mit dieser Behinderung schon in der Frühphase der Schwangerschaft abgetrieben.“

Martina Schwager (epd)

Internetseite www.tim-lebt.de

„Tim lebt!“

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Bild: ZDF

Tims Pflegeeltern Simone und Bernhard Guido streiten öffentlich für ein Leben mit Behinderungen. Am 2. Juli waren sie zu Gast in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“. Zum 18. Geburtstag haben sie für Tim ein Buch geschrieben - mit dem Titel „Tim lebt!“. Der Erlös ist für den Aufbau einer betreuten Wohngruppe gedacht, in der Tim und seine Schwestern später einmal leben sollen. Im Vorwort schreiben sie: „Mach so weiter, bereichere unser Leben durch deine Fröhlichkeit und deinen Lebenswillen. Du bist ein ganz besonderer Mensch.“

Sendung „Markus Lanz“ vom 2. Juli 2015

Delfintherapie zum 18. Geburtstag

Die Stiftung „Ja zum Leben“ will dem als „Oldenburger Baby“ bekannt gewordenen Jungen, der einen Abtreibungsversuch überlebt hat, zum 18. Geburtstag eine Delfintherapie schenken. „Tim ist weiterhin auf Hilfe angewiesen. Er soll mit der Therapie die Chance bekommen, sich weiter bestmöglich zu entwickeln“, sagte Stiftungs-Geschäftsführer Manfred Libner.

1998 initiierte die Stiftung „Ja zum Leben„ die Kampagne „Tim lebt!“, um den Jungen zu unterstützen und sich gegen Spätabtreibung einzusetzen. Mit einer fortlaufenden Unterschriftenaktion fordert sie nach eigenen Angaben den Gesetzgeber auf, den Paragrafen 218 zu ändern. Er erlaubt einen Schwangerschaftsabbruch jenseits der 23. Woche, wenn eine körperliche oder seelische Gefährdung der Mutter vorliegt, sie etwa mit Suizid droht.

Bereits mehrfach hat die Stiftung mit Hilfe von Spenden Delfintherapien für Tim finanziert, die von den Krankenkassen nicht übernommen werden. Sie bezahle auch den Flug auf die Karibikinsel Curaçao, erläutere Libner. Dort würden, anders als in Deutschland, auch Patienten behandelt, die wie Tim nur über eine Magensonde Nahrung aufnehmen könnten. Der nächstmögliche Termin für ihn wäre in diesem Winter.

Tim habe durch die Therapien erhebliche Entwicklungsfortschritte gemacht, betonte der Geschäftsführer. Er habe etwa gelernt, sein Umfeld bewusster wahrzunehmen und sich durch Zeichen und Gebärden verständlich zu machen. „Seine motorischen Fähigkeiten haben sich erheblich verbessert, mittlerweile kann Tim eigenständig laufen.“

epd

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