Vaterfigur für das Denken

Tagesthema 13. April 2015

Schriftsteller Günter Grass ist im Alter von 87 Jahren gestorben

Er war gleichermaßen engagierter Schriftsteller und bildender Künstler. Doch bekannt war Günter Grass vor allem für seine unbequemen politischen Kommentare. Am Montag ist der Nobelpreisträger im Alter von 87 Jahren gestorben.

Der Schriftsteller Günter Grass ist tot. Der Literaturnobelpreisträger starb  im Alter von 87 Jahren in einem Lübecker Krankenhaus an einer Lungenentzündung, wie das Günter Grass-Haus bestätigte. Grass habe mit seiner Literatur und seiner Kunst die Menschen begeistert und zum Nachdenken gebracht, schrieb Bundespräsident Joachim Gauck an die Witwe Ute Grass. „Sein Werk ist ein beeindruckender Spiegel unseres Landes.“ Grass sei ein streitbarer und eigenwilliger politischer Geist gewesen, der Auseinandersetzungen und Kritik nicht fürchtete.

Spätestens seit Verleihung des Nobelpreises 1999 galt Grass als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart. Mehr als 70 Titel in rund 40 Sprachen umfasst sein Werk, das seit 1993 vom Göttinger Steidl Verlag herausgegeben wird. Größter Erfolg war „Die Blechtrommel“ (1959). Oskar Matzerath, der kleine Trommler und Außenseiter, erzählt das Leben im Danzig der Nazi-Zeit und der Nachkriegsjahre. Sein neuestes Buch „Von Endlichkeit“ beendete Grass dem Verlag zufolge erst vor wenigen Tagen. Der Lyrik- und Prosa-Band soll im Juli oder August erscheinen.

Vertreter aus Politik, Kultur und Gesellschaft würdigten den oft streitbaren Literaten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, Grass habe die Nachkriegsgeschichte Deutschlands mit seinem künstlerischen sowie seinem gesellschaftlichen und politischen Engagement wie nur wenige begleitet und geprägt. „Mit dem Tod von Günter Grass verliert die Bundesrepublik Deutschland einen Künstler, von dem ich mit tiefem Respekt Abschied nehme“, hieß es in dem Kondolenzschreiben Merkels an die Witwe Ute Grass.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) schrieb an die Witwe, mit Grass verliere Deutschland einen engagierten Staatsbürger, der immer wieder öffentlich Stellung bezogen habe. Er habe keine noch so heftige Kontroverse gescheut. „Das machte ihn zu einer Instanz in der politischen Debatte, die zuweilen störte und manchmal auch verstörte.“

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) nannte Grass eine „Vaterfigur für das Denken und Schreiben der erwachsen werdenden Bundesrepublik“. Viele hätten sich an ihm gerieben - „besonders diejenigen, die schnellstmöglich das Vergangene ruhen lassen wollten“. Wie kein zweiter deutscher Künstler sei er eingetreten für Rechte von Minderheiten, für soziale Gerechtigkeit und Demokratie.

Der Tod des 87-Jährigen sei nicht nur ein Verlust für Deutschland, sondern für die Weltliteratur, teilte die Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland in Darmstadt mit. „Wie kein anderer verkörperte er den Typus des engagierten Intellektuellen, der keine Auseinandersetzung scheute. Er fand weltweit Gehör“, würdigte das PEN-Zentrum seinen Ehrenpräsidenten.

Grass literarisches Schaffen war weit über die Vergangenheitsbewältigung hinausgegangen. Zu seinen erfolgreichsten Romanen gehört „Der Butt“ (1977). Außerdem war Grass auch bildender Künstler und illustrierte teils auch seine Romane.

Politisch hatte der prominente Linke oft angeeckt. Er war mit Willy Brandt befreundet und unterstützte in den 60er Jahren die Wahlkämpfe der SPD. Erst 1983 wurde er SPD-Mitglied, trat aber 1993 nach Beschlüssen zur Asylpolitik wieder aus. Unermüdlich warnte er vor einem Wiederaufleben des Nationalismus.

Vor allem mit seinem Gedicht „Was gesagt werden “ gegen Israel brachte Grass 2012 Menschen gegen sich auf. Nicht der Iran, sondern Israel mit seinen Atomwaffen gefährde den Weltfrieden, heißt es dort. Harte Kritik musste er auch einstecken, als er 2006 öffentlich einräumte, dass er kurz vor Kriegsende Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Zwar hatte er aus seiner Nazi-Begeisterung als Jugendlicher nie ein Hehl gemacht, doch man nahm ihm den späten Zeitpunkt des Geständnisses übel.

