„Ich war so allein“

Tagesthema 14. April 2015

Als Kind inhaftierte KZ-Überlebende kommen zum 70. Jahrestag der Befreiung nach Bergen-Belsen

Yvonne Koch spürt schon auf dem Weg durch die Heide, wie ihre Beklemmung wächst. „Es bedrückt mich jedes Mal“, sagt sie. Dennoch will sie von ihrem Wohnort Düsseldorf nach Bergen-Belsen bei Celle fahren, wenn am 26. April neben Politikern wie Bundespräsident Joachim Gauck auch Überlebende an die Befreiung des Konzentrationslagers vor 70 Jahren erinnern. Die heute 81-Jährige gehörte zu den Kindern, die den Schrecken des Lagers oft jahrelang durchleiden mussten. Das Gedenken sei ihr wichtig, betont sie, auch wenn es schmerzt: „Diesen Rucksack kann man nicht ablegen.“

Bei der Befreiung des Konzentrationslagers am 15. April 1945 fanden britische Soldaten Tausende unbestattete Leichen und Zehntausende todkranke Menschen vor. Auch Yvonne Koch lag da: ein elfjähriges Mädchen durch Flecktyphus im Koma, krank von der Kälte, dem Schmutz und einem unbeschreiblichen Hunger. „Eine Minute vor zwölf haben die Engländer mich gerettet“, erinnert sie sich. Rund 3.000 Mädchen und Jungen unter 14 Jahren waren nach Schätzungen von Historikern in den letzten beiden Jahren in Bergen-Belsen eingesperrt, die meisten kamen aus jüdischen Familien.

Auch Anne Frank, deren Tagebuch weltberühmt wurde, und ihre Schwester Margot starben in Bergen-Belsen. Etwa 100 Kinder wurden im Lager geboren, viele von ihnen überlebten nicht. „Die beiden jüngsten Häftlinge waren einen Tag alt, als die Briten das Lager befreiten“, sagt der wissenschaftliche Leiter der Gedenkstätte, Thomas Rahe.

Yvonne Koch besuchte seit 1941 eine Klosterschule in der Slowakei und lebte dort im Internat. Ihr Vater hatte 1944 zwei Flüchtlinge aus Auschwitz als Arzt behandelt. Das wurde verraten, und er musste in die Illegalität flüchten. Um ihn zu finden, kamen Gardisten in das Kloster und wollten von Yvonne den Aufenthaltsort des Vaters erfahren. Doch sie wusste nicht, wo er war. Daraufhin wurde sie in das Sammellager Sered gebracht und 24 Stunden später nach Bergen-Belsen deportiert. „Das Schwerste war, dass ich so allein war“, blickt sie auf die Zeit dort zurück.

Unter den Bergen von Leichen hielt das Mädchen Ausschau nach einer Frau mit schwarzen Haaren. „Hunger, Kälte und die Suche nach meiner Mutter haben mein Leben dort bestimmt.“ Im Lager habe sie so gut wie keine Solidarität erlebt, berichtet die 81-Jährige. „Sogar das Brot wurde mir oft weggenommen.“ Nur eine Frau verhielt sich anders. Sie schenkte ihr von Zeit zu Zeit etwas zu essen und ein Paar Handschuhe. Das Mädchen hütete sie wie andere Kinder ihren Teddy. Heute zählen diese Handschuhe zu den eindrücklichen Exponaten im Ausstellungshaus der KZ-Gedenkstätte.

Lange Jahre hat Yvonne Koch niemandem von ihren Erlebnissen erzählt. Auch ihren Eltern nicht, die sie nach ihrer Befreiung wiedersah. „Diese Zeit war überall ein Tabu, und Verdrängen war der Stand der Medizin“, sagt sie. Der Sport half ihr als Schwimmerin der tschechoslowakischen Nationalmannschaft dabei, im Leben wieder Fuß zu fassen. Als Mikrobiologin erwarb sie sich später internationale Anerkennung. Mit ihrem Mann Herbert Koch feiert die Mutter und Großmutter in diesem Jahr Goldene Hochzeit. Doch die Erfahrungen ihrer Kindheit begleiten sie bis heute.

