Fasten mit Seife am Stück

Tagesthema 09. April 2019

Eine Woche Zeit für ein plastikfreies Leben

Ralf Meister öffnet den Kühlschrank und räumt aus. Der Schmelzkäse, Schmand, Margarine, die Milch, der Biojogurt - alles ist in Plastik verpackt. "Und hier, alter Salat in Kunststoff, auch das noch", sagt der hannoversche Landesbischof. Vom 5. April an beteiligt sich das Ehepaar Meister an der Aktion Klima-Fasten, zu der zahlreiche evangelische und katholische Kirchen vor Ostern aufrufen. Eine Woche lang wollen sie möglichst plastikfrei leben. Vorweg machen sie Bestandsaufnahme. 

"Wir wollten eh etwas ändern," sagt Dagmar Ulrich-Meister. Ein Film über Jugendliche, denen es gelungen sei, eine ganze Insel in der Karibik von Plastikmüll freizubekommen, habe sie beeindruckt. "Auch unsere Kinder rütteln uns wach, wenn sie mit erhobenen Zeigefingern am Frühstückstisch sitzen." Längst trinken die Meisters Leitungswasser, in der Glasflasche mit Kohlensäure spritzig gemacht. Im Sommer ernten sie eigenes Gemüse, und die Eier kommen von Hühnern im Garten der Bischofskanzlei in Hannover. 

Doch auf dem Tisch im Wohnzimmer sammelt sich viel an, für das sie jetzt Alternativen finden müssen. Haushaltsreiniger in Plastikflaschen noch und nöcher, Shampoo und Duschgel. "Wenn wir früher mit den Pfadfindern unterwegs waren, haben wir nur ein Stück Seife mitgenommen", erinnert sich der evangelische Bischof. Aber heute?

Mit Glasbehältnissen und Tupperschalen zum Einkaufen

Andere Gewohnheiten haben sich eingeschlichen. Hier setzt die Aktion "Klima-Fasten" an: Es geht darum, allein oder in der Gruppe bewusst Verzicht zu üben, um für neue Gedanken und Verhaltensweisen frei zu werden. Seit Anfang März steht dabei vom Energieverbrauch bis zum Plastikverzicht jede Woche unter einem anderen Thema. Die Meisters stimmen sich schon einmal ein. Sie greifen zu ihren Stofftaschen, und diesmal packen sie auch Glasbehältnisse und Tupperschalen ein, bevor es zum Einkaufen geht. 

Ihr festes Vorhaben ist: Ohne Plastikmüll wieder nach Hause zu kommen. Im Supermarkt stoßen sie auf erste Hürden. Dagmar Ulrich-Meister lässt die Bio-Tomaten im Regal und greift zum Sonderangebot aus Spanien, die sind nämlich unverpackt. Fünf, sechs Früchte wandern in das "Mehrweg-Frischenetz", das der Rewe-Laden bereithält. Das ist zwar aus Polyester, aber bei 30 Grad waschbar und wieder zu verwenden.

Auch für den Handel sei zu spüren: "Das Thema ist mitten in der Gesellschaft angekommen", sagt der Geschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland, Kai Falk. Noch immer sei Gemüse zum Teil eingeschweißt, um auch bei längeren Transportwegen Frische zu garantieren. In den Auslagen der Märkte ist das nicht zu übersehen. "Doch wir sind dran", versichert Falk. Die Zahl der Plastiktüten habe sich halbiert. Manches Gemüse werde inzwischen mit Brandzeichen gekennzeichnet. "Die vielen Gurken in Kunststoffhüllen haben wir nicht mehr." Im Einkaufswagen der Meisters landet dann auch eine Gurke, die nur mit einem Aufkleber versehen ist. 

