Die große Stärke Indiens

Tagesthema 09. April 2015

„Brot-für-die-Welt“-Chefin Füllkrug-Weitzel verlangt klare Worte zu Übergriffen auf Christen und Muslime

Indien muss nach Auffassung der Präsidentin von „Brot für die Welt“, Cornelia Füllkrug-Weitzel, seine Anstrengungen im Kampf gegen die Armut verstärken. Starkes Wirtschaftswachstum allein bringe keine Verbesserung der sozialen Situation, sagte die Pfarrerin dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Neu-Delhi. Sie äußerte sich zum Abschluss einer Indien-Reise mit Blick auf den Besuch des indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi, der am Sonntag zur Eröffnung der Hannover Messe erwartet wird: „Indien sollte seinen Wachstumspfad so anlegen, dass auch die Ärmsten davon profitieren.“

Indien habe die absolut größte Zahl an Armen weltweit: „Etwa 800 Millionen Menschen müssen mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Davon sind mehr als 300 Millionen extrem arm, die maximal einen Dollar haben“, erläuterte Füllkrug-Weitzel. Das Wachstum dürfe auch nicht zulasten der Umwelt gehen. „Indien sollte ermutigt und dabei unterstützt werden, beim Ausbau seiner Energieversorgung auf erneuerbare Energien zu setzen, statt auf Kohle und Atomkraft“, betonte die 59-Jährige.

Beim Schutz der Menschenrechte forderte die Präsidentin von „Brot für die Welt“ deutliche Worte des indischen Regierungschefs. Zu den Überfällen von Hindu-Fundamentalisten auf Christen und Muslime müsse Premier Modi endlich klar Position beziehen: „Bisher bekennt er sich zwar zu den allgemeinen Prinzipien einer multi-religiösen und multi-ethnischen Gesellschaft. Aber er hat die Gewalt extremistischer Hindus nicht dezidiert verurteilt“, kritisierte Füllkrug-Weitzel.

Toleranz sei traditionell die große Stärke Indiens. „Ich wünsche mir, dass das Land weiter vorbildhaft das friedliche Zusammenleben sehr unterschiedlicher Religionen, Ethnien und Kulturen fördert“, sagte die Pfarrerin. Zugleich plädierte sie dafür, Indien als Land mit sehr großem eigenen Potenzial und als wichtigen internationalen Akteur auf der internationalen Bühne ernst zu nehmen: „Die Zeiten sind definitiv vorbei, da man Indien großmütig von oben herab auf die Schultern klopfen konnte.“

Was die Arbeit von Brot für die Welt vor Ort betrifft, erklärt sie, dass es einen guten Grund gebe, mit indischen Organisationen zusammenzuarbeiten: „Genauso wie internationale Kooperation auf Augenhöhe auf der Ebene der Regierungen wichtig ist, müssen sich auch zivilgesellschaftliche Organisationen vernetzen. Um die Ziele zu verfolgen, für die wir gemeinschaftlich international eintreten: menschenrechtsorientierte und nachhaltige Entwicklungsziele, ambitionierte Klimaziele und Abkehr von einem auf fossilen Energien basierenden Wachstumspfad.“

epd

Stichwort: Indien

Indien ist mit einer Fläche von 3,3 Milliarden Quadratkilometern neun Mal so groß wie Deutschland. Zwischen dem Himalaya und der Südspitze leben 1,25 Milliarden Menschen. Die Inder stellen nach den Chinesen die zweitgrößte Nation der Erde. Indien ist die Heimat vieler Kulturen, Sprachen und Religionen.

Die Mehrheit, etwa 80 Prozent, sind Hindus. Rund 13 Prozent bekennen sich zum Islam. Christen und Sikhs sind jeweils etwa zwei Prozent (je 25 Millionen). Daneben gibt es Buddhisten, Juden, Jains, Parsen und Animisten. Die Republik Indien ist ein säkularer Staat, in dem die Religionsfreiheit verankert ist. Überfälle auf Christen und Muslime lösen aber immer wieder Negativ-Schlagzeilen aus.

Indien wurde 1947 von Großbritannien unabhängig. Das Land mit seinen 29 Bundesstaaten und sieben Unionsterritorien gilt als größte Demokratie der Welt. Der Ministerpräsident leitet die Regierungsgeschäfte, während der Präsident eher zeremonielle Funktionen hat. Zugleich ist Indien Atommacht. Mit dem verfeindeten Nachbarn Pakistan wurden drei Kriege um das geteilte Kaschmir geführt.

Indien zählt mit seiner Wirtschaftskraft, seiner Industrie und Softwarebranche zu den aufstrebenden Schwellenländern. Mittlerweile ist das Land drittgrößter Verursacher von klimaschädlichen Treibhausgasen nach China und den USA. Allerdings produziert ein Inder nur 1,9 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und Jahr, verglichen mit einem EU-Bürger (6,8 Tonnen), einem Chinesen (7,2) und einem US-Bürger (16,4).

Der soziale Fortschritt hielt mit dem hohem Wirtschaftswachstum der vergangenen zehn Jahre nicht Schritt. Mehr als 300 Millionen Inder leben immer noch in extremer Armut und müssen mit weniger als umgerechnet 1,25 US-Dollar am Tag auskommen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt laut Weltbank bei etwa 1.600 Dollar. Zum Vergleich: Ein Chinese kommt auf über 6.000 Dollar, ein Einwohner Deutschlands auf 46.000 Dollar.

Ein Viertel der über 14-jährigen Inder kann nicht lesen und schreiben. Und die Müttersterblichkeit ist alarmierend: Zwei von tausend Schwangeren sterben bei Komplikationen oder bei der Geburt.

epd

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