Die Psychologie habe erst allmählich erkannt, wie sehr auch Kinder durch die Zeit im KZ traumatisiert wurden, sagt der Historiker Rahe. Seit einiger Zeit wisse auch die Geschichtsforschung diese besonderen Zeitzeugen zu würdigen. Fast 100 Überlebende wollen zum 70. Jahrestag der Befreiung nach Bergen-Belsen kommen. Die Mitarbeiter der Gedenkstätte haben heute noch Kontakt zu mehr als 2.000 früheren Häftlingen, erläutert Rahe. Das sei einmalig unter den Gedenkstätten in Deutschland - auch weil in Bergen-Belsen so viele Kinder waren.

„Viele von ihnen sind dazu bereit, heute die Rolle der Zeitzeugen zu übernehmen“, sagt Rahe. Dazu gehört auch Yvonne Koch. Sie berichtet regelmäßig vor Schulklassen und Jugendgruppen von ihren Kindertagen im KZ. Immer wieder warnt sie dann vor Vorurteilen und einem Schwarz-Weiß-Denken. Auch wenn sie jedes mal vorher aufgeregt sei, mache sie dabei gute Erfahrungen, sagte sie: „Die junge Generation will sich damit auseinandersetzen.“

Karen Miether, epd

Fund von neuem Massengrab vermutet

 

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen bei Celle hat ein Niederländer Anzeichen für ein bisher unentdecktes Massengrab entdeckt. Er sei auf der Suche nach dem Grab seines Großvaters gewesen, sagte Paul Verschure der niederländischen Fernsehsendung „Nieuwsuur“ am Freitagabend. In Bergen-Belsen habe er mit Überlebenden gesprochen, die seinen Großvater, den Widerstandskämpfer Jan Verschure, kannten. Einer habe ihm auf einer Karte gezeigt, wo sich das Grab befinden sollte.

Die Sprecherin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Stephanie Billib bestätigte, Verschure habe im vergangenen Frühjahr den Boden mit „nicht invasiven Methoden“ untersucht. Dabei habe er Unregelmäßigkeiten festgestellt, sagte Billib. Diese könnten ein Anzeichen für ein Massengrab sein, die Funde seien aber für weitere Untersuchungen nicht konkret genug. „Es muss schon mehrfache Hinweise geben, damit wir Grabungen vornehmen.“

Da das ganze Gelände als jüdische Friedhof behandelt werde, habe die Stiftung zudem den Landesverband der Jüdischen Gemeinden kontaktiert. „Aus moralischer Sicht wollten wir nicht über den Landesverband hinweg entscheiden“, sagte Billib. Dieser habe sich aufgrund religiöser Gründe gegen Ausgrabungen entschieden. Zukünftig werde die Fläche jedoch als hohe Wiese belassen, um sie somit nicht zugänglich zu machen.

Dass es auf dem Gelände weitere Grabstätten gebe, sei nicht unwahrscheinlich, sagte Billib. Auch bei Bodenuntersuchungen vor der Neugestaltung der Gedenkstätte seien Unregelmäßigkeiten festgestellt worden. Die Orte an denen Häftlinge einzeln verscharrt wurden, ließen sich bis heute nur schwer nachvollziehen. In Bergen-Belsen befinden sich derzeit elf Massengrabstellen und etwa 15 Einzelgräber. In dem Lager starben zwischen 1940 und 1945 mehr als 70.000 Menschen.

epd

Mehr über die Gedenkstätte Bergen-Belsen

Symbol für Verbrechen

Bergen-Belsen ist bis heute weltweit ein Symbol für die Verbrechen der Deutschen in der NS-Zeit. Die Wehrmacht errichtete 1940 rund 60 Kilometer nordöstlich von Hannover ein Kriegsgefangenenlager. Im April 1943 übernahm die SS Teile des Geländes für ein Konzentrationslager. In Bergen-Belsen starben mehr als 52.000 KZ-Häftlinge und rund 20.000 Kriegsgefangene. Am 15. April 1945 befreiten britische Truppen das Lager. Sie fanden Tausende unbestattete Leichen und Zehntausende todkranke Menschen vor.

Das KZ Bergen-Belsen war zunächst für Juden vorgesehen, die gegen im Ausland internierte Deutsche ausgetauscht werden sollten. Ab 1944 wurden kranke Häftlinge aus anderen Lagern dorthin transportiert. In den letzten Kriegsmonaten wurden frontnahe Konzentrations- und Vernichtungslager geräumt und Zehntausende Menschen nach Bergen-Belsen gebracht. Im überfüllten Lager herrschten katastrophale Zustände. Allein zwischen Anfang Januar und Mitte April 1945 starben rund 35.000 Häftlinge - unter ihnen Anne Frank, deren Tagebuch weltbekannt wurde.

epd