Pantomime lässt Spielräume für Zuschauende unterschiedlichen Glaubens

Nachricht 20. Februar 2018

Sibbesse. Ein Mann steht im Altarraum der St.-Nicolai-Kirche in Sibbesse. Er ist schlank und seine schwarze Kleidung lässt ihn noch schmaler wirken. Die Augen hat er schwarz umrandet, die Lippen rot betont. Er steht ganz allein vor der Gemeinde, doch nach und nach lässt er in der Fantasie seiner Zuschauer Figuren und Gegenstände entstehen. Mit einer Drehung nach rechts verwandelt er sich, deutet durch eine Handbewegung den Schleier einer Frau an. Mit den Fingern zeichnet er die Umrisse eines Zeltes in die Luft, öffnet es und geht hinein. Das Zelt ist nicht groß, er muss gebückt stehen. Mit den Händen öffnet er in der Luft einen Spalt im Zelteingang. Draußen scheint etwas vor sich zu gehen. Er lauscht und muss ein Lachen unterdrücken über das, was er in der Stille der Kirche zu hören scheint.

Der schwarz gekleidete Mann heißt Nabil Zanabili und ist Pantomime-Künstler aus Berlin. Zum ersten Mal fand am vergangenen Sonntag in der Gemeinde Sibbesse-Möllensen-Petze-Almstedt ein interreligiöser Pantomime-Gottesdienst statt. Gerade hat Zanabili eine Episode aus dem Leben Sarahs nacherzählt. Mit 90 Jahren erfährt die Frau Abrahams, dass sie noch einen Sohn gebären soll. Drei Männer offenbaren dies ihrem Mann, der draußen vor ihrem Zelt sitzt. Sarah kann es nicht glauben und lacht über diese Prophezeiung.

Der Gottesdienst ist ganz der Geschichte Abrahams und seiner zwei Frauen Sarah und Hagar gewidmet. In der Pantomime-Predigt werden Auszüge seiner Geschichte vorgelesen. Pastor Dr. Claudio Steinert ergänzt sie mit eigenen Gedanken. Nach jedem Abschnitt betritt Zanabili den Altarraum und erzählt die Geschehnisse ohne Worte nach. Dabei stellt er nicht nur Szenen nach, sondern scheint sich auch durch abstrakte Welten zu bewegen. Durch Mimik und Gestik drückt er die Gefühle und das innere Erleben der Figuren aus.

Dass der Pantomime-Gottesdienst in Sibbesse stattfindet, hat die Gemeinde vor allem der Prädikantin Birgit Lillig zu verdanken. Sie ist mit dem Künstler Jörg Brennecke befreundet, der in Berlin das Ausbildungszentrum für Mime und Pantomime betreibt. Er stellte ihr die Idee eines Pantomime-Gottesdienstes vor und empfahl seinen Schüler Nabil Zanabili.

„Ich fand die Idee klasse und mir fiel gleich Sibbesse ein“, erinnert sich Lillig. „Ich wusste, dass es hier schon interreligiöse Gottesdienste gegeben hat, und dass die Kirche genug Platz bietet.“ So vermittelte sie den Kontakt zu Pastor Steinert und gemeinsam entstand die Idee für den Gottesdienst unter dem Motto „Der Wanderer – Abraham“.

Abrahams Geschichte eigne sich besonders gut für einen interreligiösen Gottesdienst, erklärt Pastor Dr. Claudio Steinert. „Er ist der Stammvater vieler Religionen.“ Durch ihn kam auch der Interreligiöse Arbeitskreis Hildesheim zu seinem Namen: Abrahams Runder Tisch. Drei Mitglieder des Arbeitskreises sind an diesem Sonntag gekommen, um aus ihren heiligen Schriften zu lesen und ihre Gedanken zu Abraham zu teilen.

„Ein Pantomime-Gottesdienst ist neu für mich“, erklärt Emin Tuncay, der heute aus dem Koran liest. „Aber ich finde, es hat etwas sehr Interreligiöses.“ Zanabili lasse viel Raum, um Aspekte der jeweils eigenen Religion in seinem Spiel wiederzufinden. Als Zanabili unsichtbare Steine für einen Altar übereinander stapelte, habe er, so Tuncay, beispielsweise den Bau der Kaaba, des wichtigsten Gebäudes der Muslime, erkennen können.

„Mein Ziel war es, möglichst viele Menschen anzusprechen,“ berichtet Zanabili nach seinem Auftritt. Darum habe er auch eine gewisse Distanz zu der Figur Abrahams einhalten wollen: „Ich wollte Abraham nicht als konkrete Figur spielen“, erklärt er. Das habe auch mit Respekt vor wichtigen religiösen Persönlichkeiten zu tun.

Am Ende bleibe für die Zuschauer viel Interpretationsspielraum, der Platz für die eigene Vorstellungskraft und den eigenen Glauben lasse. „Jeder sieht ein bisschen anders.“

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