Haar-Shampoo zum selbst Abfüllen

Am Versuch, sich den Käse in die mitgebrachte Dose legen zu lassen, scheitert der Bischof im Supermarkt jedoch. Daniela Beckmann, Pressesprecherin von Rewe-Nord verweist auf Haftungsfragen und Hygiene-Richtlinien. "Wir haften, ohne zu wissen, ob die Dose in einwandfreiem Zustand war." An einer einheitlichen Lösung des Problems arbeite der Handel aber.

Im "Lose-Laden" ein paar Straßen weiter sieht Inhaber Michael Albert dagegen kein Problem mit dem Käse. "Wir haben das mit der Lebensmittelüberwachung im Detail durchgesprochen", sagt er. Die Meisters bekommen ihren Käse diesmal ohne foliertes Papier direkt in die Dose. Dazu gibt es für die Neulinge im Laden ohne Verpackungen viel zu entdecken, etwa Haar-Shampoo zum Abfüllen aus dem Glasspender und als festes Stück mit Zitrusduft, der den Bischof begeistert.

"Das Einkaufen kostet mehr Zeit", resümiert er. "Der Aufwand ist größer, man muss die Verpackung mitbringen. Und natürlich sind die Dinge in der Regel nicht billig." Wer knapp kalkulieren müsse, könne sich das nicht leisten.

Der Berliner Blogger Christoph Schulz gibt Einsteigern wie den Meisters im Internet und einem Buch Tipps für ein plastikfreies Leben. "Es bildet sich eine neue Routine", macht er Mut. "Man muss ja auch nicht von heute auf morgen plastikfrei leben. Es ist ein langfristiges Ziel." Bisher fehlte ihnen der letzte "Drive", sagt Dagmar Ulrich-Meister. Das Klima-Fasten komme deshalb gerade recht. "Und wir können vielleicht auch Freunde dafür gewinnen."

Karen Miether (epd)

Die Autoren

Plastikfrei leben? Landesbischof Ralf Meister und Ehefrau Dagmar Ulrich-Meister haben es ausporbiert.

Woche 6: Plastikfrei

Kunststoffe haben viele hilfreiche Eigenschaften, aber 99,8% haben einen großen Nachteil: Sie sind nicht biologisch abbau- bar. Bis zum Jahr 2015 fielen 6,3 Milliarden Tonnen Plastikmüll an, nur 9% wurden wieder verwertet. 12 % wurden verbrannt und 79% landeten auf Deponien oder in der Umwelt.

Es gibt viele Möglichkeiten, einen plastik-ärmeren Lebensstil zu führen. Probieren Sie es aus ...

Infos & Tipps zum plastikfreien Leben

Die Aktion

Mit dem biblischen Leitsatz „So viel du brauchst“ regt die Fastenaktion "Klimafasten" dazu an, sich Zeit zu nehmen, das eigene Handeln im Alltag zu überdenken, Neues auszuprobieren, etwas zu verändern. Klimaschutz und Klimagerechtigkeit stehen im Mittelpunkt der Fastenzeit. Von Aschermittwoch (6. März 2019) bis Ostersonntag (21. April 2019) geht es zum Beispiel darum, achtsamer zu kochen, anders unterwegs zu sein oder Orte der Einkehr und Ruhe aufzusuchen. 

Eine Broschüre begleitet durch die Zeit und gibt praktische Anregungen für die eigene Fastenzeit. Darüber hinaus stehenein Werbeplakat, eine Bestell-Postkarte und ein Mitmach-Poster sowie viele weitere Informationen für Fastengruppen bereit. 

In diesem Jahr laden elf evangelische Landeskirchen und drei katholische Bistümer dazu ein, sich von der Aktion inspirieren zu lassen und Fastenideen auszuprobieren. Beteiligt sind: Ev.-Luth. Kirche in Norddeutschland, Bremische Evangelische Kirche, Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Diözesanrat der Katholiken im Bistum Hildesheim, Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Erzbistum Berlin, Ev. Kirche von Westfalen, Lippische Landeskirche, Ev. Kirche im Rheinland, Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck, Ev. Landeskirche in Baden, Evangelische Landeskirche in Württemberg und das Bistum Passau.

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