Aids-Stigmatisierung entgegenwirken

Nachricht 26. Juli 2016
aids-beryl-logan_lwb
Beryl Logan, Koordinatorin der HIV- und Aids-Arbeit der lutherischen Kirchen Indiens: „Die Angst vor Diskriminierung durch die Familie und Gesellschaft ist mit die größte Herausforderung für Aids-Patienten in diesem Land.“ Bild: VELKI

Chennai, Indien/Genf. In einem Umfeld von Armut und Stigmatisierung, aber immerhin mit langsam sinkenden Infektionsraten, wenden sich die lutherischen Kirchen Indiens den Menschen mit HIV und Aids in besonderer Weise zu.

„Die Leute scheuen sich davor, die freiwilligen Testcamps zu nutzen“, berichtet Beryl Logan, Koordinatorin der HIV- und Aids-Arbeit der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Indien (VELKI). „Sie fürchten, dass sie diskriminiert werden und ihre Stelle verlieren wenn ihr Infektionsstatus bekannt würde – das hätte noch größere Armut zur Folge.“ Außerdem könnten sie von ihren Familien ausgegrenzt werden.

Nach Informationen der Anti-Aids-Organisation der Vereinten Nationen, UNAIDS, ist die HIV-Infektionsrate in Indien seit 2005 gesunken und lag 2013 bei 0,3 Prozent oder 2,1 Millionen infizierten Menschen. Die 130 000 Aids-Toten im Jahre 2013 machten dennoch die Hälfte aller solcher Fälle im asiatischen Raum aus.

Hauptgründe für Neuinfektionen in dem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern sind die massiven Migrationsströme – vor allem Männer ziehen in die Städte, um Arbeit zu finden – hohe Raten von Analphabetismus in einigen ländlichen Gebieten und Geschlechterdiskriminierung.

Als Teil ihres Programms zur Prävention von HIV und Aids sowie zur Begleitung von Infizierten – dem „HIV and AIDS Awareness, Care and Capacity Building“-Programm – bieten die zwölf lutherischen Kirchen der VELKI so genannte Bluttest-Camps an. Der Lutherische Weltbund (LWB) unterstützt dieses Programm seiner Mitgliedskirchen. Es schließt vier Beratungszentren in den tamil-, telugu- und hindisprachigen Regionen sowie Hausbesuche in abgelegenen Dörfern ein, die nicht an das staatliche Gesundheitswesen angeschlossen sind. Außerdem werden Pflegepersonal und Rettungssanitäter ausgebildet, Informationsmaterial in Dörfern verteilt, Kampagnen zu Aids-Bewusstsein durchgeführt sowie Puppenspiele und Videos über die Krankheit bereit gestellt.

Programmkoordinatorin Logan ist erfreut darüber, dass diese Aktivitäten dazu beitragen, die Wahrnehmung der Kirche und der Betroffenen zu verändern. „Die Gemeinschaften, in denen wir tätig sind, lernen eine Kirche kennen, die Menschen durch Begegnung und Aufklärung über Peergruppen aufbaut: Pfarrer, Frauen, Laien, Jugendliche, Schüler und Studentinnen sowie Fabrikpersonal, Lkw-Fahrer und Sex-Arbeiterinnen und -Arbeiter.

Die Aids-Arbeit der VELKI startete im Jahre 1989. Im Jahre 2015 betreute die Gemeinschaft von 4,5 Millionen Lutheranern 12 865 HIV-Infizierte oder Menschen in deren Umfeld.

Die indische Kirche übersetzte das Handbuch mit dem Titel „Grace, Care and Justice“ – „Gnade, Fürsorge und Gerechtigkeit“ – in die gängigen Sprachen Hindi, Tamil und Telugu. Logan: „Das Buch ist ein gutes Hilfsmittel, das die wichtigen Themen der Pandemie aufgreift: Prävention, Übertragung und Behandlung. Wir haben es allen Mitgliedskirchen zur Verfügung gestellt, und Mitarbeitende unserer Programme nutzen es bei Treffen mit den Menschen vor Ort.“

Eine der größten Herausforderungen liege darin, der in der indischen Gesellschaft weit verbreiteten Vorstellung entgegenzuwirken, dass die Aids-Pandemie durch Menschen mit unerlaubten sexuellen Beziehungen oder unmoralischem Lebensstil verursacht werde, so Logan. „Es gibt auch Kirchenleute, die die Bibel nutzen, um die Ausgrenzung von HIV-Infizierten zu begründen. In unserer Arbeit unterstreichen wir die Befreiung der Ausgeschlossenen und fördern die Einstellung, dass Stigmatisierung aufgrund von Gesundheitsfragen in menschlichen Beziehungen keinen Raum haben darf.“

Etwa sechs Prozent der HIV-Infizierten Indiens bekommen von staatlicher Seite eine kostenfreie Behandlung, die antiretrovitale Medikamente einschließt. Veränderungen im Gesundheitssystem werden jedoch wahrscheinlich dazu führen, dass viele Menschen, die diese Behandlung benötigen, ausgeschlossen werden, so Logan. Bislang konnten Freiwillige Medikamente im Namen von Betroffenen abholen. Gemäß den neuen Regelungen müssen sie jedoch persönlich erscheinen. Logan: „Das ist deswegen problematisch, weil es diejenigen weiter an den Rand der Gesellschaft drängt, die es sich nicht leisten können, weite Entfernungen zu den Gesundheitszentren zurückzulegen. Oder sie gehen gar nicht hin, weil sie fürchten, dass ihr Aids-Status bekannt wird und sie verspottet und diskriminiert werden.“

Von ihrer Teilnahme an der 21. Internationalen Aids-Konferenz und der interreligiösen Vorkonferenz in Durban, Südafrika, erhofft sich die Delegierte des LWB und der VELKI neue Impulse von anderen, die ebenfalls mit den Herausforderung von Aids-Patienten und denen, die sich um sie kümmern, zu tun haben. Logan findet das Thema der Konferenz „Access Equity Rights Now“ – „Zugang für alle – Gerechtigkeit jetzt!“ angemessen: „Es ruft nach gemeinsamem Handeln aller religiösen Organisationen, um die Wahrnehmungen und Handlungsweisen zu überwinden, die HIV-Infizierte marginalisieren.“

Lutherischer Weltbund