Ehrenamtlichentag 2016

Tagesthema 27. August 2016

Begrüßung und Bibelarbeit

„Herzensgüte wunderbar, ist voller Lebenskraft“ - mit diesem Lied begann der 3. Ehrenamtlichentag der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Über 4000 Ehrenamtliche sangen gemeinsam mit Fritz Baltruweit und seiner Band passend zum Motto des Tages „Von Herzen“.

„Es kann einen von Herzen froh machen, so viele Menschen zu sehen, die aus der ganzen Landeskirche zusammengekommen sind“, freute sich Dr. Matthias Kannengießer, ehrenamtlicher Präsident der Landessynode der Landeskirche. Albert Wieblitz, Pastor für Ehrenamtliche, betonte: „Es ist Euer Ehrentag!“ Gemeinsam mit Rebecca Lühmann von der Landesjugendkammer führte er durch den ersten Teil des Programms. Nach festlichen Blechbläserklängen des Ensembles „Junges Blech Hannover“ zog der Pantomime Carlos Martinez die Gäste in seinen Bann und zeigte mit Gesten, wie aufregend und erfüllend es sein kann, sein Herz zu verschenken. Auch Hausmeister Pape war mit von der Partie.

Landesbischof Ralf Meister rief in seiner Bibelarbeit dazu auf, angesichts der jüngsten politischen Ereignisse nicht in eine Stimmung der Angst zu verfallen. „Ich halte in dieser Welt an einer Hoffnung fest, auch gegenüber den Menschen, die nicht mehr an Sicherheit glauben“, sagte der Theologe. Eine solche Hoffnung gelte es jeden Tag neu zu beleben. Dann sei ein Handeln möglich, das die Welt verändern kann. „Denn es ist noch nicht ausgemacht, wie die Weltgeschichte weitergeht. Wir gehören zu denen, die sagen: Wer weiß? - Wir glauben!“

Was aber kann den Menschen die Sorgen und die Angst nehmen, die das Herz unruhig machen? Für Meister steht das Gebet an erster Stelle. „Gebet ist die vertraute Fürsprache mit Gott - auch wenn wir Gott vermissen und an seinem Schweigen leiden.“ Auch die Schönheit der Natur, das Vogelgezwitscher oder das Meer geben Menschen neue Kraft, genauso wie gemeinsames Singen. „Und das Schönste ist unsere Gemeinschaft! Deshalb haben wir Sie heute eingeladen! Sie halten in Ihren Gemeinden diese Gemeinschaft aufrecht durch all die ehrenamtliche Arbeit, die Sie tun!“

Susanne Ruge

Nicht Spaltung sondern Ausdifferenzierung

„Ist die Feier eines Reformationsjubiläums überhaupt angemessen? Müssen wir uns nicht die Schattenseiten der Reformation bewusst machen, etwa die folgenden Konfessionskriege oder auch Luthers Antijudaismus? Und: Sollte eine Kirche, die mit zurückgehenden Mitgliederzahlen, Spar- und Strukturdebatten zu kämpfen hat, überhaupt feiern?“ Prof. Margot Käßmann, frühere Landesbischöfin in Hannover und Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum, beginnt ihren Vortrag mit Fragen. Und sie schließt gleich noch eine Frage an, die sich irgendwie aufdrängt: „Warum haben wir Evangelischen immer so viele Bedenken?“


„Entspannen Sie sich - wir feiern heute und wir feiern das Reformationsjubiläum im nächsten Jahr“, betont die Botschafterin. „Das heißt ja nicht, dass es nur Feuerwerk und Luftballons gibt. Feiern schließt Nachdenken nicht aus.“ Trotz Freude am Feiern und am Nachdenken sei Vorsicht geboten, sagt die Reformationsbotschafterin - über die Jahrhunderte sei Luther von immer wieder neuen Ideologen interpretiert und vereinnahmt worden. 2017 werde das anders laufen: „Ich bin überzeugt, es wird keinen Kult um Luther geben.“ Der Protestantismus in Deutschland und das Luthertum weltweit seien souverän genug, die Schattenseiten ihres großen Vorbildes nicht auszublenden.

Und da schließt sich auch schon die nächste Frage an: „Kann ein Jubiläum gefeiert werden, dass viele mit einer Kirchenspaltung gleichsetzen?“ Auf der Grundlage historischer Forschung bewertet Margot Käßmann die Entwicklung, die 1517 ihren Anfang nahm, anders: „Es geht nicht um Kirchenspaltung, sondern um eine notwendige Erneuerung von Kirche und Staat.“ Luther habe im Moment drohender Verflachung die existentielle Kraft der Religion wiederbelebt; aus dieser Perspektive könne sich auch die katholische Kirche eingeladen fühlen, 2017 zusammen mit den Lutheranern die Reformation zu würdigen. „Es handelt sich nicht um eine Spaltung, sondern um eine Ausdifferenzierung der abendländischen Kirche.“ Ein rein abgrenzendes Feiern im Jahr 2017 hält die Reformationsbotschafterin für unangemessen: „Luthers 95 Thesen werden heute auch von der Römischkatholischen Kirche akzeptiert. Uns verbindet mehr, als uns trennt!“

