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Bild: epd-Bild/ Dieter Sell

Und ewig fallen die Bomben

Tagesthema 07. Mai 2015

Altenpflegeeinrichtungen müssen mit dem Trauma einstiger Kriegskinder umgehen

Der Wind lässt die Eingangstür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen. Zitternd vor Angst verkriecht sich ein alter Mann in seinem Zimmer im Pflegeheim hinter dem Sofa, weil ihn das Geräusch an einen Schuss erinnert. Eine Bewohnerin, die während des Krieges oft nicht wusste, wie sie ihre Kinder ernähren sollte, hortet im Schrank neben ihrem Bett Obst und Brot: Auch 70 Jahre nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht tobt in den Köpfen vieler Kriegskinder noch immer der Zweite Weltkrieg. In Pflegeeinrichtungen werden sie oft von den Schatten der Vergangenheit eingeholt.

Experten zählen die Jahrgänge 1929 bis 1947 zu den Kriegskindern, die traumatisierende Erlebnisse hinter sich haben. „Die meisten haben sie in den zurückliegenden Jahrzehnten tief vergraben - jetzt steigen sie auf wie Blasen vom Grund eines Sees“, sagt Petra Scholz von der Bremer Heimstiftung. In der Stiftung, die zu den größeren Altenhilfe-Trägern in Deutschland zählt, kümmert sie sich um die Frage, wie Pflegende einstige Kriegskinder begleiten und ihnen nach belastenden Erlebnissen eine Hilfe sein können.

Bestimmte Reaktionen, Verhaltensweisen, Ängste und depressive Verstimmungen bleiben ihrer Familie und auch professionell Pflegenden oft unverständlich. „Wir stehen da noch ganz am Anfang, viele Kolleginnen sind überrascht davon, was da plötzlich passiert“, sagt Scholz. Allerdings sind längst nicht alle Kriegskinder betroffen. Etwa 40 Prozent hätten keine Probleme, sagt der Kasseler Altersforscher Hartmut Radebold, der mit 79 Jahren selbst ein Kriegskind ist. „30 Prozent konnten ihre belastenden Erlebnisse verarbeiten, weitere 30 Prozent sind schwer traumatisiert.“

Bombenangriffe, Feuerstürme, Flucht, Vertreibung, Vergewaltigungen, Hunger, Armut, zerstörte Familien: Tief verstörte Kriegskinder haben laut Radebold oft drei oder vier dieser Erfahrungen gemacht, „teilweise über Monate und Jahre“. Nach dem Krieg wurden die Traumatisierungen relativiert, verdrängt, abgekapselt, um überhaupt leben zu können. „Das war auch möglich, weil es erst mal um den Wiederaufbau ging. Viele Kinder sprachen nur noch von Abenteuer und nicht über Angst, Panik und Verzweiflung. Jetzt sind sie erschöpft vom Schweigen.“

Wenn die Verletzlichkeit mit hohem Alter steigt, bekommen die Dämonen wieder Macht, so beschreibt es Scholz. Und Radebold ergänzt: „Das Unbewusste ist zeitlos, wenn Schlüssel und Schloss passen, sind die Erinnerungen wieder da - so, als ob es heute wäre.“

Geräusche, Gerüche, Bilder: Es sind auslösende Momente wie der Knall einer Tür, die Sprachfarbe einer osteuropäischen Kollegin oder schwere Schritte auf dem Flur, die die Erinnerungen freilegen. Überlebende eines Konzentrationslagers können Duschen mit Gaskammern in Verbindung bringen. Feuerwerkskörper klingen wie Gefechtsfeuer, Sirenen wie Bombenalarm, Hundegebell erinnert an Gefangenenlager.

„Darauf sind die Pflegenden meist nicht vorbereitet“, hat der Psychiater und Psychoanalytiker Radebold beobachtet. „Schon in der Diagnose verbindet praktisch niemand Symptome wie Angst, Panik, Schlaflosigkeit, Depressionen, Beziehungsstörungen oder chronische Schmerzen mit posttraumatischen Belastungsstörungen, die mit dem Krieg zusammenhängen.“

Die Bremer Altenpflegerin Elfie Maretzky kennt diese Symptome auch im ambulanten Einsatz, so etwa bei der Intimpflege: „Frauen pressen beispielsweise ihre Beine zusammen.“ Krankenschwester Lina Brunkhorst erlebt die Phänomene in der Klinik, besonders in der Nacht: „Dann sind alle Probleme am größten.“

Maretzky bemängelt, dass Pflegekräfte in der Ausbildung nicht lernen, richtig damit umzugehen. Zudem fehle in der täglichen Pflege die Zeit, um auf die seelischen Verletzungen der Menschen angemessen einzugehen: „Wir stehen einfach viel zu sehr unter Strom.“

„Die Pflegenden müssen wissen, welche Symptome auf ein Trauma deuten können“, fordert Radebold. Dazu sei auch historisches Wissen nötig. Nur wer die Hintergründe kenne, sei in der Lage, richtig zu reagieren, bekräftigt Pflegeexpertin Petra Scholz. Dabei sei es aber wichtig, nicht „den Finger in die Wunde zu legen“ und das Trauma dadurch überhaupt erst zurückzuholen: „Fotoalben, Fragen zur Kriegszeit oder Marschmusik können böse Erinnerungen wecken.“ Bei alten Menschen sei es wichtig, in der Gegenwart zu bleiben.

