Zukunftsprozess

Statements #kirche2030

Roger Cericius, stellvertretender Vorsitzender des Scopingausschusses

Wencke Breyer, Vorsitzende des Scopingausschusses

Landesbischof Ralf Meister

Dr. Stephanie Springer, Präsidentin des Landeskirchenamtes

Was ist der Zukunftsprozess?

Wir wollen uns gemeinsam auf den Weg machen und Lösungen finden, die nicht nur vor Ort, sondern womöglich allen helfen. Denn die meisten Probleme gleichen sich – ob im Harz oder an der Nordsee-Küste. Unter dem Motto „#Kirche 2030 – Gemeinsam mehr sehen!“ werden sämtliche Arbeitsfelder der Kirche durchleuchtet.

Ziel ist, Problemfelder zu identifizieren – und Lösungsansätze, ganz egal wo im Bereich der Landeskirche. Bereits laufende Prozesse dieser Art werden dabei nicht ersetzt, sondern – im Gegenteil – ergänzt durch Gleichgesinnte, die erst durch die landesweite Vernetzung für alle in Erscheinung treten.

Warum brauchen wir ihn?

Die Kernfrage lautet, wie die Kirche ihren Auftrag mit den künftig vorhandenen Ressourcen erfüllen könne. Auf der einen Seite nimmt die Bindung an die Kirche ab, auf der anderen hat die Sorge um die Seele Konjunktur. Mit den Mitgliederzahlen sinken die Einnahmen. Zugleich wachsen die Herausforderungen im unmittelbaren Umfeld.

  • Während im Jahr 1960 noch 94 Prozent der Bevölkerung Mitglied einer evangelischen oder katholischen Kirche waren, seien dies gegenwärtig nur noch 50 Prozent, mit abnehmender Tendenz.
  • Die Kirchensteuer als wesentliche Finanzierungsquelle der Kirche wird nach Prognosen von 2020 bis 2030 um cirka 22 Prozent und bis 2060 um cirka 50 Prozent sinken.
  • Aufgrund des demographischen Wandels und der prognostizierten Entwicklung der Studierendenzahlen werden statt der derzeit 1.647 Pfarrer*innen im aktiven Dienst 2030 voraussichtlich nur noch 1.213 und 2040 nur noch knapp über 1.000 Pfarrer*innen zur Verfügung stehen.

Zudem ist die Glaubwürdigkeit der Institution Kirche durch Skandale (insbesondere durch sexualisierte Gewalt und deren unzureichende Aufarbeitung) erschüttert worden. In spezifischen Bereichen wie in der Seelsorge, bei Kindertagesstätten oder der Diakonie erfährt die Kirche nach wie vor eine hohe Wertschätzung. Angesichts der knapper werdenden Ressourcen prägt die Arbeit von Ehrenamtlichen das Gesicht der Kirche zunehmend, das Verhältnis zu beruflich Mitarbeitenden bedarf einer Neugestaltung.

Der Prozess im Überblick

Alle können daran teilhaben – und dies gilt für die Ebene der Kirchengemeinden, -kreise und Einrichtungen. Alle Ebenen der Landeskirche werden sich überprüfen, ob Regelungen oder Gesetze sowie andere strukturelle Vorgaben neuen Lösungen im Wege stehen. Zudem richtet sich der Blick über den eigenen Kirchturm hinaus – in Richtung von Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen oder Initiativen aus Kunst und Kultur. Verschiedene Problemfelder dort lassen sich durchaus mit kirchlichen vergleichen.

Was bewahrenswert ist, soll bleiben. Wo allerdings die Resonanz inzwischen fehlt, darf es auch ein mutiges Loslassen geben. Der neue Prozess lädt ausdrücklich dazu ein, bestehende Strukturen radikal zu hinterfragen. Deshalb: Scheitern ist erlaubt, Ausprobieren ebenso. Alle Erfahrungen – auch vermeidbare Fehler – sind für den Prozess wertvoll.

Zur Identifikation und Vernetzung von Problemen und Lösungsansätzen steht den Kirchengemeinden, -kreisen und Einrichtungen das Zukunftsprozess-Team zur Seite. Es umfasst 4,5 Vollzeitstellen unterschiedlicher Kompetenzen, die für die Zeit des Zukunftsprozesses beratend und als Dienstleister*innen agieren. Sie helfen beim Aufbau eines Prozesses, suchen vielleicht notwendige externe Fachleute oder unterstützen bei Veranstaltungen. Vor allem sorgen sie für einen steten Informationsfluss zwischen allen Beteiligten und gestalten ein auch digitales Ideen- und Beteiligungsportal.