Geboren wurde Grass am 16. Oktober 1927 in Danzig, sein Vater war deutschstämmig, seine Mutter kaschubischer Abstammung. Im Zweiten Weltkrieg meldete er sich mit 15 Jahren freiwillig zur Wehrmacht. Nach seinem Kunststudium lebte er Ende der 50er Jahre in ärmlichen Verhältnissen in Paris. 1960 zog er nach Berlin, 1972 nach Wewelsfleth in Schleswig-Holstein. Zuletzt lebte Grass mit seiner zweiten Frau Ute in Behlendorf bei Lübeck.

epd

Das letzte Buch von Günter Grass, mit dem Titel „Von Endlichkeit“, erscheint in Kürze im Steidl Verlag

Günter Grass ist gestorben.

Durch Vermittlung von Dr.h.c. Hanjo Kesting, unserem Kurator für’s Literarische gelang es, zum Jubiläum 850 Jahre Kloster Loccum 2013 unter dem Thema „Wort halten“ Günther Grass für den Sonnabend den 6. April zu gewinnen. Vor der Kirche die lange Schlange der Wartenden. Über 900 Besucher. Die Kirche bis zum Rand gefüllt. Vor Beginn ging eine ältere Frau neugierig um unsere Orgel. Kann ich helfen? Wer sind Sie? frage ich. Ich bin Frau Grass. Ich war immer auch Organistin. Stark.

In den Vorbesprechungen hatte ich gesagt: Wir möchten von Günter Grass eigentlich nur hören, warum er uns seine jugendliche freiwillige Zugehörigkeit zur SS die vielen Jahrzehnte hindurch verschwiegen und auf NS-Typen nur eingedroschen hat. Er hatte sich voll darauf eingelassen. Gesundheitlich angekratzt war er schon und auf der Fahrt atmete er mit dem Sauerstoffgerät. Aber als er am Lesepult vorne im Chorraum stand und die Stimme erhob, war er ganz der Alte. Er las aus den „Häutungen der Zwiebel“, zuerst jene Passage aus dem Reichsarbeitsdienst, wo ein hochgewachsener blonder, blauäugiger Jüngling das Anfassen des Karabiners verweigerte mit dem Argument, das macht man in unserer Familie nicht, schikaniert wird, seine Abteilung mit ihm, und sie alle Wut auf ihn bekamen, bis er dann wahrscheinlich in irgendeinem KZ verschwand. Erst Jahrzehnte später begriff ich, dass wir an ihm schuldig geworden waren. Dann in jugendlicher Begeisterung sich zur U-Boots-Waffe gemeldet, dann dort abgelehnt zur Elitetruppe der SS. Nichts wird beschönigt. War so.

Später Gespräch im alten Sessel mit Hanjo Kesting. Zorn über die Behandlung durch die FAZ, und daß sein zugegebenermaßen zu spätes Bekenntnis, aus Feigkeit, wie er zugab solchen bösen Widerhall fand. Zum Schluß noch einmal ein paar typische Grass-Gedichte, in denen die Adressaten nicht verschont wurden. Zum Abschluß nicht enden wollender Beifall. Ein großer Abend. Später: über ein Stunde zeichnet er geduldig seine schöne Unterschrift in die hingehaltenen Bücher, spricht hellwach mit diesem und jenem.

Die Kirche leert sich. Wir sitzen noch eine Weile vor der Rückfahrt im Kaminzimmer des Klosters. Schönes Gespräch. Ich sage unter anderem zu ihm: Was ich nicht verstehe und schade finde, Sie hätten sich doch die ganzen Jahrzehnte hindurch in Ihren Büchern und Vorträgen als persönlich Kundiger für SS- und NS-Erfahrungen stilisieren können und kein Mensch hätte Ihnen das übel nehmen können. Er schaute mich an und saugte an seiner kalten Pfeife:

„Recht haben Sie“, sagt er. Später schreibt er in unser Gästebuch: „Sollte ich in einem nächsten Leben einen Wunsch frei haben, würde ich mich um das Amt des Abts zu Loccum bewerben“. Dann wurde er, die Sauerstoffhilfe in der Nase, wieder gen Hamburg gefahren. Unvergesslich.

Horst Hirschler, Abt zu Loccum