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Feuer und Flamme

Tagesthema 22. Mai 2015

 „Als der Tag der Pfingsten gekommen war …“ Gemeint ist das „Fest des 50. Tags“ oder auch „Wochenfest“, ein Erntedank- und Wallfahrtsfest. Jetzt ist das Frühjahrsgetreide reif, das an Pessach gesät worden war. Jerusalem ist überfüllt von Pilgern, von frommen, gesetzestreuen Juden aus der Diaspora, die das Toragebot befolgen und ihre Erstlingsfrüchte zum Tempel bringen.

An diesem Tag sind auch Jesu Jüngerinnen und Jünger alle beieinander – fünfzig Tage nach der Auferweckung Jesu. Die bislang so furchtsamen Jünger, die sich nach dem Tod Jesu eingeschlossen hatten, fangen an zu reden. Nun ist alle Angst verflogen, alle Hoffnungslosigkeit dahin. Jetzt sind sie Feuer und Flamme für das, was sie an Ostern erlebt haben.

So wie Lukas uns die Geschichte erzählt, erinnert er uns an die Begegnung Gottes mit seinem Volk Israel am Sinai. Der Sturm und die Zungen von Feuer verbinden beide Geschichten: „Und das ganze Volk hatte die Donnerschläge und die Feuerflammen, den Posaunenschall und den rauchenden Berg wahrgenommen.“ (Ex 20,18) Ein alter jüdischer Kommentar zu diesem Vers zieht zur Erklärung Psalm 29,7 heran: „Die Stimme des Ewigen wirft zuckende Feuerflammen“ und folgert: „Sie sahen ein Feuerwort, das aus dem Munde Gottes hervorkam und in die Tafeln eingehauen wurde.“

Das dritte verbindende Motiv ist das Sprachwunder. Eine sehr alte jüdische Auslegung der Sinai-Offenbarung sagt: „Als Gottes Stimme am Sinai hervorkam, teilte sie sich in die siebzig Sprachen (Zungen) der Menschheit, so dass alle Völker sie verstehen konnten.“ Wie an Pfingsten: „Wir alle hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden.“ Und wie das Volk Israel am Sinai gerät auch an Pfingsten die zusammengekommene Menge außer sich und ist bestürzt.

Lukas schreibt so den auferweckten Christus und die Gabe des Heiligen Geistes hinein in die große Rettungsgeschichte Gottes mit seinem Volk Israel. An Pfingsten hören alle von den großen Taten Gottes – von Pessach und Ostern, von der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten bis zur Auferweckung Jesu.

Pfingsten liegt noch vor uns

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Heute ist das Wochenfest im Judentum das Gedenkfest an den Bund, den Gott am Sinai mit seinem Volk geschlossen hat, und an die Gabe der Tora. Eine Lernnacht zur Tora ist Brauch in vielen jüdischen Gemeinden.

Heute gedenken wir Christen an Pfingsten an die weltweite Ökumene, an einen neuen Bundesschluss Gottes, nun mit den Völkern der Welt. Eine Zeitansage für die Völker, wie sie der Epheserbrief deutet: „So sind wir nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“

Die Grenzen zwischen Israel und den Völkern also eingerissen? Für uns bleibt das allzuoft ein Hoffnungssatz. Denn die trennenden Mauern sind in einer Welt des Antisemitismus noch nicht eingerissen, und die Völker und Israel leben nicht im Frieden miteinander. Pfingsten liegt noch vor uns, und wir feiern, was erst noch geschehen wird.

In diesem Jahr fallen jüdisches Wochenfest und unser Pfingstfest auf den gleichen Tag – eine gute Gelegenheit, die Zeitansage für die Völker neu sprechen: Feuer und Flamme zu sein, erfasst von den großen Taten Gottes.

Wolfgang Raupach-Rudnick

Die Andacht ist veröffentlicht in der Evangelischen Zeitung. Direkt zur Online-Ausgabe der Evangelischen Zeitung

Der Text

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Bild: Jens Schulze

Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

(Aus Apostelgeschichte 2,1-18)

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Der Autor

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Bild: privat

Pastor i.R. Wolfgang Raupach-Rudnick ist Vorsitzender der Lutherisch Europäischen Kommission für Kirche und Judentum (LEKKJ).

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