Eine klare Empfehlung gibt die Reformationsbotschafterin ihren Zuhörerinnen und Zuhörern auf den Papphockern und zitiert dazu den Magdeburger Bischof Dr. Gerhard Feige: „Es ist sicher entkrampfend, sich gegenseitig noch mehr im Lichte Jesu Christi zu betrachten und neidlos ins Wort zu fassen, was man aneinander schätzt und vielleicht sogar bewundert.“

Deutliche Worte findet Margot Käßmann für Luthers Judenfeindlichkeit: „Furchtbar. Unerträglich. Seine unfassbaren Äußerungen werfen auf ihn und seine Reformation einen Schatten.“ Die folgende lange und bittere Lerngeschichte für die evangelische Kirche habe zur heutigen klaren Aussage geführt: „Wer Juden angreift, greift uns an.“ Dies gelte in gleichem Maße für Muslime und das Zusammenleben mit ihnen.

Aus der Taufe heraus habe Luther den Respekt vor Frauen entwickelt, betont die Reformationsbotschafterin in ihrer Zusammenstellung der Dinge, die ihr mit Blick auf die Reformation besonders wichtig sind: „Sie sind getauft und damit stehen sie auf gleicher Stufe. Das war in seiner Zeit eine ungeheuerliche Position!“ Aus diesem Taufverständnis habe sich die Überzeugung entwickelt, dass Frauen jedes kirchliche Amt wahrnehmen können – Grund zu feiern allemal. Grund zu feiern auch, weil Martin Luther der erste war, der sich öffentlich und mit Vehemenz für Bildungsgerechtigkeit und Bildungsteilhabe einsetzte: Bildung für alle in Volksschulen, Mädchenbildung, eigenständiges Denken, der kritische Blick auf die Dinge. „Stattdessen wird der Religion bis heute die Haltung unterstellt: nicht fragen, schlicht glauben“, rüttelt Margot Käßmann an Vorurteilen: „Fundamentalismus – egal welcher Prägung – mag Bildung und Aufklärung nicht. Jedwedem Fundamentalismus stellt sich eine Kernbotschaft der Reformation entgegen: selbst denken!“

Am Ende ihrer Rede würdigte die Reformationsbotschafterin den Reformator als Medienrevolutionär: „Ob die Reformation so erfolgreich gewesen wäre, wenn er nicht die Medien seiner Zeit genutzt hätte? Wir sollten bewusst und kritisch die neuen Medien nutzen, um die gute Nachricht in der Welt zu verbreiten“, so ihr abschließender Appell.

Und dann war da noch Luthers Rat an einen Redner seiner Zeit: „Tritt fest auf. Mach´s Maul auf. Hör bald auf.“ Margot Käßmann hält sich daran.

Andrea Hesse

"Geh aus mein Herz..."

„Was wäre die Kirche ohne ihre Ehrenamtlichen?“ fragte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel vor dem Abschlussgottesdienst und gab sofort die Antwort: Nicht besonders viel. Und belegte dies mit den Geflüchteten. Deren Aufnahme und Integration „wäre undenkbar gewesen ohne ihr Engagement, meine Damen und Herren.“ Als Ehrenamtlicher konnte man sich die folgenden 90 Minuten kaum retten vor Lob: „Sie leisten ein Stück Gottesdienst im Alltag“, „Sie verbinden unsere Gesellschaft.“ Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen führte fort: „Sie sind das Herz der Kirchengemeinde. Egal ob Sie den Kirchenchor dirigieren oder putzen.“

Um das Herz drehte sich dann auch die Predigt der 53jährigen Theologin: Sie begann mit denen der Ehrenamtlichen, die in der Tat jubilierten: „Manchmal verstummen alle obs, wenns und abers. Denn wenn ich helfe, anpacke merke ich - dazu bin ich da und dazu werde ich gebraucht.“ Daraus solle jedoch bloß kein Handlungsdruck unter erhobenem Zeigefinger werden: Gott begegne den Menschen „während sie liebevoll handeln, nicht weil.“

Doch wenn vom Herzensdingen die Rede ist, kann natürlich nicht alles rosarot sein. „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding“, zitierte Kurschus aus Jeremia und erörterte im Folgenden ein Spannungsfeld: „Das Herz ist ein starker Muskel, aber gleichzeitig so fragil.“ Es sei Ort tiefer Liebe, Herzlichkeit und erhabener Haltungen, gleichzeitig auch Ursprung bodenloser Dummheit und Wut.

So wählte Sie ein Zitat Paul Gerhardts als Ausgang aus dem Dilemma: „Geh aus mein Herz…“ Nur in der mutigen Tat begegne unser Herz dem Jesu.

Dann wurde die Messehalle 9, wo sonst die Industrie ihre Technik ausstellt, zum Ort des Sakraments: Arend de Vries, geistlicher Vizepräsident des LKA Hannover, lud ein zum Abendmahl und die circa 4000 Besucher sammelten sich um kleine Tische, um Brot und Wein zu empfangen.

