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Bild: epd-bild

Zusammen singen, zusammen leben

Tagesthema 27. September 2015

Im Flüchtlingschor Hannover lernen Sänger aus vielen Nationen deutsches Liedgut kennen

„Stille Nacht, heilige Nacht“ singen die 13 Männer und Frauen aus Ruanda, Afghanistan, Montenegro, Iran und Deutschland mitten im September.

Nach „Amazing Grace“ und „Freude schöner Götterfunken“ ist es das dritte Stück im Repertoire des Flüchtlingschors Hannover, den der Opernsänger Mohsen Rashidkhan vor vier Monaten gegründet hat. Die Lieder sollten einfach und berühmt sein, sagt der 39-jährige Iraner, der vor 14 Jahren nach Deutschland kam. „Stille Nacht gehört zur deutschen Kultur. Das ist Integration, oder?“

Die 27-jährige Maja Manojlovic kommt aus Serbien und singt seit einem Monat im Flüchtlingschor. „Das Singen macht mir viel Spaß. Es ist viel besser, als im Zimmer zu sitzen und sich zu langweilen.“ Genau aus diesem Grund kam auch Rashidkhan auf die Idee, den Chor im ehemaligen hannoverschen Oststadt-Krankenhaus und heutigen Wohnheim für derzeit rund 720 Flüchtlinge zu gründen. „Ich habe einen Freund im Flüchtlingswohnheim besucht und gesehen, die Menschen haben nichts zu tun.“

Bevor die erste Probe in der Kantine des Wohnheims stattfinden konnte, musste der Opernsänger mit der sonoren Bassstimme erstmal ordentlich Werbung machen. „Ich bin durch die Flure gegangen, habe an die Türen geklopft und die Menschen in ihrer Sprache angesprochen.“ Auf Arabisch, Persisch, Deutsch, Englisch und ein bisschen Kurdisch. Einfach einen Zettel auszuhängen, habe keinen Sinn. „Den lesen die nicht. Man muss den Leuten die Hand geben.“

Mittlerweile kommen in der Regel jeden Dienstag um die zehn Sänger zur Probe. Die beginnt Rashidkhan mit einfachen Tonübungen. Zuhören ist wichtig, im Leben auch, viele hören nicht zu.“

Der Chorleiter gibt seinen Leuten viele praktische Tipps. Zeigt ihnen beispielsweise, wie sie sich selbstbewusst und aufrecht wie ein König auf einen Stuhl setzen können. Ihm sei wichtig, dass die Menschen sauber singen lernen und sich untereinander austauschen. „Wer zusammen singen kann, kann auch zusammen leben.“

Rashidkhans humorvolle, direkte Art kommt bei den Sängern gut an, auch bei Benjamin Silimi aus dem Kosovo. „Der Chor ist mit Herz“, sagt der 22-Jährige. Für jedes neue Lied wird die Aussprache geübt, die einzelnen Begriffe werden erklärt. So könne er sein Deutsch verbessern. „Aber ich lerne von Rashidkhan auch, wie man eine Frau in Deutschland anspricht.“

Seit seiner Gründung hat der Chor vier kleine Konzerte gegeben, das letzte bei einem Festakt im Alten Rathaus in Hannover vor Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Rashidkhan findet, dass die Sänger durch die öffentlichen Auftritte ihr Verhalten änderten. Sie würden selbstbewusster und fühlten sich angenommen in der Gesellschaft. „Die Sänger benehmen sich deutsch.“

Leonore Kratz (epd)

Erste Auftritte

In den kommenden Wochen will Chorleiter Mohsen Rashidkhan ein Treffen mit dem Berliner Flüchtlingschor arrangieren. Viel mehr plant der Chorleiter nicht im Voraus. Die Menschen kommen auf ihn zu.

Der nächste Auftritt etwa hat sich während der Probe zu „Stille Nacht“ ergeben: Eine junge Frau kam dazu und hat den Chor auf ihren 30. Geburtstag eingeladen. Zum Singen und zum Mitfeiern. Sie habe von dem Projekt auf Facebook gelesen und sich gedacht, das passe gut zu ihrer Party.

Leonore Kratz (epd)

Flüchtlingschor Hannover auf Facebook

Unterkunft im ehemaligen Kloster

Die Johanniter übernehmen die Kinder- und Sozialbetreuung in der neuen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Oldenburg. Acht Mitarbeiter sollen sich ab November um bis zu 800 Asylbewerber kümmern, teilte der Regionalverband Weser-Ems der Johanniter-Unfall-Hilfe am Freitag mit. Das ehemalige Kloster Blankenburg im Osten der Stadt wird derzeit als fünfte Aufnahmestelle in Niedersachsen hergerichtet. Weitere befinden sich in Bramsche, Braunschweig, Friedland und Osnabrück.

Die Johanniter engagieren sich nach eigenen Angaben derzeit in acht Flüchtlingsunterkünften. Unter anderem betreiben sie eine Sanitätsstation und eine Sozialbetreuung in einer Zeltstadt im Erstaufnahmelager in Bramsche. Mit den dortigen Mitarbeiter sollen die neuen Kollegen im engem Austausch stehen, um deren Erfahrungen zu nutzen, erklärte Stephan Siemer, Leiter der Oldenburger Johanniter.

epd

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