Bild: Jens Schulze/ epd-Bild

Sie stund wie eine Mauer

Tagesthema 14. Februar 2017

In den Frauenklöstern der Lüneburger Heide stieß die Reformation Jahrzehnte lang auf Gegenwehr

Hinter den Backstein-Mauern des Klosters Wienhausen öffnet Wolfgang Brandis die mächtige Stahltür zum Archiv. In dem klimatisierten Raum lagern Dokumente, die von der reichen Geschichte des im 13. Jahrhundert von Zisterziensern gegründeten Frauenklosters bei Celle berichten. Brandis zieht weiße Handschuhe an, bevor er vorsichtig einen Brief herauszieht. Die Herzogin Apollonia von Braunschweig-Lüneburg hat ihn 1539 verfasst. In innigem Ton wendet sie sich an die Äbtissin des Klosters. Zugleich zeugt der Brief von einem besonderen Kapitel - der Einführung der Reformation. 

Herzog Ernst von Braunschweig-Lüneburg (1497-1546) wollte ab 1527 die lutherischen Überzeugungen in seinem Fürstentum durchsetzen. Doch in den sechs Lüneburger Frauenklöstern stieß die vor 500 Jahren von Martin Luther angestoßene Reformation auf erbitterten Widerstand - am langwierigsten in Wienhausen. "Erst 1587 wurde hier die erste evangelische Äbtissin eingeführt", sagt Renate von Randow, die heute dieses Amt innehat. 

Seine Begeisterung für die neuen Lehren brachte dem Herzog im 18. Jahrhundert den Beinamen "Ernst der Bekenner" ein. Mit der Reformation verleibte er sich allerdings auch Klostergüter in den Staatshaushalt ein. In Wienhausen ließ er gar Kapellen, Teile der Klausur sowie die Propstei einreißen. Und er rüttelte an den Grundfesten des Lebensmodells der Äbtissinnen und Konventsdamen, wie der frühere Archivar der hannoverschen Landeskirche, Hans Otte, erläutert.

"Die Auffassung, dass ein Mönch oder eine Nonne durch das Gelübde der Demut, Armut und Gehorsam etwas für sein Heil tun könne, war für die Reformatoren prinzipiell falsch", sagt Otte. "Allen, die in einem Kloster oder einer geistlichen Gemeinschaft lebten, stellte eine solche Theologie die Frage nach dem Sinn ihrer Existenz." Waren noch einige Jahrzehnte zuvor Regeln in den Lüneburger Klöstern gestrafft und somit das geistliche Leben gestärkt worden, verloren nach der Lehre Luthers jetzt die Frauen dort ihren besonderen Stand. 

"Das, was ihr Leben bestimmt hat, sollte nicht mehr gelten", sagt Äbtissin von Randow. "Ihr Selbstverständnis wurde erschüttert." Entsprechend war die Gegenwehr. So störten die Frauen mit Gesängen evangelische Gottesdienste und die Verbreitung der aus ihrer Sicht irrigen Lehre. Aus dem Kloster Lüne in Lüneburg wird gar erzählt, dass die Klosterdamen Lappen abbrannten, um mit dem Rauch Kirchgänger zu vertreiben. Doch setzten sie auch auf theologische Argumente wie die Wienhäuser Äbtissin Katharina Remstede. "Sie stund wie eine Mauer", berichtet noch viel später bewundernd eine Chronistin.

Gar als Romanstoff würde die Geschichte der Herzogsschwester Apollonia taugen. Sie war Nonne in Wienhausen. Doch weil auch sie sich zunächst dem lutherischen Glauben verweigerte, ließ ihr Bruder sie aus dem Kloster holen. Später erzog sie die Kinder des Herzoges, zurückkehren durfte sie nie mehr. "Ihr Herz hat am Kloster gehangen", sagt Archivar Brandis. Davon zeuge der Brief in Apollonias charakteristischer Handschrift. "Wollte Gott, dass ich nun bald einmal zu meiner Herrin kommen kann", schreibt sie an Äbtissin Remstede. "Das soll mir eine sehr große Freude sein. Aber es liegt nicht in meinem Willen."

Karen Miether (epd)

Niedersächsische Tradition

Mit der Reformation verloren die Klöster zwar ihre ursprüngliche Bedeutung. Doch in Niedersachsen hat sich eine Deutschlandweit besondere Tradition erhalten. In insgesamt 15 Frauenklöstern und Damenstiften, darunter auch den Lüneburger Klöstern, blieben über den Konfessionswechsel hinweg Gemeinschaften von Klosterdamen bestehen. Heute leben sie allerdings in jeweils eigenen Wohnungen. Es sind zumeist Frauen, die nach der Berufstätigkeit eine neue Aufgabe suchen. Sie müssen unverheiratet, geschieden oder verwitwet sein. Zu ihren Aufgaben gehört es, Besuchern die Geschichte der Häusern nahe zu bringen. 

Und da gibt es dann doch etwas, was bis heute verbindet, sagt Äbtissin Renate von Randow. Im Wienhäuser Nonnenchor, einem reich ausgemalten Kirchraum, setzt sie sich auf einen der Chorstühle wie schon sieben Jahrhunderte lang Frauen vor ihr. Sie deutet auf den Boden. Dort haben die Füße der Klosterdamen das Holz abgenutzt. In die mächtigen Eichenplanken haben sich so regelrechte Kuhlen gegraben. "Dass hier immer Frauen gebetet haben, das ist gleichgeblieben."

Karen Miether (epd)

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