Bild: Friedenskirche Unterlüß

Pastoren im Visier der Rechten

Tagesthema 01. September 2017

Zwei ARD-Dokumentationen porträtieren unter anderem den Unterlüßer Wilfried Manneke

Wilfried Manneke wird wieder einmal demonstrieren. Wenn sich am 23. September im niedersächsischen Eschede voraussichtlich erneut Rechtsextremisten auf einem Bauernhof treffen, will der evangelische Pastor auf die Straße gehen. Wie viele Male zuvor protestiert er dann mit Gleichgesinnten dagegen, dass die Neonazis dort zu vermeintlichen Brauchtumsfeiern zusammenkommen. Der 63-Jährige gehört zu den Kirchenvertretern in Deutschland, die sich prominent gegen rechts positionieren und deshalb Drohungen und Gewalt ausgesetzt sind. Gleich zwei ARD-Dokumentationen berichten Anfang September über die Auseinandersetzung der Kirchen mit den Rechtsextremen.

Sechs Drehtage lang sei das Fernsehteam in der Südheide bei Celle gewesen, sagt der Pastor aus Unterlüß. Die Filmemacher Dominique Klughammer und Stefan Suchalla haben mit Manneke in Hetendorf gedreht, wo der rechtsextreme Anwalt Jürgen Rieger bis 1998 ein Schulungszentrum betrieb. Sie waren in Faßberg, wo der NPD-Funktionär vor seinem Tod 2009 erneut einen solchen Treffpunkt plante und immer mehr Menschen sich den beharrlichen Protesten anschlossen. Und sie waren in Eschede, wo der Landwirt Joachim Nahtz mehrfach im Jahr die rechte Szene auf seinen Hof lädt. "Wir dürfen es nicht einfach im Raum stehenlassen, wenn antisemitische und fremdenfeindliche Ideologien verbreitet werden", betont Manneke.

Molotow-Cocktail vorm Pfarrhaus

Darum hat er nicht nachgelassen, sich gegen die Umtriebe in der Region zu stellen. Auch nicht, nachdem vor sechs Jahren sein damals sechsjähriger Sohn am Morgen Brandspuren an der Tür des Pfarrhauses entdeckte und dort ein Molotow-Cocktail lag. "Der hat nur knapp das Küchenfenster verfehlt", sagt der Pastor. Immer wieder findet er Hakenkreuzschmierereien am Baum oder der Straßenlaterne vor dem Haus. In Internetportalen hetzen Rechtsextreme gegen ihn. Zuletzt baumelte eine tote Ratte an der Tür des Kirchenzentrums. "Was muss passieren, damit ich aufhöre", hätten die Filmemacher ihn gefragt. Seine Antwort: "Das würde ich ihnen nicht sagen, denn dann wüssten es die Nazis ja."

Pfarrer Michael Kleim aus Gera fühlt sich ebenfalls bedroht. "Wir kriegen Dich bald", diesen Satz höre er immer wieder, auch nachts am Telefon, heißt es in der Ankündigung zu dem Film "Wir kriegen dich! - Pfarrer im Visier der Rechten", der am 3. September im Ersten zu sehen ist. Die Dokumentation stellt auch Charles Cervigne aus der Nähe von Aachen vor. Der Pfarrer, der sich seit Jahren um Flüchtlinge kümmert, wurde vor der Haustür niedergeknüppelt.

Einzelfälle sind die drei nach den Recherchen des Filmteams nicht. Auch wenn offizielle Zahlen fehlten, seien viele entsprechend engagierte Pastorinnen und Pastoren massiven Beleidigungen oder gar Bedrohungen ausgesetzt, sagt Produzent Thorsten Neumann von Eikon Nord. "Allerdings sind zwei unserer drei Geschichten besonders schwerwiegende Fälle, da es einmal um eine Körperverletzung und im Fall von Pastor Manneke um einen Brandanschlag geht. Weitere ähnlich schlimme Fälle haben wir nicht gefunden."

Einsatz für Flüchtlinge

Durch ihre klare Position in der Flüchtlingsfrage haben sich die Kirchen Feinde unter den Rechtspopulisten und Neonazis gemacht, dieser These geht der zweite Film "Kreuz ohne Haken - Die Kirchen und die Rechten" nach, der am 4. September ausgestrahlt wird. "In vielen Kirchengemeinden haben sich Menschen zusammen getan, um Geflüchteten zu helfen", sagt Produzent Neumann. Dadurch seien sie ins Visier von Rechten geraten. "Viele Pfarrerinnen und Pfarrer, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, haben uns das bestätigt."

Auch Manneke und seine Gemeinde setzen sich für Flüchtlinge ein. Rund um das Kirchenzentrum haben sie ein freies WLAN eingerichtet, damit die Geflüchteten mit Angehörigen in ihrer Heimat kommunizieren können. Vielleicht hing auch deshalb die Ratte an der Kirchentür, mutmaßt der Pastor. Nachdem vor zwei Jahren die Gemeinde einem stark traumatisierten Mann aus Eritrea Kirchenasyl gewährt hatte, zeigten gleich zwei Männer den Pastor an. "Einer davon hatte mich in Leserbriefen schon vorher wegen meines Engagements gegen Rechtsextremismus attackiert", sagt Manneke. "Ich sehe da eine ideologische Verbindung."

"Wir stellen uns einer Bewegung in den Weg, die keinen Hehl aus ihrer Begeisterung für den Nationalsozialismus macht. Deshalb wollen wir den heutigen Nazis weder hier in der Lüneburger Heide noch sonst wo Raum lassen. Das gelingt uns aber nur, wenn wir unser Engagement gegen den Rechtsextremismus auch öffentlich und transparent gestalten. Natürlich begeben wir uns dabei in Gefahr, von Neonazis eingeschüchtert oder diffamiert zu werden. Wir müssen dennoch unser Gesicht zeigen. Die Rechtsextremen gewinnen, wenn wir ihnen tatenlos zusehen. Sie gewinnen, wenn wir uns nur empört abwenden, statt ihnen entgegenzutreten. Ihre menschenverachtende Ideologie darf nicht unwidersprochen im Raum stehen bleiben. "Nächstenliebe verlangt Klarheit."  Sie verlangt, dass wir klar hinsehen, klar reden und klar handeln."

Wilfried Manneke

"Menschen wie Manneke sind wichtig"

"Wilfried Mannecke ist seit vielen Jahren, besser Jahrzehnten, in der Arbeit gegen Rechtsextremismus engagiert. Er hat das „Netzwerk – Südheide gegen Rechtsextremismus “ mit aufgebaut und ist damit Veranstalter zahlreicher Infoveranstaltungen und Demonstrationen. 2011 hat er mit anderen Aktiven in der evangelischen Kirche die „Initiative Kirche für Demokratie gegen Rechtsextremismus“ unter dem Motto: „ Unser Kreuz hat keine Haken“ ins Leben gerufen. Dies ist ein Zusammenschluss verschiedener Initiativen innerhalb der Landeskirche Hannovers, die sich für Vielfalt, Versöhnung, Antirassismus, Demokratie und gegen Rechtsextremis einsetzen. Leider nimmt das „Menschenverachtende Gedankengut“ und auch die rassistischen Taten wieder zu, so dass das Engagement von Menschen wie Wilfried Mannecke immer wichtiger wird."

Lutz Krügener, Beauftragten für Friedensarbeit

Mehr Infos zur IKDR (Initiative "Kirche für Demokratie - gegen Rechtsextremismus")