2015_06_15

Bild: Jens Schulze

Ausgeliehen auf Zeit

Tagesthema 14. Juni 2015

Julia Helmke blickt mit Dankbarkeit und Verbundenheit auf ihre Zeit im Haus kirchlicher Dienste

Redaktion: Sie sind seit einigen Monaten im Bundespräsidialamt in Berlin. Wie ist es zu diesem Arbeitsangebot gekommen?

Julia Helmke: Es gab einen Hinweis auf eine interessante Stellenausschreibung in der ZEIT, die zu meinem Profil passte. Es sind über 400 Bewerbungen eingegangen und es gab einen intensiven Auswahlprozess. Mich hat angesprochen, dass die Stelle so vielfältig ist und zugleich begrenzt bis März 2017 und dass ich wusste: das Arbeitsfeld Kunst und Kultur und der Fachbereich Kirche im Dialog sind und bleiben gut aufgestellt. So habe ich diese Chance als Lernerfahrung wahrgenommen.

Redaktion: Eines der großen Themenbereiche bis Ende 2017 wird das Reformationsjubiläum sein. Welche Schwerpunkte und Aufgabenfelder sind aktuell noch auf Ihrer Tagesordnung?

Helmke: Ich leite das Referat „Gesellschaftspolitische Grundsatzfragen, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Kunst und Kultur, Gedenken und Engagementpolitik – und alle Felder sind wichtig und auf der Tagesordnung. Der Bereich Integration und Migration ist für den Bundespräsidenten ein Schwerpunkt und wird es auch weiterhin sein.

Redaktion: Worin sehen Sie Chancen mit Kunst und Kultur, den Umgang mit Migranten zu verbessern und Migration zu fördern?

Helmke: Meine persönliche Meinung: Kunst und Kultur sind Seismographen unserer Zeit und auf der Theaterbühne, in einem Film oder mithilfe der Literatur lassen sich drängende Fragestellungen unmittelbarer darstellen und adressieren. Und was hilft besser als Musik Vielfalt sichtbar und hörbar zu machen. Es geht um die Wertschätzung und das Einüben eines neuen Wir. Auf längere Sicht braucht es nicht nur einen interkulturellen, sondern einen transkulturellen Dialog.

Redaktion: Welche Erfahrungen und Eigenschaften aus den vergangenen zehn Jahren im Haus kirchlicher Dienste sind für ihren Referatsbereich in Berlin besonders wichtig?

Helmke: Vernetztes Arbeiten, Arbeiten im Team, Stressresistenz, Intensität, viele Schubladen im Kopf gleichzeitig offen, Menschliebe, recherchieren und schreiben, Kontakte pflegen und neue gewinnen, Begeisterung für die Sache und Freude am Mitgestalten, gleichzeitig sich selbst nicht zu wichtig nehmen, Wertschätzung für unterschiedlichste Kolleginnen und Kollegen und: freundlich zur Verwaltung.

Redaktion: Auf welches Projekt aus ihrer Zeit in Hannover sind Sie besonders stolz?

Helmke: Auf viele: Kultur(förder)preis, Kultur-Kirchen-Fonds, Grundstandard kirchliche Kulturarbeit, ReFORMation, die jährlichen Aschermittwoche etc. Aber das sind und waren Gemeinschaftsprojekte und so würde ich statt „stolz“ eher „dankbar“ schreiben - natürlich vor allem auf die Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte – im Arbeitsfeld, Fachbereich, innerhalb der Landeskirche und mit vielen Kooperationspartnern aus dem kulturellen Bereich.

Redaktion: Was sind Ihre Wünsche für Ihre Zeit in Berlin?

Helmke: Erst einmal: Meine derzeitige Aufgabe ist ein Privileg und eine Herausforderung.

Privat: Mich noch besser an das Pendeln zu gewöhnen und ausreichend Zeit für Familie und Freundschaften, um die Energie zu erhalten.

