Kirchenhistoriker Kaufmann: Reformationstag kein Luthertag

Nachricht 06. Februar 2018
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Kirchenhistoriker Prof. Dr. Thomas Kaufmann (Göttingen); Bild: epd-bild

Hannover/Göttingen. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann würde den Reformationstag trotz der judenfeindlichen Einstellung Martin Luthers für einen guten Feiertag halten. "Als ein tief im öffentlichen Bewusstsein verwurzeltes Datum bietet der Tag Chancen zu einem Gedenken des Umgangs mit religiösen Sachverhalten, zur Reflexion zwischen Religion und Gesellschaft", sagte Kaufmann der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (Montag). Ein solches "öffentliche Innehalten" könne der Gesellschaft nicht schaden.

Bei einem Feiertag gehe es heutzutage ohnehin nicht mehr darum, unreflektiert irgendetwas zu bejubeln, betonte der evangelische Theologe, der an der Universität Göttingen lehrt. Es sei auch beim 500. Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr immer wieder deutlich gemacht worden, dass der Reformationstag kein Luthertag sei.

Luthers Haltung zum Judentum sei ambivalent gewesen, sagte Kaufmann. In jungen Jahren habe er zur "Duldung des Judentums und zu friedlicher Koexistenz" aufgerufen. Erst später sei er umgeschwenkt, "da ist auch nichts zu beschönigen". Die Nationalsozialisten hätten den Reformator für ihre Rassenpolitik instrumentalisiert. "Was in der Zeit des Dritten Reiches an Unrecht an Juden verübt worden ist, war außerhalb der Vorstellungskraft Martin Luthers."

Das Verdienst Luthers sei es, dass er die Möglichkeit für etwas Neues und Gutes geschaffen habe, "was weit über seine eigene Vorstellung hinausging: unsere religionsplurale und offene Gesellschaft", erläuterte der Theologe. Zuvor habe er "mit seinen Schriften, seiner Publizistik eine 1000 Jahre alte, verkrustete Institution sturmreif geschossen - dieses destruktive Element haftet der Reformation an, weshalb ich die Trauer mancher Katholiken verstehen kann".

Der Reformationstag als zusätzlicher Feiertag ist schon seit längerem in der öffentlichen Diskussion. Der Vorschlag stieß vor allem bei den jüdischen Gemeinden und bei katholischen Vertretern in Niedersachsen auf teils heftige Kritik. Am Donnerstag hatten die Regierungschefs der norddeutschen Bundesländer empfohlen, den 31. Oktober als zusätzlichen Feiertag zu wählen.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen