2015_07_13_schmal

Bild: RLC Hannover

Beistand im Behördendschungel

Tagesthema 12. Juli 2015

Jurastudenten bauen Rechtsberatung für Flüchtlinge auf

Anträge in Juristendeutsch sind für jeden Laien eine Qual. Das gilt für Flüchtlinge, die erst seit kurzem Deutsch lernen, umso mehr. Aus diesem Grund wollen hannoversche Jurastudierende eine kostenlose Rechtsberatung für Flüchtlinge aufbauen, eine sogenannte Refugee Law Clinic. „Wir übersetzen Dokumente oder begleiten die Flüchtlinge zu Behörden“, berichtet der 24-jährige Lukas Schrader.

Das Prinzip der „Law Clinics“ stammt ursprünglich aus den USA: Studierende bieten allen, die sich keinen Anwalt leisten können, eine kostenlose Rechtsberatung an. Refugee Law Clinics gibt es in Deutschland unter anderem in Gießen, Köln und München. Und bald auch in Hannover.

Schrader und seine Kommilitonen haben bereits Vorerfahrungen im Flüchtlingscamp am Rande der Innenstadt gesammelt. Seit mehr als einem Jahr protestieren dort hinter dem Hauptbahnhof Flüchtlinge aus dem Sudan mit einem Zeltlager für bessere Lebensbedingungen. Schrader wurde Pate für Ahmed M., der selbst für das Camp aktiv ist.

Er unterstützt ihn ehrenamtlich bei seinem Asylantrag. Dafür sammelte der Student ein halbes Jahr lang Nachweise wie Fotos und Zeitungsartikel, die das exilpolitische Engagement des Sudanesen belegen konnten. „Der Zeitaufwand lag insgesamt locker bei 80 Stunden“, erzählt Schrader. „Das kann ein Anwalt nicht leisten. Der muss das in drei Stunden schaffen.“

Dabei sind diese Vorarbeiten aber oft entscheidend. „Genau das, was im sudanesischen Flüchtlingscamp abgeht, die individuelle Fallbetreuung, wollen wir auch mit der Clinic schaffen“, sagt Schrader. Im März gründete er deshalb mit 26 weiteren Mitgliedern den Verein „Refugee Law Clinic Hannover“. Noch befindet sich die studentische Initiative im Aufbau, im Frühjahr 2016 soll die offizielle Arbeit beginnen.

Für den Aufbau des Vereins sind verschiedene Arbeitsgruppen zuständig. Eine kümmert sich etwa um Fundraising, eine andere hat Kontakt zu Trägern wie dem Roten Kreuz und der Diakonie aufgenommen. „Wir wollen uns ganz breit aufstellen“, erzählt Schrader. Der Verein kann sich Kooperationen mit Flüchtlingsheimen, Medizinern und Sprachwissenschaftlern vorstellen. „Ob wir dann rausgehen und Flüchtlingsheime besuchen oder ob die Flüchtlinge zu uns kommen, wissen wir noch nicht.“ Seit Juli stellt die Universität dem Verein Räume zur Verfügung stellen.

epd

Anwälte unterstützen mit

Die Idee dazu entstand im Oktober 2014 auf einer Gegendemonstration zur deutschen Einheitsfeier. Die Motivationen der Studierenden seien ganz unterschiedlich, erläutert Jurastudent Lukas Schrader. „Bei einigen sind die Eltern selbst geflüchtet, andere merken einfach, dass Flüchtlinge mit unserem Behördendeutsch überfordert sind.“ Bei dem 24-Jährigen ist es noch mal anders. Seine Freundin ist vergangenes Jahr gestorben. Sie wollte in der Flüchtlingssozialarbeit tätig werden. „Ich habe nach einem Weg gesucht, ihren Wunsch weiter zu leben“, begründet der Student sein Engagement.

Oberste Priorität hat zurzeit die Entwicklung eines Ausbildungskonzeptes. Vom Wintersemester an soll es an der Universität eine Veranstaltung zum Thema Asylrecht geben. „Die begleitende Ausbildung ist zwar nicht verpflichtend, aber das Thema kommt in unserem Studium nicht vor und ist zu komplex, als dass man sich einfach einlesen könnte“, sagt er. Fünf Anwälte haben sich schon bereiterklärt, ein Seminar oder eine Vorlesung abzuhalten. Schrader ist glücklich über die positive Resonanz: „Es ist nicht so, dass wir nur Klinken putzen müssen, häufig bieten Leute uns auch ihre Hilfe an.“

epd