Bild: Susanne Stiller

Skyline – eine Vorstellung von Gott

Tagesthema 18. Mai 2017

Ein Theater-Projekt des Landesjugendpfarramts sucht nach Gott

Es geht um Gott. Und es geht um Jugendliche, die sich auf die Suche begeben. Und am Ende tritt Gott selber auf die Bühne und gibt eine Vorstellung. Das jedenfalls suggeriert der Titel eines Projektes des Landesjugendpfarramts in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers: „Eine Vorstellung von Gott“, das am 16. Mai mit dem Theaterstück „Skyline“ Premiere feierte.

Ein Sommerabend im Mai, die Luft beinahe schwül. Vor dem TheaterErlebnis herrscht reges Gedränge. Und immer noch tauchen Menschen auf, um die Premiere von Skyline zu erleben. Mehr als angemeldet. Es wird eng im Theaterraum. 

Die Bühnenausstattung ist ungewöhnlich. Zwei übermannshohe Aufbauten nehmen einen großen Teil des Raumes ein. Sie erinnern ein wenig an einen Burgausschnitt oder eine Kunstinstallation. Die Phantasie kann sich allerhand ausmalen. Um was handelt es sich? Dann wird es dunkel. Musik setzt ein, eine Berglandschaft wird auf die Installationen projiziert, später eine Stadtansicht, über die Sätze huschen wie:

Gott, bist du immer da? Sind Zweifel Sünde? Weshalb gibt es mich?

Alles Zitate aus der Recherchearbeit von Tim von Kietzell und Wolfgang Blaffert, die anderthalb Jahre an den verschiedensten Orten der Landeskirche zu den Gottesvorstellungen von Jugendlichen gearbeitet haben. Man kann nicht alle Sätze lesen, die da auftauchen und verschwinden. Aber darauf kommt es auch gar nicht an. Schon hier wird die Flut und Dynamik der Vorstellungen von Gott, der Ideen und Gedanken deutlich, denen nicht zu folgen ist. Skyline will nicht missionieren oder ein bestimmtes Gottesbild vermitteln. Das Stück macht Angebote. Manche Sätze haben Widerhaken, die noch lange nachwirken.

Das Stück erzählt von Niklas, der auf Häuser klettert, um sie zu „taggen“ (d.h. mit einem gesprayten Zeichen zu versehen). Begleitet wird er dabei von Emma, die er nur widerwillig mitnimmt. Niklas hat seinen Vater verloren, der während einer Kletterroute in den Alpen, der „Skyline“, tödlich verunglückt ist. Niklas möchte seinem Vater folgen, möchte seine Route klettern, um zu verstehen, was geschehen ist.

Tim Schaller füllt die Figur des Niklas mit Leben und Authentizität. Stimmlich und im körperlichen Ausdruck gibt er die ganze Zerrissenheit dieses Jungen wieder, der hin und herschwankt zwischen Trauer, Wut und jungenhaftem Staunen. Bis in kleinste Regungen seiner Mimik hinein vermag er eine große Palette von Gefühlen auszudrücken.

Yvonne Becker in ihrer ersten großen Rolle und mit 21 Jahren die Jüngste im Ensemble, spielt unerschrocken und leidenschaftlich. Sie versteht es, die Figur der Emma facettenreich anzulegen und ist in diesem Stück die heimliche starke Person. Hinreißend sind ihre Wandlungen vom hartnäckigen Schmollen zum beharrlichen Werben bis hin zu einem Wutausbruch, in dem sie ihre stimmliche Kraft entfaltet. Am Ende ist sie Trösterin und Mutmacherin.

Neben Emma und Niklas, die sich im Laufe der Handlung immer näher kommen, treten zwei weitere Personen auf, die das Grundthema, die Frage nach Gott, auf je eigene Weise bespielen.

Herr Holbein ist ein Sonderling, der ständig Zitate von Philosophen und Theologen deklamiert und in einer besonderen Beziehung zu Gott steht. Tim von Kietzell zeichnet diese Figur in großer Vielschichtigkeit. Eine gewisse Verlorenheit und Einsamkeit macht sie aus. Herr Holbein ist vielleicht die verletzlichste Person dieses Stücks. Der Anflug des Tragischen wird jedoch immer wieder aufgehoben von einem starken komödiantischen Potential, das eben auch Herrn Holbein charakterisiert und das Publikum mitreißt.

