"Wir müssen an allen Schrauben ein Stück weiter drehen"

Tagesthema 08. Dezember 2020

Reichen die derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen aus, um einen entscheidenden Rückgang der Corona-Infektionszahlen bis Weihnachten zu erreichen? In Sachsen hat das Landeskabinett am Dienstag diese Frage bereits beantwortet und beschlossen, Schulen, Kitas und große Teile des Einzelhandels zu schließen. Und auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schließt nicht aus, ähnliche Maßnahmen bundesweit zu diskutieren: "Sollten die Zahlen bis Weihnachten nicht sinken, müssen wir für einen kürzeren Zeitraum härtere Maßnahmen ergreifen", sagte er dem Fernsehsender Phoenix. 

Die Göttinger Physikerin Viola Priesemann hat schon im Frühsommer die explodierenden Infektionszahlen des Herbstes 2020 mit hoher Genauigkeit errechnet. Sie sieht aktuell kaum noch Chancen für Lockerungen - im Gegenteil. "Der sogenannte Lockdown light war einen Versuch wert, aber das hat nicht gereicht", sagte Priesemann im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er habe zwar immerhin dafür gesorgt, dass die Zahl der Neuinfektionen sich auf hohem Niveau stabilisiert habe. "Aber nur mit einem konsequenten zwei- oder dreiwöchigen Lockdown lassen sich die Fallzahlen entscheidend senken."

Am kommenden Dienstag (15. Dezember) diskutiert Priesemann online mit Landesbischof Ralf Meister bei einer Veranstaltung der Hans-Lilje-Stiftung über ihre Forschungsergebnisse und deren Konsequenzen für unsere Gesellschaft (mehr zur Veranstaltung hier und rechts im Kasten).

Vor allem bei den Schulen und in der Arbeitswelt sieht Priesemann noch Potenzial für Beschränkungen. Dort, wo es möglich sei, sollten Menschen konsequent aus dem Homeoffice arbeiten. Zusätzlich sollten zumindest ältere Schülerinnen und Schüler auf Homeschooling ausweichen. Auch im Einzelhandel, bei privaten Kontakten und etwa in der Erwachsenenbildung seien weitere Beschränkungen möglich, betonte die Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. "Wir müssen an allen Schrauben ein Stück weiter drehen."

Ziel müsse es sein, mit dem kurzen aber wirksamen Lockdown auf einen Sieben-Tage-Inzidenzwert von 50 oder weniger pro 100.000 Einwohner zu kommen. Dafür müsse die Reproduktionszahl bei 0,7 liegen. Dann würden rechnerisch zehn Menschen nur noch sieben weitere ansteckten. Wenn die Fallzahlen gesenkt werden sollten, müsste dieses Ziel klar kommuniziert werden, damit die Bürger die harten Maßnahmen akzeptierten, forderte Priesemann, die mit ihrem Team Modellrechnungen für Verläufe der Corona-Pandemie anstellt. 

Nach etwa zwei bis drei Wochen hätten die Gesundheitsämter in den meisten Landkreisen das Infektionsgeschehen wieder unter Kontrolle, könnten Kontakte von Infizierten nachverfolgen und testen. "Dann könnten die Beschränkungen deutlich gelockert werden." Die Wissenschaftlerin verwies auf Australien, Irland und Israel sowie viele asiatische Länder. Sie hätten nach harten Kontaktbeschränkungen die Pandemie mittlerweile im Griff. Das gesellschaftliche Leben habe sich dort fast normalisiert.

Für Landesbischof Ralf Meister ist es besonders wichtig, alte, kranke und sterbende Menschen während der Corona-Pandemie umsorgt und keineswegs alleingelassen zu wissen. Für ihn erlauben die im Laufe der vergangenen Monate gewonnenen Erfahrungen mit der Pandemie einen verantwortungsvollen Umgang auch mit Risikogruppen: "Das Wissen um geeignete Schutzmaßnahmen und die Verfügbarkeit von Masken und Schutzkleidung machen jetzt in den Wintermonaten vieles möglich, was noch im Frühjahr unmöglich schien, so dass der Zugang auch für Seelsorgende möglich sein muss."  

Viola Priesemanns Berechnungen lassen seelsorgerliche Fragen unbeantwortet. Die Bedingungen des sogenannten Lockdown light mit Beschränkungen etwa in der Kultur, bei Hotels und Gaststätten bewerten die Göttinger Forscherin und ihr Team allerdings als nicht ausreichend. "Diese Maßnahmen verpuffen. Das ist jetzt eine Frage von ganz oder gar nicht. Wenn wir die Schraube nicht konsequent anziehen, werden die Fallzahlen wahrscheinlich nicht sinken. Dann muss man sich fragen, wie lange man die derzeitigen Einschränkungen beibehalten will."

Die Physikerin plädierte zudem dafür, die Teststrategie zu ändern und häufiger ganze Gruppen, etwa Schulklassen mit einem einzigen PCR-Test zu testen. "Einfach alle Tests in ein Röhrchen und im Labor untersuchen lassen." Dadurch ließen sich Testkits einsparen und die Labore würden entlastet. Wenn der Test positiv ausfalle, könnten bei Bedarf einzelne Personen nachgetestet werden. "Aber die Quarantäne würde ohnehin für die gesamte Gruppe gelten."

Martina Schwager / epd

Online-Debatte mit Meister und Priesemann

Logo Hans Lilje Stiftung

Wie wird Weihnachten 2020 werden? Mit Maske - aber ohne Besuche? Darf man, kann man mitten in der Corona-Pandemie überhaupt feiern? Oder durchbricht Corona gerade die "alle Jahre wieder"-Stimmung mit Kitsch und Streit und fordert zur Konzentration auf das Wesentliche?

Die Hans-Lilje-Stiftung lädt ein zu einem virtuellen Live-Meeting

"Auf ein Wort: #TrotzdemWeihnachten" 
am Dienstag, 15. Dezember 2020 von 19.00 bis 19.45 Uhr

und bringt die Wissenschaftlerin Dr. Viola Priesemann und Landesbischof Ralf Meister ins Gespräch. Dazu kommt ein Überraschungsgast mit einschlägigen Erfahrungen im Umgang mit der Corona-Pandemie.

Wer ist Viola Priesemann?

Viola Priesemann arbeitet am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen (Foto: Joao Pinheiro Neto).

Dr. Viola Priesemann ist Physikerin und leitet eine Forschungsgruppe am Max Planck Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Sie erforscht unter anderem Ausbreitungsprozesse und hat damit in den letzten Monaten grundlegende Beiträge zum Verständnis der Ausbreitung und Kontrolle von COVID-19 geleistet.
Viola Priesemann ist Fellow des Schiemann-Kollegs und Forscherin im Exzellenzcluster Multiscale Bioimaging der Universität Göttingen.

Zuhören und mitdiskutieren

Um an dem Online-Gespräch teilnehmen zu können, melden Sie sich bitte bis Dienstag, den 15. Dezember 2020, 12.00 Uhr per Mail an info@lilje-stiftung.de an. Nach Abschluss der Anmeldung erhalten Sie eine Bestätigung mit allen notwendigen Einwahldaten für unsere Gesprächsrunde „Auf ein Wort“ via Zoom. Sie können an diesem Live-Meeting auch via Telefon teilnehmen.

Da uns nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht, bitten wir Sie, uns Ihre Fragen und Kommentare wenn möglich vorab bis Montag, den 14. Dezember 2020 an info@lilje-stiftung.de zu mailen. Ansonsten können Sie sich selbstverständlich per Chat direkt beteiligen.

Bei Fragen zur Handhabung stehen wir Ihnen unter (0511) 12 41 385 zur Verfügung.