Bild: Andrea Enderlein/ epd-Bild

"Sucht im Alter - Schauen wir hin!?"

Tagesthema 16. Juni 2017

Diakonie: Immer mehr alte Menschen sind suchtkrank - Modellprojekt soll auf oft übersehenes Problem aufmerksam machen

Immer mehr alte Menschen sind nach Erfahrungen der Diakonie in Niedersachsen abhängig von Alkohol oder Medikamenten. Oft werde die Sucht aber gar nicht erkannt, sagte Diakonievorstandssprecher Christoph Künkel. In Celle, Osnabrück und Diepholz arbeiten deshalb die Alten- und die Suchthilfe der Diakonie zusammen. Unter anderem schulen die Suchtberater in dem Modellprojekt Pflegekräfte, damit sie genauer hinsehen und sich trauen, mit den Ärzten oder Angehörigen zu sprechen.

Das vor zwei Jahren gestartete Projekt habe "erschreckende Einsichten" gebracht, sagte Künkel. Beobachtungen in Pflegeheimen hätten etwa gezeigt, dass die Bewohner häufig mehr als fünf unterschiedliche Medikamente verschrieben bekämen, erläuterte Anne Fitschen von der Fachstelle für Suchtprävention in Celle. In einer Einrichtung sei es mittlerweile aber gelungen, dass die Pflege alle sechs bis acht Wochen die Medikamentenpläne auf den Prüfstand stelle und bei der Visite mit den Ärzten darüber spreche.

Künkel forderte insgesamt mehr Aufmerksamkeit für ein Problem, das sich zumeist im Verborgenen abspiele: "Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Debatte." Auch Ärzte seien unter Druck, denn Patienten verlangten nach Medikamenten. "Es herrscht das Bewusstsein, wir haben gegen alles eine Pille." Er kritisierte auch die Haltung, bei alten Menschen komme es nicht darauf an, ob sie ein Mittel mehr nähmen oder viel Rotwein tränken. "Ich habe noch nie gehört, lass alte Menschen sich ruhig vergiften." Sucht führe in die soziale Isolation. Manche Beeinträchtigung durch Alkohol oder Medikamente werde fälschlicherweise als Alterserscheinung abgetan.

Laut einer Veröffentlichung des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit und Pflege sind rund 400.000 der über 60-jährigen Menschen in Deutschland alkoholabhängig. Zwischen 1,7 und 2,8 Millionen nehmen psychoaktive Medikamente oder Schmerzmittel in problematischen Mengen ein. Nach Ansicht des Geschäftsführers des Niedersächsischen Evangelischen Verbandes für Altenhilfe und Pflege, Frank Pipenbrink, wird sich das Problem noch verschärfen, weil die Zahl der alten Menschen steigt. 

Pipenbrink forderte mehr Angebote in den Kommunen, um alte Menschen aus der Einsamkeit zu holen. Auch in die Pflege müsse dringend investiert werden. "Wir müssen präventiver mit dem Thema umgehen. Davon sind wir aber weit entfernt." Die Diakonie hat bei einer Tagung am 14. Juni über die Arbeit an den drei Modellstandorten berichtet und eine entsprechende Kooperation weiterempfohlen.

epd

Wir brauchen eine Kultur des Nicht-Wegschauens.

Dr. Dieter Geyer in seinem Vortrag zu substanzbezogenen Störungen älterer Menschen

Es geht weiter!

Im Projekt „Sucht im Alter“ war die vorrangige Aufgabe, Netzwerke zwischen Suchtkranken- und Altenhilfe zu knüpfen. Erstmals gab es einen wechselseitigen Erfahrungsaustausch und neues Wissen. „Es fand eine gegenseitige Sensibilisierung statt, wir wissen jetzt besser, was Sucht im Alter bedeutet und können darauf reagieren“, sagt Sonja Schoppmann, Zentralverwaltung der Diakonie, und Matthias Fenske, Küpper-Menke Stift, ergänzt: „Vom Blick über den Tellerrand profitieren wir alle“.

Dass das erste gemeinsame Projekt der Altenhilfe im Diakonischen Werk in Niedersachsen und der niedersächsischen Fachverbände NEVAP (Pflege) und ELAS (Suchtfragen) jetzt zu Ende ist, sehen die Vertreter der Einrichtungen aus Osnabrück Stadt und Land nicht als Hindernis für künftige Zusammenarbeit. Im Gegenteil. Durch übergreifende, individuelle Unterstützung wollen sie für mehr Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen sorgen - ohne Suchtmittel, dafür mit klarem Kopf.  

www.diakonie-in-niedersachsen.de

Die ganze Geschichte mit den Erfahrungen aus Georgsmarienhütte/Osnabrück