Diakonie-Präsident: Reformation hatte große soziale Auswirkungen

Nachricht 08. Dezember 2017
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Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland; Bild: Norbert Neetz/epd-bild

Hannover. Die sozialen Folgen der Reformation sind nach Auffassung von Diakonie-Präsident Ulrich Lilie mindestens so weitreichend wie die theologischen und kirchlichen Folgen. "Religiöse Motive und Traditionen haben trotz Säkularisierung bis heute großen Einfluss auf unsere grundlegenden Vorstellungen von sozialen Ordnungen und sozialstaatlichen Institutionen", sagte Lilie am Donnerstag in Hannover bei einem Empfang des Sozialkonzerns "Diakovere". In der Reformationsdekade sei dieser Aspekt zu wenig thematisiert worden, kritisierte der evangelische Theologe laut Redemanuskript.

Die theologischen Erkenntnisse des Reformators Martin Luther (1483-1546) hätten auch das kulturelle und soziale Miteinander in der Gesellschaft verändert, sagte Lilie vor rund 200 geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Diakonie. "Wer glaubt, dass Gott sich allen Menschen bedingungslos zuwendet, bekommt auch einen anderen Blick auf den Umgang mit den Armen und deren gesellschaftliche Position." Im evangelischen Glauben habe sich eine soziale Verantwortung herausgebildet, nach der Bedürftigen aus der Armut herausgeholfen werden und Armut erst gar nicht entstehen solle.

Angesichts der Situation der Armen habe die Kirche vor allem im 19. Jahrhundert viele neue soziale Angebote entwickelt. Angefangen bei "Rettungshäusern" für Straßenkinder hätten sich die diakonischen Initiativen schnell auf immer mehr Handlungsfelder erstreckt. Auch die Wurzeln von "Diakovere" lägen in dieser Zeit: Die zum Konzern gehörenden Krankenhäuser Annastift, Friederikenstift und Henriettenstift in Hannover erzählten von diesem "reformatorischen Geist in sozialer Gestalt". Zudem seien diakonische Einrichtungen auch immer als Bildungsstätten entwickelt worden.

Erstmals verlieh das Unternehmen bei dem Neujahrsempfangs einen "Bildungspreis" an Auszubildende. In den Kategorien "Innovation", Menschenbild" und "gesellschaftliche Relevanz" wurden besondere Projekte geehrt. Unter anderem hatten die Nachwuchskräfte ein barrierefreies Spiel entwickelt, das auf dem Blutkreislauf basiert, und sich intensiv mit dem Thema Pflegenotstand auseinandergesetzt. Andere hatten Grundschulen besucht, um dort ergotherapeutische Tipps zu geben.

Der Sozialkonzern "Diakovere" ist mit rund 4.600 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von etwa 330 Millionen Euro Niedersachsens größter Diakonie-Konzern. In seinen drei großen Krankenhäusern werden jährlich rund 57.000 Patienten stationär und 103.000 Personen ambulant versorgt.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen