„Der Prozess wird zeigen, was die Menschen sich von uns erhoffen“

Tagesthema 21. März 2022
Die Synodale Christine Rinne und Regionalbischof Friedrich Selter sind die Vorsitzenden des Koordinierungsrates zum Zukunftsprozess #kirche2030.
Die Synodale Christine Rinne und Regionalbischof Friedrich Selter sind die Vorsitzenden des Koordinierungsrates zum Zukunftsprozess #kirche2030.

Die hannoversche Landeskirche plant einen breit angelegten Zukunftsprozess. Unter dem Motto „#Kirche 2030 – Gemeinsam mehr sehen!“ sollen sämtliche Arbeitsfelder der Kirche durchleuchtet werden. Seit dem Beschluss der Landessynode arbeitet ein Koordinierungsrat an der Umsetzung der ersten Schritte. Der Vorsitzende des Koordinierungsrates, Regionalbischof Friedrich Selter, und die stellvertretende Vorsitzende, die Synodale Christine Rinne, geben im Interview Auskunft über den Stand der Dinge.

Frau Rinne, seit November 2021 ist die Idee des landeskirchlichen Zukunftsprozesses in der Welt. Welche Reaktionen sind Ihnen seitdem begegnet?

Christine Rinne: Mir sind eine ganze Menge Reaktionen begegnet und auch eine ganz schöne Bandbreite. Die einen sagen: Darüber reden wir seit 20 Jahren und es passiert nicht viel. Die glauben auch nicht, dass jetzt viel passiert. Auf der anderen Seite gibt es eine große Offenheit und Menschen, die sagen: Es ist wichtig, dass etwas auf den Weg kommt, und diesen Weg wollen wir gern mitgestalten.

Herr Selter, bitte schildern Sie noch einmal aus Ihrer Sicht, warum der Prozess notwendig ist.

Friedrich Selter: Er ist deswegen notwendig, weil sich unsere Gesellschaft in den zurückliegenden Jahren stark verändert hat und wir als Kirche auf diese Veränderungen eingehen müssen. Unser Auftrag bleibt ja derselbe: das Evangelium in Wort und Tat so in die Gesellschaft hineinzutragen, dass die Menschen es auch hören können. Wir stellen fest, dass viele Formate in einer lebendigen Gemeinde auch heute funktionieren. Es gibt aber ebenso Gemeindeglieder, zu denen wir immer mehr den Kontakt verlieren. Der Zukunftsprozess soll uns neue Perspektiven auf unsere Kirche eröffnen. Gemeinsam mit allen, die Lust haben mitzumachen, wollen wir mehr sehen.

Das Zukunftsprozess-Team, kurz ZP-Team, steht kurz vor dem Start: viereinhalb neue Stellen, die für die Begleitung des Prozesses geschaffen worden sind. Herr Selter, gibt es eigentliche viele Bewerbungen für diese Arbeit, die auf zweieinhalb Jahre befristet ist?

Selter: Oh ja, es gibt ganz erfreulich und überraschend viele Bewerbungen. Und zwar von Menschen, die Berufe innerhalb, aber auch außerhalb der Kirche haben.

Frau Rinne, Zukunftsprozess klingt erst einmal verheißungsvoll, aber die Ausgangssituation ist kritisch: Die Kirche muss schauen, wie sie bei sinkenden Mitgliederzahlen, sinkenden Einnahmen und weniger Personal ihrem Auftrag nachkommen kann. Wie lassen sich auf dieser Grundlage Menschen zum Mitdenken und Mitmachen motivieren?

Rinne: Wir möchten wirklich alle ermutigen, mitzumachen und auch gänzlich neue Wege auszuprobieren – und dafür müssen wir Formen finden. Das ist die große Herausforderung, die wir oder in erster Linie das ZP-Team meistern müssen. Ich nenne das gerne Freiflug, weil es keine Blaupause, keine Anleitung dafür gibt.

Herr Selter, die Synode wünscht sich einen Blick über den eigenen Kirchturm hinaus, es soll ein digitales Ideenportal, Forschungsteams und Erkundungsworkshops geben. Sie möchten erfahren, wie etwa Vereine, Kommunen oder Non-Profit-Organisationen mit den Herausforderungen der Zukunft umgehen oder ein Automobil-Bauer die digitale Transformation bewältigt. Was könnte sich die Kirche Ihrer Meinung nach von einem Autobauer abschauen?

Selter: Ich würde vielleicht sagen, die Kundenorientierung. Ich glaube, dass Firmen sehr viel Energie aufwenden, um den Bedarf und die Wünsche der Menschen herauszufinden. Sie betreiben Marktforschung, um auf das Lebensgefühl der Menschen zu reagieren und sie dort abzuholen. Ich glaube, dass wir da als Kirche nochmal deutlicher gucken müssen – nicht mit diesem Verkaufsinteresse, sondern eher im Sinne Martin Luthers, der dem Volk aufs Maul schauen wollte. Wir können uns bei den Menschen nur verständlich machen, wenn wir verstehen, wie sie denken. Ich glaube, darin sind manche Firmen ziemlich stark – und davon können wir lernen.

Die verändern dann aber bei mangelnder Nachfrage ihr Produkt – oder nehmen es vom Markt.

Selter: Unser Produkt ist das Evangelium und das nehmen wir ganz bestimmt nicht vom Markt. Aber den Begriff des „Produktes“ mag ich eigentlich nicht. Denn das Evangelium stellen wir ja nicht her und es bleibt uns letztlich unverfügbar. Zu seinen Eigenschaften gehört, dass es nicht besessen, sondern nur geteilt werden kann. Das ist ja gerade das Spannende. Aber zum Stichwort Veränderung: Wir müssen vielleicht – wie Unternehmen auch – Formen und Wege verändern, damit die Menschen wieder den Wert des Glaubens erkennen können.

„Der Sonntagsgottesdienst steht schon jetzt zur Disposition“

In dem Infoblatt zum Prozess heißt es: „Wo die Resonanz inzwischen fehlt, darf es auch ein mutiges Loslassen geben.“ Was heißt das zum Beispiel für den sonntäglichen 10-Uhr-Gottesdienst?

Selter: Der steht schon jetzt an manchen Orten zur Disposition, aber nicht generell. Die Verlässlichkeit dieser eingeführten Uhrzeit ist immer noch ein Wert. Wer zum Beispiel als Tourist einen Gottesdienst besuchen will, der geht erstmal davon aus, dass mindestens in der Kirche mit dem höchsten Turm morgens um 10 Uhr ein Gottesdienst ist. Aber wir wissen längst, dass es auch andere Formate gibt, andere Uhrzeiten, die sehr einladend wirken, beispielsweise am Sonntagabend um 18 Uhr oder zum Wochenschluss. Nicht zu vergessen: die digitalen Formate. Da finden Menschen eine Heimat, die sie in der Ortsgemeinde nicht suchen oder finden. Wir müssen genau hingucken: Was wünschen sich die Menschen?

Frau Rinne, „Scheitern ist erlaubt“, heißt es an anderer Stelle in den Unterlagen; auch solche Erfahrungen seien für den Prozess wertvoll. Gibt es in der Kirche eine Kultur dafür, sich offen über das eigene Scheitern auszutauschen?

Rinne: Es wäre jedenfalls schön, wenn es gerade in der Kirche diese Möglichkeit gäbe. Das ist ja unser Menschenbild: Egal, wie viele Fehler Du gemacht hast, du bist ein Mensch und kein Roboter. Wir wollen kreativ sein und alle unsere Fähigkeiten einbringen. Dafür ist die Kirche genau der richtige Ort. Deshalb ist mir auch der Sonntag so wichtig. Natürlich ist es schön, wenn wir andere Gottesdienstformate haben, aber wir brauchen ihn als Pause, um Kraft zu schöpfen – und müssen ihn verteidigen. Muss es auch am Sonntag Brötchen und offene Geschäfte geben? Muss alles ständig verfügbar sein? Wir können da eine Gegenposition vertreten. Aber letztlich wird auch da der Prozess zeigen, was die Mehrheit wünscht.

Manche Gemeinden, Kirchenkreise oder Einrichtungen arbeiten bereits an Zukunftsprozessen. Diese sollen nicht hinfällig sein, sondern gebündelt werden. Wie ist das in Ihrem Kirchenkreis, Frau Rinne? Sind Sie längst mit ähnlichen Fragen beschäftigt oder hat Sie der Prozess kalt erwischt?

Rinne: Ich bin in allen Gremien noch recht frisch dabei, deshalb ist für mich sehr spannend zu sehen, wie die Zukunftsplanungen auf den verschiedenen Ebenen laufen, auch bei uns im Kirchenkreis etwa im Finanz- und Planungsausschuss, aber eben auch auf landeskirchlicher Ebene.

Selter: In den Kirchenkreisen höre ich ganz oft: Wir arbeiten doch alle daran, wir haben Zukunftsprozesse in unseren Kirchenkreisen und Regionen – was kommt jetzt noch über uns? Mir ist ganz wichtig zu vermitteln, dass wir über vor Ort laufende Prozesse nichts überstülpen, sondern wir wollen auf breiter Basis in der Fläche der Landeskirche alle Kompetenzen nutzen. Es geht darum, Prozesse zu vernetzen und Kriterien zu entwickeln, welche Ansätze weiterverfolgt werden. Alle können von allen lernen.

Es heißt, bei weniger hauptamtlichen Mitarbeitenden muss das Verhältnis zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen anders werden. Was ist damit gemeint?

Selter: Wir erleben da schon seit vielen Jahren eine gute Entwicklung. Ehrenamtliche lassen sich für den Verkündigungsdienst fortbilden oder machen zum Beispiel eine Seelsorge-Ausbildung oder besuchen einen Bestattungskurs. Meine Hoffnung ist, dass unsere Kirche pluraler wird, auch was die beruflichen und persönlichen Hintergründe angeht.

Rinne: Ich wünsche mir mehr Wertschätzung für ehrenamtliche Arbeit. Wir müssen künftig überlegen, wie viel Arbeit Hauptamtliche noch erledigen und wo Ehrenamtliche einspringen können. Das Verhältnis sollte dann gleichwertig und auf Augenhöhe sein.

Sobald es konkret wird, könnten dann aber schnell juristische Fragen eine Rolle spielen: Wer ist verantwortlich, wer haftet?

Selter: Das werden Fragen sein, die im Laufe des Prozesses formuliert werden müssen. Das ist im Landeskirchenamt auch klar, dafür müssen dann passende Ordnungen her. Hier gilt: form follows function. In unserer neuen Kirchenverfassung kann man diese Öffnungen an vielen Stellen schon wahrnehmen. Bis dahin, dass auch andere Formen von Gemeinde als die Parochialgemeinde gedacht werden.

Rinne: Ich habe gerade ein Buch gelesen über die Management-Strukturen bei ALDI: Geprägt von Einfachheit. Das wäre ein Punkt, den ich einbringen möchte: die Einfachheit in den Strukturen. Die Vereinfachung von Verwaltungsabläufen ist ein großer Wunsch der Kirchenkreise.

„Die Kirchenkreise wünschen sich einfachere Strukturen“

Herr Selter sprach die Formen von Gemeinde an. Es gibt ja durchaus eine Rivalität zwischen vor allem ländlich geprägten Gemeinden und überregionalen kirchlichen Diensten. Wenn alles auf den Prüfstand kommt, müssen dann manche Einrichtungen bibbern, ob sie den Prozess überleben?

Selter: Das will ich so nicht sagen. Ich erlebe bei unseren landeskirchlichen Einrichtungen vor allem, dass sie sich schon sehr intensiv mit dem Prozess auseinandersetzen und ihre Expertise einbringen wollen. Genauso wie bei den Gemeinden, wird aber auch in den Einrichtungen manches in Bewegung kommen. Dabei können sich auch Schwerpunktsetzungen verschieben. Aber ich finde es zu früh, jetzt schon Ergebnisse vorwegzunehmen.

Herr Selter, lassen Sie uns auf den Zeitplan schauen: Für Sommer 2022 ist eine Auftaktveranstaltung geplant. Was soll da passieren?

Selter: Das Pferd satteln wir noch nicht. Wir haben noch keinen Termin fix gemacht, weil das Zukunftsprozess-Team entscheiden soll, welche Akzente es beim Auftakt setzen will. Wir haben auch überlegt, ob überhaupt eine zentrale Veranstaltung für die ganze Landeskirche sinnvoll ist oder ob dezentrale Veranstaltungen mehr Menschen erreichen.

Nun sagen manche, zweieinhalb Jahre sind für so einen Prozess recht sportlich. Meinen Sie, das reicht?

Selter: Ja, im Sinne einer konzentrierten Startphase. Ich habe große Hoffnung, dass wir in zwei Jahren deutlich mehr wissen über unsere Kirche und über das, was zukunftsfähig ist. Wir werden etliches darüber gelernt haben, was Menschen sich von uns erhoffen. Wir haben gerade jetzt in Krisenzeiten wieder erlebt, dass Menschen es als Signal wahrnehmen, wenn wir schlicht die Kirchen aufmachen. Und wenn wir zu Gebeten eingeladen haben, sind die Menschen in großer Zahl gekommen. Unsere Kirchen sind weiterhin Orte, wo Menschen für ihre Seele Zuflucht suchen.

Welche Vision haben Sie persönlich von der Kirche im Jahr 2030?

Selter: Ich habe die Vision, dass es die guten und wohltuenden Seiten von Kirche weiter geben wird. Gerade jetzt während des Kriegs in der Ukraine zeigt sich, wie wichtig auch die kirchlichen Netzwerke in den Gemeinden und Städten sind, wenn es darum geht, schnell und unbürokratisch Hilfe für Geflüchtete zu organisieren. Ich möchte, dass Kirche ein Ort ist, wo Menschen über das Leben sprechen und darüber, was ihnen Orientierung und Halt gibt. Und zwar ein Ort auch für solche Menschen, die den Zugang bisher nicht haben.

Rinne: Ich wünsche mir die Kirche als ein Zuhause, einen Ort, wo ich meine Gedanken – auch meine Sorgen und Ängste – lassen kann und wo ich Zuspruch erfahre. Ich wünsche mir, dass das auch für meine Kinder und möglichst viele Menschen möglich ist. Und was den Prozess angeht, finde ich ein Zitat von Václav Havel ganz passend: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass es Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Die Fragen stellte Lothar Veit, freier Journalist.