Die Welt ist überrüstet

Tagesthema 19. April 2015

Die Evangelische Kirche muss ihre Stimme erheben gegen die Rüstungsausgaben und Rüstungsexporte

Nach 1945, dem Erschrecken über die Kriegstoten und den Holocaust gab es, zumindest bei einigen, eine Phase der konkreten Friedenssehnsucht.

Die UN erklärte die Ächtung des Krieges und den nationalen Krieg als völkerrechtswidrig. Im Stuttgarter Schuldbekenntnis der EKD heißt es: „Aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Der Ökumenische Rat der Kirchen bekannte 1948:

„Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein!“. In der Bundesrepublik begann das „Wirtschaftswunder“ ohne Armee. Aber das Streben nach einer eigenen Armee und einer wachsenden Rüstungsindustrie setzte sich wieder in Deutschland und weltweit durch. Im „Kalten Krieg“ rüstete die Welt endgültig ins irrationale. Die Atomwaffen können die Welt bis heute hundertfach vernichten und ihre Bereithaltung verschlingt jährlich Milliarden Dollar.

Doch wieder keimte Hoffnung auf, als eine „friedliche Revolution“, Kerzen und Gebete, eine „neue Welt“ schufen und die Mauer fiel. Die „Friedensdividende“ wurde beschworen und Versöhnung möglich, aber neue Kriege wurden entfacht. Wieder musste z.B. Ban Ki – Moon 2010 mahnen: Die Welt ist überrüstet und der Frieden unterfinanziert. Die Konsequenzen erleben wir täglich in all den aktuellen Kriegen.

2014 wurden 1,7 Billionen Dollar für Rüstung ausgegeben. Der weltweite Rüstungswettlauf bleibt unvermindert in Fahrt. China, Russland, Brasilien, Saudi – Arabien, fast alle Länder rüsten verstärkt auf. Die NATO fordert 2 Prozent des BIP für Rüstung, das wäre für Deutschland fast Zweidrittel mehr als im aktuellen Bundehaushalt.

Deutschland bleibt einer der größten Waffenproduzenten weltweit. Auf der anderen Seite erhält die UN, die eine Friedensmacht sein soll, nur einen Bruchteil der Grundausstattung, die sie bräuchte, nur 25 Milliarden statt benötigter 100 Milliarden.

Aber Abrüstung wäre möglich, wenn wir es denn wollten und danach handelten. Hierfür müssen wir als evangelische Kirche unsere Stimme erheben. Als eine der Kirchen, die die größte Menschheitskatastrophe, den Zweiten Weltkrieg mit dem Holocaust, in ihrer Breite mitgetragen hat, die den Militarismus nicht hinderte, sondern förderte, sind wir jetzt gefordert.

Die Welt braucht die Kirchen nicht als eine Stimme in dem Chor, der die Kriege, Aufrüstung und Waffenexporte rechtfertigt oder schweigt, diese Stimmen sind überlaut. Aber wir, als Christinnen und Christen, müssen die Stimme erheben für die Feindesliebe, für die Versöhnung der Religionen, für die Bedürftigen und Schutzlosen, für eine Umverteilung der Rüstungsausgaben in Sozialleistungen, Bildung, Umwelt, zivile Konfliktbearbeitung und Entwicklung. So könnten die dringendsten Probleme der Weltbevölkerung entschiedener gemildert werden. Deshalb ist das Gebot der Stunde keine Erhöhung, sondern eine Senkung des Rüstungsetats.

Wir sollten unseren eigenen Grundlagen wieder trauen: „Schwerter zu Pflugscharen“, „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.“, „Ich aber sage euch, liebt eure Feinde.“, „ Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein!“ All die Toten der Weltkriege, der folgenden und aktuellen Kriege mahnen dies an.

Deshalb müssen wir uns als Kirche entschieden gegen den aktuellen politischen Willen wenden, den Militärhaushalt der Bundesrepublik wieder zu erhöhen. Dies wären ein fatales Signal und die ganz falsche Übernahme von Verantwortung. Keine neuen Panzer und bewaffneten Drohnen für die Bundeswehr, stattdessen alle Kraft und alles Geld in zivile, diplomatische und humanitäre Aufgaben stecken.

Lutz Krügener, Beauftragter Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste

Mehr über die Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste

Die Theologin Margot Käßmann und der Liedermacher Konstantin Wecker hoffen auf ein Erstarken der Friedensbewegung. „Sobald die Menschen persönlich berührt sind und das Gefühl haben, ich bin gefragt, kann die Friedensbewegung wieder groß werden“, sagte Käßmann am Rande einer Lesung in Hannover. Gemeinsam mit Wecker stellte sie in der voll besetzten evangelischen Marktkirche bei einer Benefiz-Lesung das neue Buch „Entrüstet euch! Warum Pazifismus für uns das Gebot der Stunde bleibt“ vor, das beide herausgegeben haben.

Käßmann erinnerte an die großen Demonstrationen etwa gegen den Krieg im Irak, bei denen Hunderttausende auf die Straße gegangen seien. Ostermärsche oder Friedensgebete wie etwa in der Leipziger Nikolaikirche müssten in schwierigen Zeiten auch mit wenigen Teilnehmern fortgeführt werden, damit sich aus diesen Keimzellen wieder Großes entwickeln könne.

Wecker betonte den Zusammenhang von Frieden und sozialer Gerechtigkeit. „Mit Lebensmitteln zu spekulieren, ist Krieg“, sagte er. Er hoffe auf die „Vernetzung vieler gutwilliger Menschen“, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzten. Gerechtigkeit müsse aber von unten wachsen. Sie könne den Menschen nicht durch ein System übergestülpt werden. Mit Blick auf weltweite Kriege und Konflikte betonte Wecker: „Die Friedensbewegung muss eine Chance haben.“

Scharfe Kritik übten beide an Waffenhandel und Rüstungsexporten. Käßmann sagte, Deutschland gebe pro Jahr 33 Milliarden Euro für Rüstung und nur 29 Millionen Euro für Friedensinitiativen aus. Dabei lehnten zwei Drittel der Bundesbürger Rüstungsexporte ab. „Das macht mich hoffnungsvoll, dass Menschen lernen wollen, nicht mehr 'Hurra' zu Kriegen zu sagen.“ Die weltweit größten Abnehmer von deutschen Waffen seien ausgerechnet die Länder des Mittleren Ostens.

Wecker sagte, die einzigen Menschen, die sich über Kriege freuten, seien die Waffenhändler. Gleichwohl gebe es auch in Ländern wie dem Irak Initiativen, die sich mit wenig Geld für den Frieden einsetzten. „Das könnte man noch immens ausweiten.“

Für das Buch sammelten der Künstler und die Theologin Texte verschiedener pazifistischer Traditionen von Konfuzius und Franz von Assisi über Erich Kästner und Martin Luther King bis zu Antje Vollmer und Eugen Drewermann. Dazu kommen aktuelle, eigens für diesen Band geschriebene Texte, etwa von Arno Gruen und Friedrich Schorlemmer.

epd

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