Bild: Jens Schulze

Akzeptanz gilt für alle

Tagesthema 18. Januar 2016

Klare Worte beim interkulturellen Weihnachtsfest in Hannover

Durch dichtes Schneegestöber eilen die Menschen in die hannoversche Matthäuskirche. Vorne am Altar steht noch der festlich geschmückte Christbaum, von der Orgel tönt ruhige Musik. Zum sechsten Mal feiern an diesem Sonnabendnachmittag rund 500 Menschen ein interkulturelles Weihnachtsfest: Christen und Muslime, Afrikaner verschiedener Nationen, Vietnamesen, Deutsche, Serben und Syrer sind der Einladung internationaler Vereine und der evangelischen Landeskirche gefolgt.

Am Eingang stapeln sich Warmhalte-Boxen voller duftender Speisen. „Nach dem Gottesdienst verwandeln wir die Kirche in einen Speisesaal und essen alle gemeinsam“, sagt Gemeindepastorin und Mitorganisatorin Henrike Müller.

Gut drei Wochen ist es her, dass in Deutschland Weihnachten gefeiert wurde. Seit gut zwei Wochen ist die Stimmung zwischen Einheimischen und Flüchtlingen vielerorts angespannt. Neuankömmlinge werden angefeindet, weil in der Silvesternacht in Köln Asylbewerber in großer Zahl Frauen sexuell belästigt und angegriffen haben. In der Matthäuskirche sind die Menschen einander zugewandt, die Atmosphäre ist fröhlich. Sorgen spielen allenfalls im Hintergrund eine Rolle.

Generalverdacht gegen Flüchtlinge gibt es auch in Hannover, sagt Abayomi Bankole, der Vorsitzende des Afrikanischen Dachverbands Norddeutschlands: „An uns wurden Berichte herangetragen von Menschen, dass sie angepöbelt wurden.“ Es sei nun besonders wichtig zu differenzieren, gerade als Christ, betont er. „Nur weil einer der zwölf Jünger Jesus verraten hat, werden die anderen elf ja auch nicht verurteilt.“ Von den jungen Flüchtlingen, die Bankole regelmäßig betreut, hat aber keiner Angst vor Anfeindungen oder Übergriffen. „Weil sie nichts verbrochen haben.“

Muhamed hat keine Bedenken, auf die Straße zu gehen. Der 20-jährige Somalier besucht zum ersten Mal das Interkulturelle Weihnachtsfest. „Ich fühle mich willkommen“, sagt er auf Englisch. Angefeindet worden sei er in Deutschland noch nie. Eine ehrenamtliche Helferin aus seinem Flüchtlingswohnheim ergänzt, die jungen Flüchtlinge verhielten sich generell auch sehr zurückhaltend: „Die haben ein genaues Gespür für Situationen.“

Seit vier Monaten lebt Muhamed in Hannover. Jeden Tag besucht er den Deutschkurs. Deutsche Freunde hat er keine, dafür spreche er noch nicht gut genug deutsch, berichtet der 20-Jährige. Zum Glück wird an diesem Abend in der Matthäuskirche die Weihnachtsgeschichte in neun Sprachen vorgelesen und auch sonst vieles übersetzt. Die Feier gefalle ihm gut: „Ich wollte wissen, wie die Menschen hier zusammen leben.“

Michel Youssif ruft in seiner Predigt zu mehr gegenseitiger Akzeptanz auf. Von Gott stamme das Gebot der Nächstenliebe, betont der Pastor der arabisch-deutschen evangelischen Gemeinde in Hannover. „Sie gilt für jeden, unabhängig von seiner Hautfarbe oder Herkunft.“ Auch für scheinbar aussichtslose Situationen fordert der Ägypter mehr Mut und Gottvertrauen. Flucht und Vertreibung seien so alt wie die Menschheit. „Schon die Weihnachtsgeschichte erzählt davon.“

Für Youssif findet das interkulturelle Fest nicht ohne Grund zu Weihnachten, dem Fest der Liebe und der Familie, statt. „Ich betrachte uns alle als große Familie.“ Mit der Feier wollten die Initiatoren ein Zeichen setzen, dass die Menschen in Hannover gemeinsam stark seien. Der ägyptische Pastor glaubt nicht, dass die Stimmung gegen Flüchtlinge seit der Silvesternacht gekippt ist. Vor allem aber sei Angst der falsche Weg, denn sie mache schwach. „Wir müssen uns engagieren und die Menschen mit unserer Liebe erreichen.“

Leonore Kratz (epd)

Informationen und Hintergründe zum interkulturellen Weihnachtsfest 2016 in Hannover

Friedensgebete zum Zeichen

Bei Minustemperaturen und Schneetreiben haben am Sonntagnachmittag in Duderstadt nach Polizeiangaben rund 110 Menschen gegen eine gleichzeitige Versammlung des rechtsgerichteten „Freundeskreises Thüringen/Niedersachsen“ demonstriert. Nach einer Kundgebung vor dem Rathaus der Stadt folgten die Teilnehmer der Einladung von Duderstädter Kirchengemeinden zu einem Ökumenischen Friedensgebet in die evangelische St. Servatiuskirche.

„Es gilt, sehr wach und achtsam hinzuhören und auch ein klares Nein zu sprechen, wenn rechtes Gedankengut verbreitet wird“, sagte Pastorin Christina Abel am Rande der Veranstaltung dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Unser Eindruck ist: Sorgen und Befürchtungen von Menschen, so berechtigt und verständlich sie sein mögen, werden umgelenkt in Argwohn und Hass den Flüchtlingen gegenüber.“ Eine Ideologie der Ungleichheit sei nicht vereinbar mit dem christlichen Menschenbild.

Begleitet von Protesten, veranstaltet der „Freundeskreis“ seit Dezember jeden Sonntag sogenannte „Freiheitliche Bürgertreffs“ in Heiligenstadt und Duderstadt sowie seit dem 10. Januar auch in Northeim. Nach Angaben von Beobachtern wird dabei „Hetze gegen Flüchtlinge“ betrieben, zu den Versammlungen kämen auch Mitglieder der NPD. Für den 23. Januar hat der „Freundeskreis“ zudem eine Aktion in Katlenburg-Lindau (Kreis Northeim) angekündigt. Dort prüft das Land Niedersachsen, ob im ehemaligen Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung eine Flüchtlingsunterkunft entstehen kann.

epd

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