Zentrale Ideenschmieden können zum einen sogenannte Erkundungs-Workshops sein, die sich einem konkreten Problem oder einer Herausforderung widmen und dazu auch kirchenferne Fachleute mit an den Tisch holen. Darüber hinaus können sich sogenannte Forscherteams auf Reisen begeben: Wie geht ein Automobil-Bauer mit der digitalen Transformation um?

Wie finden Sportvereine wieder Nachwuchs bei Teilnehmenden und Teamer*innen? Wie stellen sich Kommunen sozial und finanziell prekären Vierteln und managen die Vernetzung von Beteiligten? Kirchengemeinden, -kreise oder auch Einrichtungen können eigene Mitglieder und Mitarbeitende in einer kleinen Gruppe zu Gesprächen entsenden mit den Entscheidern an gänzlich kirchenfernen Wirkungsstätten. So gelingt zugleich die Öffnung kirchlicher Strukturen nach außen und erlaubt spannende Einblicke.

Ausdrücklich alle. Die Zukunft unserer Kirche gestalten ehrenamtlich wie beruflich Tätige in allen Gemeinden und Kreisen wie auch in den Einrichtungen oder den kirchenleitenden Ebenen. Und es ist ganz egal, ob es vor Ort bereits einen Zukunftsprozess gegeben hat, dieser gerade läuft oder noch gar keine Planung begonnen hat.

Vor allem eine Verstärkung: Weil sich viele Problemfelder gleichen und überall die meist sehr ähnlichen Veränderungen in Gesellschaft oder auch bei den Ressourcen (Personal, Finanzen) Kirche vor Herausforderungen stellen, offenbart die Vernetzung vor allem Verbündete. Niemand muss ein vielleicht andernorts bereits vorhandenes Rad alleine neu erfinden.

Der erste Schritt läuft bereits: Die Kirchenkreise legen bis Juni 2022 die Ergebnisse ihrer Planungsprozesse vor. Diese sollen als „wertvolles Material und Inspirationsquelle“ für die Überlegungen des Zukunftsprozesses dienen, dessen Ergebnisse wiederum zur Synodentagung im Herbst 2024 vorliegen sollen.

Auf der Herbsttagung der 26. Landessynode wurde der sogenannte Koordinierungsrat gebildet: Ein Gremium – besetzt mit Synodalen sowie Vertreterinnen und Vertretern der kirchenleitenden Organe –, welches zum einen den Informationsfluss zwischen Landessynode, Zukunfts-Team und kirchenleitenden Organen (wie dem Kolleg) sicherstellt. Zum anderen kann das Gremium im Laufe des Prozesses bei Bedarf nachsteuern.

Der Koordinierungsrat bringt die Besetzung der Stellen für das Zukunftsprozess-Team auf den Weg, damit dieses sobald wie möglich seine Arbeit aufnehmen kann. Ein erster wichtiger Schritt wird dann eine Auftaktveranstaltung im Sommer 2022 sein, auf der sich die Instrumente des Zukunftsprozesses und ihr Wirken vorstellen können.

Das Gleiche gilt auch für bereits laufende Aktionen und Projekte, die für andere Kirchengemeinden,- kreise und Einrichtungen bereits nachahmenswert sind. Mit der Auftaktveranstaltung beginnt dann die Arbeitsphase für die Forschungsteams und die Erkundungsworkshops in Kirchengemeinden, Kirchenkreisen und kirchlichen Einrichtungen.

Ein Moment der Stille als Ausgangspunkt

Pastorin Doris Jäger erzählt

Wie kann es weitergehen mit unserem sanierungsbedürftigen Gebäude? Das war im August 2017 der Ausgangspunkt für die „Kapelle der Stille“ in der evangelisch-lutherischen Bonnuskirche in Osnabrück. Pastorin Doris Jäger, die Initiatorin des Projekts, berichtet im Gespräch davon, welches Bedürfnis die Planungen geleitet hat: „Eigentlich stand nur eine Sanierung an. Aber es ging uns auch um den enorm wachsenden Bedarf der Menschen nach Ruhe. Nach einem sakralen Ort, zu dem Menschen gern kommen, an dem sie auch die Schuhe ausziehen können.“

Man habe auch „Raum schaffen wollen für geistliches Wachstum“. Dreieinhalb Jahre läuft das Projekt nun, und man habe viele positive Rückmeldungen bekommen: „Menschen finden hier in der Stille zu Gott, mit Klangschalen, meditativem Tanz oder ganz anders. Das sind für uns schon sehr beglückende Erlebnisse“.