Als Dankeschön erhielten die Besucher einen praktischen Sattelbezug und die höfliche Einladung Ralf Meisters, zum Wiedersehen im nächsten Jahr: Dem Reformationsjubiläum 2017 in Wittenberg.

Noah Grossmann

Workshops zum Thema Fremde

Eine Ermutigung, auf Fremde zuzugehen, ist vom Ehrenamtlichentag ausgegangen. In Workshops gaben Fachleute Tipps, wie man auf Migranten und Flüchtlinge zugeht.

Dr. Michael Wohlers, Gemeindepastor in Hannover, gab Tipps für die Zusammenarbeit mit Gemeinden anderer Herkunft und Sprache. Islamexperte Prof. Dr. Wolfgang Reinbold interviewte die kopftuchtragende Muslima Dua Zeitun, die über die Sicht von Muslimen in Deutschland differenziert Auskunft gab und um Verständnis warb.

Im Workshop „Gemeinsam Kirche sein“ fragte die 18-jährige Ella-Marie Beck aus Nienburg: „Wie plant man Gottesdienste mit Afrikanern?“ Wohlers, der im Haus kirchlicher Dienste für Gemeinden anderer Herkunft und Sprache zuständig ist, riet: Man solle Gottesdienste von Anfang an gemeinsam entwickeln, die Migranten einbeziehen bei Lesungen und Gebeten - auch in ihrer Muttersprache - und am besten eine Musikgruppe mitbringen lassen. Gemeinsame habe man oft Kirchenlieder aus dem 19 . Jahrhundert, die man auch in Übersee kennt. Und: „Es gibt kein Gottesdienst ohne Essen; das ist so wichtig wie bei uns brennende Kerzen, Orgel und Blumen“ so Wohlers. Worshopteilnehmerin Regina Klawitter aus Hannover (54) bestätigte, wie wichtig das für die echte Begegnung auch nach ihrer Erfahrung ist.

Hans-Ulrich Schwarznecker aus Osnabrück (63) fragte: „Wie bekomme ich die Kommunikation besser hin?“ Wohlers verwies auf das Netzwerk „Internationale Konferenz christlicher Gemeinden“ im Bereich der Hannoverschen Landeskirche. Unter diesen Stichworten findet man im Internet Ansprechpartner auch konkret in Osnabrück, die Schwarznecker in seinen Männerkreis einladen kann. Auch verwies Wohlers auf ein 5-sprachiges Andachtsheft mit Liedern, Bibelworten und Gebeten und auf „Bausteine für interkulturelle Gottesdienste“.

Dua Zeitun, in Deutschland aufgewachsen und deren Herkunftsfamilie aus Syrien stammt, sagte im Workshop „Sind Sie Islamistin?“: „Die Religion ist oft das einzige, das unabhängig vom Land, Identität gibt.“ Sie selbst galt in Syrien als „Deutsche“ und in Deutschlands als Syrierin. Jungen Deutschen werde nicht in Frage gestellt, ob sie Teil dieser Gesellschaft sind. Die 37-jährige Osnabrückerin selbst begleitet jugendliche Muslime und berichtete, dass Radikale Jugendlichen oft vom Moscheebesuch abraten, weil die Gemeinden dort schon als ungläubig gelten wegen ihrer Zusammenarbeit mit deutschen Stellen.

Diskussion mit Workshopteilnehmern gab es zum Kopftuch: Dr. Rolf Rosenkötter, Kirchenvorsteher aus Hannover, sieht damit eine neue Bekleidungsvorschrift kommen und einen gewissen Druck über die Religionsgemeinschaft ausgeübt. Zeitun entgegnete: Muslima müssten kein Kopftuch tragen, könnten auch die Gemeinde wechseln und sollten aber nicht anderen dies aufdrängen. Einmal habe sie mit konservativen Eltern eines Mädchens gesprochen, die sich unwohl damit fühlte und es nur wegen ihrer Eltern trug. Seitdem ist sie glücklich kopftuchlos unterwegs. Ein Worksteilnehmer erinnert sich, das seine Oma aus Masuren auch immer Kopftuch tragen musste.

Zeitun zeigte Verständnis für den Lehrer, der nachdem Osnabrücker Urteil keine vollverschleierte Schülerin im Unterricht haben wollte. Vollverschleierung sei kein theologisches Gebot und „ist für das Vertrauen nicht gut“. Im übrigen mache ein Kopftuch Frauen nicht reizlos, etwa durch Stimme, Körpersprache und Blicke. „Ich glaube schon, dass die Erschaffung der Frau etwas ganz Besonderes ist“.

Gemeinden könnten islamische Gemeinden zum Kaffee oder Gemeindefest einladen. Pastorin Anne-Kathrin Bode aus Holzminden (36) berichtete, Frauen ihrer Gemeinde und einige Muslima treffen sich, um Moschee oder Kirche zu besuchen und über die Feste der Religionen zu sprechen. Reinbold bescheinigte: „So etwas ist immens wichtig!“

Gunnar Schulz-Achlis