Bild: Mareike Spillner

„Hier ist eine große Menschlichkeit spürbar“

Tagesthema 07. November 2017

Landesbischof Ralf Meister besuchte die Innere Mission des Grenzdurchgangslagers Friedland

Das Tor zur Freiheit: Ein Ort der Hoffnung, des Schutzes und ein Sinnbild, neuen Mut zu schöpfen – dafür steht das Grenzdurchgangslager Friedland seit jeher. Über diesen kleinen Ort in Südniedersachsen kamen seit 1945 mehr als vier Millionen Menschen nach Deutschland. Eine wichtige Rolle spielen dabei seit Beginn die kirchliche Seelsorge und angewandte diakonische Hilfe. Über die Schwerpunkte in der Arbeit der Inneren Mission und des Evangelischen Hilfswerks informierte sich Landesbischof Ralf Meister im Gespräch und bei einem Rundgang mit Pastor Thomas Harms. Das Lager Friedland bei Göttingen war Anlaufstelle für Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg, für entlassene Kriegsgefangene, für Aussiedler und Zufluchtsuchende aus vielen Teilen der Welt. Heute ist es Erstaufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler, jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, für Asylsuchende und Resettlement-Flüchtlinge. „Sie und ihre Mitarbeiter leisten hier eine tolle Arbeit“, stellte der Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers schnell fest. „Durch die Mitarbeiterinnen wird eine besondere Atmosphäre der Ruhe und Gemeinschaft vermittelt: Hier ist eine große Menschlichkeit spürbar.“

Praktische Hilfe

Seit einem Jahr ist der Göttinger Thomas Harms als Seelsorger für das gesamte Grenzdurchgangslager in Friedland zuständig und zugleich Geschäftsführer der Inneren Mission, eine diakonische Einrichtung der evangelischen Kirche. Thomas Harms kümmert sich zusammen mit 20 weiteren Mitarbeitern der Inneren Mission um die ankommenden Menschen. Zusammen mit Diakon Shahinian heißt er die Neuen, die häufig nur wenige Wochen bleiben und anschließend auf Kommunen in ganz Deutschland verteilt werden, in Friedland willkommen, vermittelt Orientierung, feiert Gottesdienste und begleitet die Menschen im seelsorgerischen Einzel- und Gruppengespräch. Daneben bietet die evangelische Kirche auch praktische Hilfe für die Geflüchteten an.  

"Die Kinder sollen Kinder sein und bleiben"

Einige dieser  vielfältigen Angebote wurden bei dem Rundgang besucht: Gleiche Chancen für die Menschen unterschiedlicher Herkunft bietet die Kleiderkammer, die vor allem Kindern und Jugendlichen Rucksäcke und Schultaschen aushändigt. Das Frauenzentrum der Caritas und der Inneren Mission mit Nähstube und Spielzimmer bietet geflohenen Frauen einen besonderen Lern- und Schutzraum. Männer haben hier keinen Zutritt.

Auch im Kinderhaus und in der Vorschule sind meistens die Mütter mit ihren Schützlingen anzutreffen. Im fröhlichen Gewusel spielen Kinder mit ganz unterschiedlichen Muttersprachen wie Russisch und Arabisch friedlich zusammen. Tafelbilder erklären spielerisch die ersten deutschen Vokabeln. Thomas Harms berichtet in den hellen Räumlichkeiten über die Herausforderungen, die Kinder jeweils nur eine kurze Zeit zu betreuen, bevor der Umzug ihrer Familien an einen neuen Wohnort in Deutschland erfolgt. „Die Kinder sollen Kinder sein und bleiben – gerade hier im Lager Friedland. Deshalb gibt es Angebote für jede Altersgruppe, um den Kindern für den meist kurzen Aufenthalt Ruhe, Frieden, Freude und die ersten deutsche Worte zu vermittelt“, erklärt Pastor Thomas Harms, bevor es weiter zum Kindersprachraum und in das von einer Irakerin entwickelte Sprachlabor geht.

"Es gehört zum Urauftrag der Kirche, sich den Menschen helfend an die Seite zu stellen."

Dieses dient den Geflüchteten als Hilfe zur Selbsthilfe, spielerisch Deutsch zu lernen. „Hören, sprechen, lesen, schreiben – alle Lernmethoden werden hier vermittelt“, verdeutlicht die Ingenieurin Bushna Karim, die vor 16 Jahren als Flüchtling ohne Deutschkenntnisse in die Bundesrepublik kam und sich die Sprache selbst beibrachte. Die Kirche mit ihrer Diakonie ist hier direkt vor Ort, inmitten der Menschen im Lager Friedland“, stellte Pastor Harms heraus. Der Landesbischof pflichtete ihm bei: „Wir dürfen das Engagement für Menschen in Not nicht als temporären Aspekt betrachten. Es gehört zum Urauftrag der Kirche, sich den Menschen helfend an die Seite zu stellen.“ Sichtlich Freude habe ihm die Begegnung mit den Kindern bereitet. „Hinsichtlich der Sprachkurse und des Angebotes wird an alle gedacht: Hier wird eine sehr gute Arbeit mit Nähe zu den Menschen geleistet.“   

Mareike Spillner

Die Innere Mission Friedland

Mit der Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen aus sowjetischer Gefangenschaft wurde Friedland zu dem nationalen Gedenk- und Identitätsort der 1950er Jahre schlechthin. Die Ankunft der letzten Heimkehrer wurde von der Öffentlichkeit intensiv verfolgt. Die Bilder von der umjubelten „Heimkehrer der Zehntausend“ gingen in das kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik ein und trugen erheblich zum Mythos Friedlands als dem „Tor zur Freiheit“ bei.

Neben Seelsorge bietet die evangelische Kirche auch praktische Hilfe für die Flüchtlinge an: Die Innere Mission ist mit 21 Festangestellten in Friedland aktiv und bietet den SpätaussiedlerInnen und Asylsuchenden im Grenzdurchgangslager Asylverfahrensberatung, Migrationsberatung, Bildungsberatung, Pfarramtlicher Dienst, Betreuung der Kinder im Vorschulalter (intensive Sprachförderung) und Asylbewerberinnen im Frauenzentrum an.

Innere Mission Friedland

"Wir dürfen das Engagement für Menschen in Not nicht als temporären Aspekt betrachten. Es gehört zum Urauftrag der Kirche, sich den Menschen helfend an die Seite zu stellen.“ 

Landesbischof Ralf Meister