Beruflich: Weiter lernen und dienen zu können und die dynamische Identität von Pastorin, Christin, Bürgerin, d.h. die konstruktive und auch spannungsvolle Verbindung von zivilgesellschaftlicher und kirchlicher Perspektive immer wieder neu zu reflektieren.

Redaktion: Inwiefern liegt Ihnen daran den Kontakt ins Haus kirchlicher Dienste und zur hannoverschen Landeskirche weiterhin zu halten? Gibt es auch eine Option auf eine weitere Zusammenarbeit?

Helmke: Ich schaue natürlich regelmäßig auf die Seiten von www.landeskirche-hannovers.de, www.kirchliche-dienste.de und www.kunstinfo.net – das war ich 10 Jahre lang gewohnt. Das fühlt sich nicht nur vertraut an, sondern mich interessieren natürlich weiterhin die Themen, die oft ja gar nicht so verschieden sind von denen, die hier eine wichtige Rolle spielen und wahrgenommen werden. Im Haus kirchlicher Dienste ist sehr viel Expertenwissen vorhanden, und ich weiß, dass ich – falls ich eine spezielle Frage habe – dort gut aufgehoben bin. Und in zwei Jahren kehre ich ich ja wieder zurück in die hannoversche Landeskirche.

Redaktion

Kompetenz und geistliche Erdung

„Kirche in Zeitgenossenschaft braucht zeitgenössische Kunst“ sagte Pastorin Dr. Julia Helmke in ihrer Abschiedspredigt am 12. Juni in Hannover. Die frühere Beauftragte für Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste der Hannoverschen Landeskirche verstand ihre Aufgabe als „Über-setzungs-Arbeit“ zwischen Kunst und Kultur mit ihren je eigenen Sprachwelten und institutionellen Gegebenheiten. Seit Februar leitet die 46-Jährige das Grundsatzreferat „Gesellschaftspolitische Grundsatzfragen, Integration und Migration, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Kunst und Kultur“ im Bundespräsidialamt, und zwar bis zum Ende der Amtszeit von Bundespräsident Joachim Gauck im März 2017.

Im Kreis von Kollegen im Haus kirchlicher Dienste, Vertretern der Landeskirche und der Kultur verabschiedete sie sich mit einem Gottesdienst in der Neustädter Hof- und Stadtkirche.

Oberlandeskirchenrat Dr. Klaus Grünwaldt hob hervor, sie habe mit Engagement, Kompetenz und geistlicher Erdung ihr Haus gut bestellt, habe junge Theologinnen für das Arbeitsfeld gewonnen und mit ihm in Verbindung gehalten und zum Beispiel den „Aschermittwoch der Künste in die Fläche der Landeskirche“ gebracht. Ministerialdirigentin Dr. Annette Schwandner vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur meinte, Helmke habe das Arbeitsfeld „zu einem ganz, ganz wichtigen kulturpolitischen Akteur“ gemacht, zum Beispiel mit dem 2010 und 2013 verliehenen Kulturpreis. In ihrer „großartigen Arbeit“ habe Helmke immer wieder Bündnisse geschmiedet. Pastor Dietmar Adler vom Arbeitskreis „Kirche und Film“ tröstete sich über ihren befristeten Weggang damit, dass ihre Fähigkeiten wie Sensibilität für die Kirchengemeinden, Beharrlichkeit und Kommunikationsfähigkeit ja nun in der neuen Position dem gesamten Staat zu Gute kämen. Der Filmkenner und frühere Hannoversche Stadtsuperintendent Hans Werner Dannowski erinnerte an ihren Start vor zehn Jahren und lobte die „offene Verlässlichkeit“ und guten Sprachkenntnisse der ehrenamtlichen Präsidentin von Interfilm, der ökumenischen internationalen Filmorganisation.

Der Direktor des Hauses kirchlicher Dienste Ralf Tyra sprach von einer „super Zusammenarbeit“ mit ihr, auch als stellvertretende Direktorin des Hauses und Leiterin des Fachbereiches „Kirche im Dialog“, den sie zehn Jahre geführt hat.

Redaktion

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