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Bild: Hartmut Schneider

Beten und Laufen für Gerechtigkeit

Tagesthema 01. Mai 2015

Es muss doch Gerechtigkeit geben! Wenn nicht hier, dann wenigstens dort! Wo immer das ist, wann immer das ist. Aber geben muss es sie! Diese „Hoffnung“ gibt es in fast allen Religionen. Und an vielen Stammtischen. Umkehrung der Verhältnisse: hier reich, dort arm; hier arm, dort reich. Ist das die „Moral“ dieser Beispielgeschichte?

Das mag auf den ersten Blick so scheinen: Ein namenloser, unbarmherziger, egoistischer Reicher und ein Armer, der hier „Lazarus“ heißt, „Gott hilft“. Einer von den Armen in Judäa, die 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Ob er fromm ist, wird nicht gesagt. Ebensowenig, ob der Reiche gottlos ist. Und ist Reichtum nicht überhaupt ein Zeichen göttlichen Segens? War Abraham nicht so etwas wie der Bill Gates des zweiten vorchristlichen Jahrtausends? Und ausgerechnet er gilt hier als Hüter himmlischer Freuden?

Geht es in dieser Geschichte also nicht einfach gegen die Reichen? Schade! Sagen die weniger gut Betuchten. Und Anlass zum Spekulieren über Himmel und Hölle sei die Story auch nicht, meinen die Experten. Auch schade. Oder auch nicht.

Ein Gleichnis haben wir jedenfalls nicht vor uns. Gleichnisse haben eine ordentliche Einleitung („Mit dem Himmelreich verhält es sich wie…“) und am Schluss eine Nutzanwendung wie „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“ (wenige Verse vor dieser Geschichte). Beides fehlt hier. Nennen wir die Erzählung darum nicht „Gleichnis“, sondern getrost „Beispielgeschichte“. Sie soll durch sich selbst wirken. Ihr Sinn steckt in der Erzählung, vor allem in ihrem Schluss, wenn Abraham sich an den Reichen wendet, der in der Hölle schmort und um Hilfe für seine fünf Brüder bittet. „Abraham sprach zu ihm: Sie haben Mose und die Propheten. Wenn sie auf die nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“

Auf Mose und die Propheten hören! Die mühen sich ab, dem Volk Gottes Willen klar zu machen. Und die Quintessenz ihres Redens und ihrer Beispielhandlungen heißt immer wieder: Seid barmherzig, übt Gerechtigkeit, kümmert euch um Arme und Schwache, um Witwen und Waisen. Treffend zusammengefasst ist die Botschaft der Propheten in Amos 5, 24: „Es ströme aber das Recht wie ein Strom und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Der Reiche hat das gewusst. Trotzdem war er überzeugt, das geltende Recht auf seiner Seite zu haben. So lebten doch alle aus seiner Sippe. Purpur, kostbares Leinen - ein Feinschmecker-Luxus-Leben – warum denn nicht? War doch sein gutes Recht! Da werden dann schon mal Moses und die Propheten übersehen.

Und Gerechtigkeit ist doch sowieso ein Traum! Es gibt bestenfalls „selektive Gerechtigkeit“: eine Gerechtigkeit für die Wohlhabenden, eine für die armen Schlucker, eine für Westeuropa, eine für Afrika, eine für die Afroamerikaner, eine für die weißen Amerikaner, eine für die Israelis, eine für die Palästinenser, eine für Flüchtlinge, eine für Einheimische…

Wirkliche Gerechtigkeit für alle – eine „gerechte Weltwirtschaftsordnung“ zum Beispiel - unerreichbar! Aber der Weg dahin ist unbedingt geboten. Und die Schlaglöcher auf diesem Weg sind mit Barmherzigkeit zu füllen. Es geht wohl nicht anders, so unbefriedigend das sein mag. Das könnte durchaus der Sinn dieser Geschichte sein.

Othmar Schulz

Die Andacht ist veröffentlicht in der Evangelischen Zeitung. Direkt zur Online-Ausgabe der Evangelischen Zeitung

Der Text

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Bild: Jens Schulze

Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.
Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner.

(Aus Lukas 16,19-31)

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Der Autor

2015 Otmar
Bild: privat

Pastor i.R. Dr. Othmar Schulz

Schwitzen gegen Gewalt

Unter dem Motto „Mach nicht halt - lauf gegen Gewalt“ joggen und walken über 4000 Läuferinnen und Läufer vom 6. bis 13. Juni beim traditionellen EWE-Nordseelauf mit Tagesetappen zwischen 6 und 12 Kilometern mit. Mit Segensworten durch Regionalbischöfe, mit Kurzansprachen vor der Etappensieger-Ehrungen, mit Kurzandachten bei den Inselüberfahrten und einem Gottesdienst ist die evangelische Kirche beim dem Lauf-Event wieder stark präsent. Erstmals werden die Kirchenmitarbeiter Armbändern mit der Mottoaufschrift „Mach nicht halt – lauf gegen Gewalt“ zu Gunsten eines Anti-Gewaltprojektes im Kongo gegen Spende unter Begleit-Personen, Gästen und Zuschauern verteilen; viele der 450 bis 800 Laufenden pro Etappe werden ebenfalls das Band tragen.

„Ich bin erfreut über die wieder zahlreichen Anmeldungen von Läufern und Läuferinnen zum einzigartigen Nordseelauf. Sie setzen ein wichtiges Zeichen gegen Gewalt in dieser Zeit. Das Motto motiviert sie, sich anlässlich des Laufes auch mit Fragen zu Gewalt, Gewaltprävention und Friedensaktivitäten zu beschäftigen“ sagt Pastor Hartmut Schneider, Initiator der kirchlichen Aktivitäten beim Lauf und Referent bei „Kirche im Tourismus“ im Haus kirchlicher Dienste.
Der Verkaufserlös der Armbänder kommt einem friedenspolitischen Projekt im Kongo zu Gute, in dem ehemalige Kindersoldaten lernen, Gitarren zu bauen und so für ihren Lebensunterhalt ohne Gewalt selbst zu sorgen. Auch bei den anderen kirchlichen Beiträgen wird das Thema immer wieder aufgegriffen. Zum Lauf-Auftakt am Samstag, 6. Juni wird am Ende der ersten Etappe rund um Dornumer Siel der ostfriesische Landessuperintendent Dr. Detlef Klahr einen Toursegen spenden.

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