Aufruf zum Umdenken nach Wahlsieg Trumps

Nachricht 09. November 2016
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Wahlurne (Symbolbild). Bild: Steffen Schellhorn/epd-bild

Hannover/Bremen. Die leitenden evangelischen Theologen in Niedersachsen und Bremen haben nach dem Wahlsieg von Donald Trump in den USA zu einem Umdenken auch in Europa aufgerufen. "Es muss uns zu denken geben, dass wir die Wirkung Trumps und damit die Macht des Populismus derart unterschätzt haben, obwohl wir in Europa ähnliche Phänomene haben", sagte der hannoversche Landesbischof Ralf Meister am Mittwoch dem epd. Viele Bürger fühlten sich von Regierungen, Parteien und Institutionen - darunter auch der Kirche - nicht angemessen vertreten. "Wir müssen diese Krise ernst nehmen und gemeinsam überlegen, welche Antworten wir darauf geben können."

Der Oldenburger Bischof Jan Janssen sagte, zwar vertraue er nach einem "teilweise abgründigen Wahlkampf" nun auf die demokratischen Instrumente in den USA und hoffe, dass politische Vernunft Einzug halte. "Das bedeutet jedoch auch für uns in Europa, nicht auf andere zu warten oder Politik nur an Institutionen zu delegieren, sondern unsere eigene Beteiligung zu aktivieren - an Mitmenschlichkeit, sozialem Einsatz und gesellschaftspolitischem Engagement."

Der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gerhard Wegner, sagte, die Zahl der Menschen, die sich als Verlierer und Abgehängte empfänden, wachse überall: "Die Welt ist für diese Menschen gefühlt immer unsicherer geworden." Sie suchten Schutz und Sicherheit und fänden diese bei vermeintlich starken Führern, die nicht kompliziert und abgehoben redeten. "Da wächst ein Ressentiment heran, das Angst machen kann." Sowohl im intellektuellen Diskurs als auch in der Politik müsse es mehr Lebensnähe und Alltagsbezug geben.

Nur wenige Menschen verstünden, warum sie allem Fremden gegenüber offen und tolerant sein sollten. "Jedem Kind wird ja normalerweise gesagt, dass bei fremden Menschen erst einmal Skepsis angesagt ist", betonte Wegner. Die Lebenswelten liberaler Intellektueller seien weit weg von denen des Volkes, das die Populisten anriefen. In Deutschland dürfe nicht weiter das Gefühl wachsen, dass Flüchtlinge gegenüber sozial schwächeren Einheimischen bevorzugt würden. "Was uns fehlt, ist eine Willkommenskultur für Hartz-IV-Empfänger. Die Betroffenen glauben, diese jetzt bei den Nationalisten zu finden." Das sei zwar völlig illusorisch, wirke aber stark.

Der EKD-Friedensbeauftragte Renke Brahms sieht in den Wahlergebnissen ebenfalls eine Entfremdung zwischen der Politik und Teilen der Bevölkerung. "Tatsächlich gibt es einzelne Menschen, die Opfer einer größer gewordenen Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich geworden sind", sagte er. In Europa sei die hohe Jugendarbeitslosigkeit in vielen Staaten ein Alarmsignal dafür. Hinzu komme eine diffuse Angst, vielleicht irgendwann zu den Verlierern zu gehören. "Diese Verunsicherung müssen wir ernst nehmen, ohne eine gewalttätige Sprache zu dulden."

Der leitende Bremer Theologe rief dazu auf, mutig für eine offene Gesellschaft einzutreten. Auch wenn sich die Populisten oft komplexen Zusammenhängen verweigerten, gehe es weiter um Differenzierungen. "Soziale Gerechtigkeit und Bildung sind für mich Schlüssel einer Politik, die diesen Strömungen entgegenwirkt. Gerechtigkeit und Frieden gehören auch in unserer Gesellschaft zusammen", betonte Brahms.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen