Vor dem Berliner Reichstagsgebäude feiern am 03.10.1990 Zehntausende die Wiedervereinigung von Bundesrepublik und DDR. Bild: epd-bild/Andreas Schoelzel

Gut übereinander reden.

Tagesthema 03. Oktober 2019

Andacht am Tag der Deutschen Einheit

Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten“ sagte vor 30 Jahren der SED-Funktionär Horst Sindermann. Am Ende waren es Hunderttausende, die fast täglich nach Gebetstreffen in den Kirchen der DDR auf die Straße gingen. Dass dabei keine Steine flogen oder die Gewalt sich anders Bahn brach, ist ein Wunder. Parolen wie „Keine Gewalt“, „Wir sind das Volk“ wurden nicht nur gerufen, sondern gelebt. Am 9. November vor 30 Jahren fiel die Mauer. Knapp ein Jahr später wurde der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit eingeführt.

Wer das als Beginn von Einigkeit und Recht und Freiheit sah, sieht sich heute getäuscht. Statt zu feiern, streiten wir. Klagen und hetzen. Verstehen einander nicht von Ost nach West und umgekehrt. Besonders ausgeprägt ist das in Internetforen.

Aber nicht nur dort. Bei den zentralen Feiern zum Tag der Deutschen Einheit heute in Kiel wird die Polizei wieder mit einem Großaufgebot präsent sein. Auch die sogenannte „Dritte Generation“, die nach 1989 geboren wurde, bekommt davon noch viel zu spüren, obwohl sie ein geteiltes Deutschland nie erlebt hat. Spätestens, wenn sie „im Westen“ studieren oder sich in „einen Ossi“ verlieben, stoßen auch sie auf Probleme, wo 30 Jahre nach der Wiedervereinigung keine mehr sein sollten. Die Deutsche Einheit ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage. Sie betrifft Herz, Gedanken und Gefühle von Menschen mit unterschiedlicher Geschichte, unterschiedlicher Erfahrung, unterschiedlichem Erleben. Das ist nicht innerhalb von 30 Jahren erledigt.

Mein Mann hat einige Zeit in Lutherstadt Wittenberg gearbeitet. Ich habe ihn so oft wie möglich besucht. Und die freie Zeit genutzt, um Menschen zu beobachten und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Vieles war fremd. Oft bestürzend fremd. Aber vieles war auch Klischee. Bestürzendes Klischee in meinem Kopf. Das war wichtig zu erleben.

"Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" – ich glaube, wir müssen uns dringend wieder an dieses uralte Gebot erinnern. Im Kleinen Katechismus von Martin Luther wird das für mich sehr einleuchtend erklärt: Wir sollen von unseren Mitmenschen "Gutes reden und alles zum Besten kehren". Wer ein wahrhaft geeintes Deutschland will, muss jetzt damit anfangen: Gut übereinander reden. Beleidigungen aus dem Wortschatz streichen. Selbst bei großen Meinungsunterschieden fair bleiben. Dem anderen einen Vertrauensvorschuss geben. Und am besten: Hinfahren, sehen, hören, kennenlernen.

Silvia Mustert

Die Autorin

Silvia-Mustert
Silvia Mustert