Ethik-Expertin Bahr: Geimpften mehr Freiheitsräume eröffnen

Nachricht 11. Januar 2021
Petra Bahr_ernst_epd-Gespräch_(c) Jens Schulze
Regionalbischöfin Dr. Petra Bahr. Foto: Jens Schulze (epd-Bild)

Hannover. Die evangelische Theologin und Ethik-Expertin Petra Bahr hat sich dafür ausgesprochen, gegen Covid-19 geimpften Menschen wieder mehr Freiheitsräume zu eröffnen. Dafür müsse feststehen, dass Menschen nach einer Impfung nicht mehr ansteckend seien, sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das wisse im Moment aber noch niemand. In Pflegeheimen etwa, wo die Menschen am meisten unter den gravierenden Einschränkungen gelitten hätten, könne es mehr Freiheiten geben, wenn dort alle, auch das Pflegepersonal, geimpft seien. Bahr ist Regionalbischöfin des evangelischen Sprengels Hannover und Mitglied im Deutschen Ethikrat. 

"Auch für Kultureinrichtungen kann das irgendwann die Rettung sein", sagte die Theologin. Impfungen könnten etwa in Kombination mit Schnelltests für Nicht-Geimpfte dazu führen, dass wieder mehr Menschen einen Jazzclub oder ein Theater besuchen. Geimpften, wenn sie denn nicht infektiös seien, solche Freiheiten vorzuenthalten, sei dagegen keine Lösung. 

Mit der Freiheit gehe allerdings auch Verantwortung einher, betonte die Regionalbischöfin. Deshalb sei es nachvollziehbar, wenn es in staatlich verantworteten Bereichen bis auf weiteres etwa bei der Maskenpflicht aller bleibe, bis sicher sei, dass das Gesundheitssystem nicht mehr überlastet ist. Denn genau das sei die Begründung für die Einschränkungen der Freiheit.

Die Ethikerin warnte davor, Freiheitsrechte gegen gesellschaftliche Solidarität in falscher Weise auszuspielen. Freiheit sei kein Privileg, für das man sich gegenüber dem Staat rechtfertigen müsse, sondern ein Menschenrecht, dessen Einschränkung der Begründung bedürfe. Wenn alle Bürger im Namen der Solidarität so lange auf Freiheitsräume verzichten sollten, bis die Impfungen beendet seien, könne das eine zynische Note bekommen: "Wollen wir einer 90-Jährigen sagen, sie solle noch einmal anderthalb Jahre warten?" Solidarität könne auch bedeuten, dass sich die Gesellschaft darüber freue, wenn diejenigen, die geimpft seien, wieder mehr Freiheiten hätten. 

Zugleich forderte die Theologin eine breite Aufklärung der Bevölkerung über das Impfen: "Wie funktionieren die neuen Impfstoffe? Warum hilft Impfen nicht nur den Geimpften, sondern der Einhegung der Pandemie? Auf allen Ebenen müssen wir das erklären, von der Impfkampagne bis zum Zweiergespräch beim Hausarzt." Nur so könnten Impfskeptiker vom Nutzen einer Impfung gegen Covid-19 überzeugt werden: "Es gibt keine Impfpflicht in Deutschland, aber eine Impfaufklärungspflicht." 

Bahr warnte davor, Menschen moralisch zu diskreditieren, die sich zunächst nicht impfen lassen wollten. Diese Sorgen müssten ernstgenommen werden: "Wir werden niemanden gewinnen, indem wir ihn beschimpfen." Zugleich hätten viele Menschen aber auch grundfalsche Vorstellungen darüber, was eine Impfung im Körper auslöse. "Und dann greifen Ängste oder Fehlinformationen um sich." Die Regionalbischöfin unterstrich: "Ich selbst würde mich sofort impfen lassen - auch weil ich weiß, dass ich damit einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass dieses Virus zurückgedrängt wird."

epd Landesdienst Niedersachsen-Bremen