Und dann ist da noch Gott oder besser die schillernde Vorstellung von Gott. Ganz am Anfang, als Niklas von Gott fordert, sich endlich einmal zu zeigen, erscheint sie ihm – in einer Glitzerjeans und danach noch in zahlreichen weiteren „Verkleidungen“. Inka Grund hat die schwierigste Rolle in diesem Stück. Sie bewegt sich auf einem sehr schmalen Grat zwischen Lächerlichkeit und Ernsthaftigkeit. Sie meistert diesen Part souverän. Mit jedem veränderten Aussehen wandeln sich auch Stimme und Haltung. Sie verwächst sozusagen mit dem jeweiligen Kostüm und bringt ein ständig neues, überraschend Bild von Gott.  

Keines der vier Ensemblemitglieder fällt in irgendeiner Weise ab. Jeder und jede hat genau die Rolle, die zu ihm, zu ihr passt. Skyline ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Gemeinschaftsleistung.

Es wird viel gelacht während der Aufführung. Das nimmt dem Stück durchgängig eine Schwere, die sich rasch bei einem solchen Thema einstellen kann. Daneben aber gibt es immer wieder auch Momente von einer Dichte, bei der man die berühmte Stecknadel fallen hören könnte.

Skyline bewegt und setzt sich fest in den Köpfen der Besucher, die am Ende mit standing ovations reagieren und die Schauspieler lange nicht von der Bühne lassen wollen.
Eine wunderbare Premiere und ein Gewinn für alle, die dabei gewesen sind. Dünn ist an diesem Abend nur die Luft gewesen.

Wolfgang Blaffert, Landesjugendpfarramt

Theater und Kirche?

Eine Vorstellung von Gott. Mit diesem doppeldeutigen Gedanken zu einem Theaterstück über Gott und unsere Vorstellungen über ihn habe ich mein Theatertagebuch und meine Scriptpapiere seit 2010 beschrieben.

Geht das? Kann man das auf die Bühne bringen ohne moralisch missionarisch zu sein, ohne das Publikum persönlich zu verletzen und dabei doch sich künstlerisch frei zu bewegen? Denn es geht ja um viel. Also um mehr, als das was wir sind. Es geht um Gott. Oder zu mindestens um unsere Vorstellungen von ihm.
 
Ich bin freier Theaterschaffender und mache eben frei Theater. Geht das in Kooperation mit Kirche? Kirche ist eben ein Reizwort in freier Kunst. Komisch eigentlich.

Ralf Tyra hatte mich 2013 gefragt, was ich mir vorstellen könnte in der Ev. Jugendarbeit mit Hauptamtlichen machen zu können. Da fiel mir mein Theatertagebuch wieder ein: „Eine Vorstellung von Gott“ – und dann kam die Frage, die ich mir eben in Erlebnissen innnerhalb von „Kirche“ immer wieder gefragt habe: Ist es nicht seltsam, dass in der Kirche so wenig nach Gott gefragt wird? Dabei gibt es doch keinen passenderen Ort. Mit Wolfgang Blaffert aus dem LaJu  wurde die Idee zu einer Forschungsreise zu den Gottesvorstellungen innerhalb der Ev Jugend immer konkreter.

Eine wesentliche Einsicht begleitet uns beinahe von Anfang an: Wer sich mit Gott beschäftigt, beschäftigt sich zugleich mit sich selbst. Wer nach sich selbst fragt, landet irgendwann auch bei Gott. 

Wir sind froh, dass wir diese Spielreihe realisieren dürfen. Und neugierig auf viele Vorstellungen mit Gesprächen.

Und ich merke immer mehr :
„Ich suchte Gott, und ich stieß auf mich selbst“: (Anselm von Canterbury)

Tim von Kietzell, Schauspieler, Regisseur, Theatermacher

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Erleben

Die Premiere von „Skyline“ fand am Dienstag, 16. Mai um 20 Uhr im TheaterErlebnis in der Kornstraße in Hannover statt. Neben dem Theaterstück gehört auch eine interaktive Ausstellung zu dem Projekt. Beide Elemente können von Kirchengemeinden, Kirchenkreisen und Schulen ausgeliehen werden. Weitere Informationen dazu gibt es auf der Internetseite des Landesjugendpfarramts. 

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