Das Projekt habe dabei keineswegs der Ursprungsplanung entsprochen, sagt Jäger: „Unser Zeitplan hat nicht geklappt.“ Aber die eigentlich provisorische Zeltkirche mit ihrer reduzierten Optik habe einen ganz anderen Effekt gehabt: „Sie lässt Menschen sofort zur Ruhe kommen.“ Sorgen um die Zukunft macht sich die Osnabrücker Pastorin nicht: „Wir möchten uns der göttlichen Kraft anvertrauen.“ Und der Lerneffekt für den Zukunftsprozess der ganzen Landeskirche? „Ich wünsche mir viel Gespräch und viel Zuhören der einzelnen Gremien und Fachbereiche untereinander“, sagt Jäger. Transparenz und Vertrauen seien wichtig. „Und dass eigentlich jede Begegnung und jede Sitzung mit einem Moment der Stille beginnt.“

Kirche macht sich auf den Weg

Jens Monsees über den Zukunftsprozess in Bederkesa

Pastor Jens Monsees arbeitet als pädagogisch-theologischer Mitarbeiter im Evangelischen Bildungszentrum Bederkesa. Er ist Mit-Initiator der Initiative 'Kirche... geht!’, die sich mit einem Workshop Anfang Dezember auf den Weg machen will. Wohin? Das will Monsees den teilnehmenden Gemeinden und Einrichtungen keineswegs aufdrücken: „Wir würden gern mit Haupt- und Ehrenamtlichen aufbrechen und in einer Lerngemeinschaft, einer Suchbewegung darüber nachdenken, wie Veränderung gemeinsam gestaltet werden kann“.

Der Workshop soll der Startpunkt sein für einen zeitlich nicht begrenzten, aber zunächst für ein Jahr geplanten Prozess. Monsees, der viele Jahre in Greifswald am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG) geforscht hat, hat dabei das Format „Spirituelles Gemeindemanagement“ im Kopf. Der Titel klinge etwas sperrig, gibt Monsees zu: „Aber es handelt sich um zwei Dinge, die oft nicht zusammen gedacht werden: Spirituelles und Management.“

Ein Veränderungskonzept, das ursprünglich aus der Software-Entwicklung stammt, solle nun auch auf Kirche angewendet werden. „Unser Ziel ist es, dass Menschen sich bei Prozessen unterstützt fühlen. Sie sollen Instrumente kennenlernen, um das vor Ort selbst gestalten zu können, wie es für sie nötig und passend ist.“ Es geht nicht um etwas, das überall gleich sein muss: „Es muss vor Ort passen“. Wichtig sei vor allem der gemeinsame Weg - um von den Erfahrungen der anderen zu lernen. „Es gibt im Moment keinen Masterplan für die Zukunft der Kirche“, sagt der forschende Pastor. „Es gibt viele Ideen, viele Anregungen, aber auch viel Ungewissheit."

Und nun gehe es darum, auch Fehler zu machen - was in Unternehmen als Kultur zum Glück immer häufiger positiv gesehen wird. Monsees wünscht sich, dass "Gemeinschaften sich auf den Weg machen und losgehen."

Gemeinsam über die Zukunft reden?

Lasse Kück von der Evangelischen Jugend Osterholz

„Man ist immer so in einer Bubble“ - diese Erkenntnis trieb Lasse Kück und die anderen Mitglieder des Kirchenkreisjugendkonvents in Osterholz-Scharmbeck schon länger um. „Wenn ich mich mit kirchenfernen Menschen unterhalte, ist immer Skepsis da“, sagt Kück. „Kirche - das ist für viele negativ. Wir als Aktive sehen das anders und möchten, dass sie sich weiterentwickeln kann.“ Man wolle sie „für die Zukunft fit machen“ - und sie solle „alle Menschen ansprechen“. Dieses Ziel, das erkannten alle schnell, könne aber nicht erreicht werden, wenn Jugendliche und Erwachsene sich separat Gedanken machen. Und so ergab sich in Osterholz-Scharmbeck ein Weg zur Veränderung von Kirche durch die gemeinsame Sitzung aller Generationen im Kirchenkreis. Kirchenkreisjugendkonvent und Ehrenamtliche diskutierten im Sommer gemeinsam mit der Kirchenkreissynode über Jugendarbeit, neue Formen der Kommunikation, den Sonntagsgottesdienst und vieles mehr, das aus der Blase in die Zukunft führen kann. „Das Thema Zukunft in der Kirche interessiert einfach alle“, stellt Lasse Kück fest. „Wir haben dann noch sehr prägnant formulierte Thesen mitgebracht, zu denen alle etwas sagen konnten.“ Zwar habe aus Zeitnot kein konkretes Projekt beschlossen werden können. „Aus unserer Sicht wäre künftig eine konkrete Handlungsempfehlung gut, aus der sich dann nächste Schritte herauslesen ließen.“ Auf jeden Fall wollen man dieses Format wieder nutzen, sagt Lasse Kück: „Denn wenn sie sich den Menschen zuwendet, dann ist Kirche auf jeden Fall auch zukunftsfest.“

WasWannWo?