"Auf dem Schiff komme ich gleich nach Gott.“

Tagesthema 17. April 2015

Das eigene Leben riskieren

„Auf dem Schiff komme ich gleich nach Gott.“ Zu viel Bescheidenheit ist Francesco Schettinos Sache nicht. Mit großer Geste, hemdsärmelig, arrogant, brachte er die Staatsanwaltschaft auf die Palme, als er sich für die Havarie vor der Toskana-Küste mit 32 Toten und das Zurücklassen von Minderjährigen und Hilfsbedürftigen verantworten musste. In den Augen der Staatsanwaltschaft ist dieser Kapitän ein „unvorsichtiger Idiot“, der skrupellos mit dem Leben der Passagiere gespielt habe. Er hat sich „vom Schiff geschlichen, ohne sich auch nur die Schuhsohlen nass zu machen“, heißt es. Er selbst hält dagegen: „Die Schwerkraft hat mich ins Rettungsboot gezogen.“

„Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.“

Schlechter Hirte, guter Hirte. Ein archaisches, wirksames Sprachbild bietet das Johannesevangelium auf, Erinnerung an und Deutung von Jesu Wirksamkeit, hier im Hell-Dunkel-Kontrast. Der Mietling ist der Lohnarbeiter, ein bezahlter Knecht. Er erledigt seinen Job, jedoch ohne eigenes Lebensrisiko - was man rein arbeitsrechtlich auch nicht unbedingt von ihm verlangen kann. Ein „Nur über meine Leiche“ kann und will er dem Wolf nicht entgegen setzen.

Anders der gute Hirte. Nicht seine besonderen Qualitäten in Führung und Leitung stehen hier im Mittelpunkt, sondern sein Einsatz und die Hingabe des eigenen Lebens. Dieser gute Hirte bleibt an Bord. Die Schuhsohlen mehr als nur nass gemacht, mehr als nur die eine Wange hingehalten, das Kreuz getragen. Später sagt man: anderen zugute. Dass er seinen Weg der Liebe zu Ende geht, konsequent, ohne vorher auszusteigen, endet für ihn tödlich – und ermöglicht doch neues Leben und neue Hoffnung. Die von ihm und seinem Weg fasziniert sind, spüren - gerade auch in Not und Leid: Nichts kann mich aus seiner Hand reißen. Und bringen das mit Psalm 23 zusammen: Mir wird (letztlich) nichts mangeln.

Hat das Bild-Motiv auch Vorbildcharakter? Ich schwanke. Den Widerstandskämpfern 1944 war klar, dass sie selbst umgebracht werden, wenn ihr Attentat auf Hitler misslingt. Das Leben einsetzen, um Naziherrschaft und Krieg zu beenden. Der evangelische Pastor (auf deutsch: Hirte) Oskar Brüsewitz protestierte 1976 gegen die Verhältnisse in der DDR, indem er sich selbst verbrannte. Gab sein Leben dahin, damit sich für alle etwas bessert. Frank Walter Steinmeier spendete seiner erkrankten Ehefrau eine Niere. Gab etwas von seinem gesunden Körper dahin, damit das Leben seiner Frau gerettet wird. All das nötigt mir hohen Respekt ab.

Man kann damit aber auch Schindluder treiben, z.B. wenn Diktatoren und Terrorführer zum Einsatz des Lebens für politische Ziele aufrufen und dies mit Aussicht auf ewigen Ruhm oder himmlische Belohnung versüßen. Wem das eigene und einzelne Leben nichts wert ist, dem sind auch die Leben von vielen anderen egal. Ehrfurcht vor dem Leben sieht anders aus.

Bleibt die ernste Frage, auch wenn ich kein Schiffskapitän bin: Wofür oder für wen würde ich mein Leben einsetzen und riskieren?

 

Christian Stasch

Die Andacht ist veröffentlicht in der Evangelischen Zeitung. Direkt zur Online-Ausgabe der Evangelischen Zeitung

Der Text

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Bild: Jens Schulze

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für seine Schafe.  Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht; und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe. Der Mietling aber flieht; denn er ist ein Mietling und achtet der Schafe nicht. Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Aus Johannes 10, 11-15

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