Pflegende müssten sich fragen, was den Betroffenen Schutz und Sicherheit vermittele. Mit dieser Einstellung könnten Belastungen vermieden werden, schreibt auch die Kölner Altenpflegerin Astrid Romeike in einer Arbeit zu Kriegstraumata im Pflegealltag. Und sie gibt Beispiele für die tägliche Arbeit: Etwa den Sichtschutz bei der Intimpflege, den Einsatz ausschließlich weiblichen Personals bei sexuell traumatisierten Frauen, das Vollbad statt einer Dusche. Gehortete und bereits verdorbene Lebensmittel könnten durch frische ersetzt werden - „selbst wenn man weiß, dass auch sie verderben werden.“

Für die inneren, die unsichtbaren Verwüstungen habe im Nachkriegsdeutschland kaum jemand Augen und Ohren gehabt, bilanziert Radebold. Es sei wichtig, dass sich das in der Pflege ändere. „Auch, indem Pflegende einfach da sind, Weinen und Trauer zulassen, Ruhe vermitteln. Das nimmt die Ängste nicht weg, macht es aber leichter, sie noch im Alter als Teil des Lebens anzunehmen. Wenn das dann einige Jahre ohne Panikattacken bedeutet, dann zählt das viel.“

Dieter Sell, epd

„BeFREIt - 70 Jahre Lagerbefreiung“

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Bild: Jens Schulze

Mit der Themenwoche „beFREIt“ würdigen die Tagesthemen der Landeskirche die Befreiung der Konzentrationslager durch die alliierten Truppen vor 70 Jahren. Unter verschiedenen Aspekten nimmt die Serie Erinnerungen von Zeitzeugen, aktuelle Täterprozesse, theologische Gedanken zum Erinnern und Mahnen, sowie aktives Eintreten für den Frieden in den Blick.

Direkt zu den Berichten der Themenwoche „beFREIt“

Fast ein Drittel war schwer traumatisiert

Der Kasseler Psychiater, Psychoanalytiker und Altersforscher Hartmut Radebold (79) beschreibt die Jahrgänge 1929 bis 1947 als Kriegskinder. Letztere, weil sie in die direkte Nachkriegszeit hineingeboren wurden und möglicherweise Flucht und Vertreibung persönlich erlebt haben. Von den Kriegskinder hatten nach seiner Einschätzung 40 Prozent keine traumatisierenden Erlebnisse, 30 Prozent gelegentlich belastende und weitere 30 Prozent ausgeprägt traumatisierende Erlebnisse.

In den meisten Familien - Radebold spricht von 80 Prozent - sei nie über ihre Kriegserlebnisse geredet worden. Aus diesen Jahrgängen werden Schätzungen zufolge derzeit etwa 100.000 Männer und 400.000 Frauen in stationären Altenhilfe-Einrichtungen versorgt.

In der Nachkriegszeit gab es in Deutschland fast 2,5 Millionen Halb- und etwa 100.000 Vollwaisen. Ein Viertel aller Kinder wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg auf Dauer ohne Vater auf. Unter den Vertriebenen fanden sich allein mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche. Davon hatten 1,6 Millionen die Eltern oder einen Elternteil verloren. Zahlreiche Kinder waren auf der Flucht alleine unterwegs. 1951 gab es in der Bundesrepublik über 120.000 Pflegekinder und mehr als eine halbe Million Minderjährige unter Amtsvormundschaft.

Schätzungsweise 1,9 Millionen Frauen und Mädchen wurden in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, während der Flucht oder Vertreibung sowie in der späteren sowjetischen Besatzungszone vergewaltigt. Dazu kamen Vergewaltigungen in den Besatzungszonen der westlichen Alliierten. Etwa 20 Prozent der vergewaltigten Frauen wurden schwanger, davon trieben etwa 90 Prozent ab.

Im Bundesgebiet gab es bis Ende 1950 mehr als zwei Millionen Kriegsbeschädigte des Ersten und Zweiten Weltkrieges, die teils dauerhaft arbeitsunfähig waren. Sie litten oft unter posttraumatischen Belastungsstörungen, stellten aber gleichzeitig einen wichtigen Teil der Elterngeneration, die im Nachkriegsdeutschland Kinder aufzog.

epd

„Erinnerung schafft Zukunft“ - Körber-Stiftung: Hintergründe und Veranstaltung

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