Beeindruckende Klarsicht

Tagesthema 08. April 2015

Was bedeutet Ihnen Dietrich Bonhoeffer heute noch?

Kardinal Müller: Bonhoeffer ließ sich von Propagandamaschinerie nicht täuschen

Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller würdigt den von den Nationalsozialisten ermordeten evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) als Glaubenszeugen und Vorbild für heutige Ökumene-Bemühungen. Müller wurde 1977 bei Karl Lehmann mit einer Dissertation über das Thema „Kirche und Sakramente im religionslosen Christentum. Bonhoeffers Beitrag zu einer ökumenischen Sakramententheologie“ promoviert.

epd: Was hat Sie besonders an der Person Bonhoeffer beeindruckt?

Gerhard Ludwig Müller: Er war ein sehr junger Theologe. Es ist erstaunlich, dass er schon mit 24 Jahren große wissenschaftliche Projekte gemeistert hat. Er hat sich bereits früh mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt, nicht erst von 1933 an. Es hat mich beeindruckt, mit welcher Klarsicht er die Gefahren gesehen und erkannt hat. Hinterher ist alles leichter zu beurteilen. Man kann sagen, dass er sich nicht von der Propagandamaschinerie hat täuschen lassen hat, aber auch nicht von den Affekten, die es im deutschen Volk gab, und von der großen Enttäuschung über den verlorenen Krieg. Er ist nicht auf die Rattenfänger hereingefallen ist, auf die Parolen der Hitlerpartei. Das zeigt, dass er tief im christlichen Glauben verwurzelt war und daraus seine Urteile gezogen hat.

epd: Wie schlug sich das konkret nieder?

Müller: Er hat die Konsequenzen gezogen für sein persönliches Leben. 1933 hätte er die Möglichkeit gehabt, in England oder Amerika zu lehren. Er ist bewusst diesen Schritt der Solidarität mit Deutschland und den vielen Deutschen gegangen, die unter der furchtbaren Herrschaft litten. Es ist beeindruckend, dass er auch bereit war, schon zu Beginn der Verfolgung für die Juden einzustehen. Dass er sich selbst der Gefahr ausgesetzt hat und bereit war, das Opfer des eigenen Lebens zu bringen, das ist sehr erstaunlich. Es zeigt die Einheit von Geist und Leben, Wort und Tat. Es ist eine beständige Gefahr für uns, richtige Analysen vorzutragen, aber nicht die praktischen Konsequenzen daraus zu ziehen. Das kann man gut von ihm lernen, das ist das Beeindruckende und Faszinierende an seiner Persönlichkeit und seinem Weg.

epd: Was hat der protestantische Theologe Bonhoeffer katholischen
Theologen zu sagen?

Müller: Bonhoeffer hat gerade in Berlin früh erkannt, dass es nicht nur die Humboldt-Universität gibt, sondern auch die Arbeitersiedlung im Wedding. Dort hat er sich mit Jugendlichen beschäftigt, die nichts von der großen evangelischen Theologie wussten. Es ging ihm stark darum, über klassische Beschreibungen des jeweils anderen hinaus zu kommen und sich von der Realität her ein Urteil zu bilden - nicht mit Vorurteilen heranzugehen, sondern Vorurteile zu überwinden. Es ist verbindend, wenn man über klassische Vorurteile und Schemata hinauskommt. Da sind Schritte auf den Weg gebracht worden, die wir heute für selbstverständlich halten. Aber es war Pionierarbeit, die hier geleistet wurde. Es ist auch anzuerkennen, dass man sich gerade im Widerstand gegenüber dem menschenverachtenden System und antichristlichen Menschenbild des Nationalsozialismus in einer Situation des gemeinsamen Bekenntnisses, Martyriums und Widerstandes befunden hat. Eine vergleichbare Gestalt auf katholischer Seite ist Alfred Delp, der am Ende gerade in seinen Betrachtungen im Gefängnis auch die ökumenische Dimension des Martyriums sehr stark betont hat.
Das ist ein großes Geschenk und ein Beweggrund für die Ökumene.

epd: Welches Verständnis von Ökumene hatte Bonhoeffer mehrere
Jahrzehnte vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das doch erst den
offiziellen Beginn der Aussöhnung darstellt?

Müller: Bonhoeffer hat den Gemeinschaftscharakter des christlichen Lebens stark betont, die Kirche ist der Leib Christi. Über dieses paulinische und augustinische Motiv hat er das gemeinsame Erbe des Kirchenverständnisses zum Leuchten gebracht. Es ist zwar immer auch festgestellt worden, dass wir das gemeinsame Glaubensbekenntnis haben und die Grundideen gleich sind, aber das ist nicht fruchtbar gemacht worden. Während eine Gott und den Menschen verachtende Ideologie das Christentum zu zerstören drohte, entstand ein neues Bewusstsein für
das gemeinsame Fundament, das alle Christen verbindet. Es bildet die Quelle und die Wurzel, aus der heraus sich das Wachstum des Glaubens und die wahre Einheit in Christus vollzieht. Nur so kann die Ökumene vorankommen.

epd: Welche Funktion kann Bonhoeffer für die heutige Ökumene haben?

Müller: Sein Lebensweg weist keine Brüche auf, zeigt eine innere Stimmigkeit und eine Geradlinigkeit. Alles beruht auf der Grundentscheidung, Christ sein zu wollen, sich von Christus her zu definieren. Man liest als Theologe immer viel über die anderen. Aber es ist die große Kunst, den Anderen so zu verstehen, wie er sich selbst versteht und nicht zu sagen: Das sind halt auch Christen, die meinen es halt alle irgendwie gut. Wenn man sich in die Quellen der Spiritualität der anderen Seite hineindenkt, kann man vielleicht wechselseitig etwas voneinander lernen. Das ist auch heute wichtig für die Ökumene. Es gibt eine Toleranz der Gleichgültigkeit, aber auch eine Toleranz der Partizipation.

epd-Gespräch

Bonhoeffer bleibt Inspiration

Zum 70. Todestag von Dietrich Bonhoeffer hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) den am 9. April 1945 ermordeten Pfarrer als "frommen Rebell" gewürdigt. „Bonhoeffer bleibt eine Inspiration für die, die sich in Situationen von Unterdrückung und Gewalt für die Menschenwürde einsetzen“, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm in Hannover. Viele Sätze des Theologen prägten die evangelische Kirche bis heute. Wenige Wochen vor Kriegsende war Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet worden.

„Bonhoeffer kann uns erinnern, dass wir uns nicht bequem einrichten dürfen, sondern auch die kritische Kraft des Evangeliums in der Gesellschaft zur Sprache bringen müssen“, hob Landesbischof Bedford-Strohm hervor. Doch der Theologe und Widerstandskämpfer sei nicht nur ein Rebell gegen den Nazi-Terror gewesen. Seine Worte spendeten bis heute Trost, wie etwa das im Gefängnis geschriebene Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag“. Wer bereit sei, sich seiner existenziellen Not zu stellen und davon zu erzählen, könne auch andere Menschen in ihrer Not trösten, zeigten diese Zeilen. "Im Glauben daran, dass wir trotz allem gehalten sind, sind wir bis heute mit Bonhoeffer verbunden und können uns von seinen Worten trösten und stärken lassen", sagte der EKD-Ratsvorsitzende.

epd

Literatur über Dietrich Bonhoeffer

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